Der steinige Weg zum Abschied

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker mit Mahlers neunter Symphonie bei den Festtagen 2016

Von Sascha Krieger

Es ist mittlerweile schon Tradition: Wenn die Berliner Staatsoper um Ostern herum ihre Festtage durchführt, sind die Wiener Philharmoniker mit dabei. Das Orchester und den musikalischen Leiter des Berliner Opernhauses, Daniel Barenboim, verbindet eine lange und intensive Beziehung, die den Klangkörper immer wieder nach Berlin zieht – auch für 2017 ist das Orchester wieder fest gebucht. In den vergangenen Jahren blieben die Wiener bei ihren Berliner Gastspielen meist in ihrem Kernrepertoire: viel Mozart, ein bisschen Schubert, kein Risiko. Das ist in diesem Jahr anders: Mit Gustav Mahlers neunter Symphonie steht ein Werk auf dem Programm, welches das Orchester aus seiner Komfortzone holt, eines, für das auch dieses Spitzenensemble hellwach sein muss und bei dem es nicht allein schon mit seinem einzigartigen Klang verzaubern kann. Mahlers Neunte ist harte Arbeit und das ist in jeder der rund 80 Minuten zu spüren.

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Foto: T. Bartilla)

Daniel Barenboim und die Wiener Philharmoniker bei den Festtagen 2014 (Bild: T. Bartilla)

Zunächst verlassen sich die Wiener daher auf ihre Stärken: Hell und klar füllt der unnachahmliche Streicherklang den Raum. Das bezaubert, hält aber nicht lang vor. Bald müssen sie doch hinein, Dirigent und Orchester, in diese schroffe Klanglandschaft, dieses letzte vollendete symphonische Statement Mahler, das von Abschied spricht, aber eben auch von so viel mehr. Viel Unruhe ist das im ersten Satz. In den besseren Momenten erinnert das an ein unterirdisches Brodeln, ein Vulkan, der seinen Ausbruch vorbereitet. Zu oft jedoch ist da dieser Eindruck der Unebenheit, hat der Kopfsatz eine enorme Unwucht. Wiederholt kippt das Klanggebilde ins Wuchtige, übertrieben Massige, findet sich keine Balance im Nebeneinander von breitem Ausfließen und fragmetarischem Abbrechen. Dramatik und Zerfall sind die beiden Pole des Satzes, aber sie stehen nebeneinander, reiben sich nicht, sondern lassen ihn auseinanderfallen. Barenboim gelingt es nicht, die Gegensätze in eine fruchtbare Interaktion zu bringen. So viel hier zu passieren scheint, so spannungsarm wirkt das auch, weil die Richtung fehlt. Da bleibt alles Episode, erfreut man sich mal am berückenden Wohlklang der Streicher, werden dann die Entladungen wieder so muskulös, dass es kraftmeierisch wirkt. Die zerklüftete Klanglandschaft, die Dramatik, dir Unruhe, sie wirkten bemüht, wie aufgesetzt, weil sie sich nicht aus der Musik heraus entwickeln dürfen.

Das bleibt auch in den Mittelsätzen so. Im zweiten rückt Barenboim Mahlers Anweisung „derb“ in den Mittelpunkt, taumelt der Satz zuweilen beinahe ins Groteske, klingt er streckenweise wie seine eigene Karikatur. Wird das Geschehen ruhiger, plätschert es seltsam ereignislos dahin. Ein Lichtblick sind die Bläser, deren scharfe Einwürfe wie schon im Kopfsatz als Störer und Unruhestifter agieren. Nur leider gibt es zu wenig, woran sie sich reiben könnten. Im dritten Satz betont Barenboim das „Schiefe“, streicht die Tendenzen in Richtung Atonalität ein wenig überdeutlich heraus, was dem Werkzusammenhang wiederum nicht zuträglich ist. Wenigstens gelingen die Satzschlüsse: der nachdenklich elegische Ausklang im ersten, der druckvoll zügige im dritten.

Zurück also auf Null im Finale. Und auch wenn die Unebenheiten bleiben, die Forte- und Fortissimo-Passagen oft zu massiv bleiben, kommt der Satz dem Finden einer Mitte am nächsten. Weit ausladend, zuweilen fast schwelgerisch sind die Bögen, welche die Streicher ausspielen, scharfkantig und detailscharf die Abbrüche, die dem Geschehen einen fragmentarischen Gestus verleihen. Das Weite, Raumgreifende und das Kleinteilige, Bruchstückhafte, plötzlich etwickeln sie so etwas wie Spannung. Zauberhaft berührend die Klagegesänge von Solovioline und hohen Holzbläsern, wenn sich, kaum merklich zunächst, das Zwielicht des Abschieds über die Szenerie liegt. Ein letztes Mal baut sich die Streicherwand auf, trotzig, fast ein wenig Bedrohlich, und ist doch schon Erinnerung. Am Schluss tastet sich das Orchester, behutsam, fast scheu dem Ende entgegen, dünnt sich der Klang schrittweise aus und wird zugleich offener, lichter, ehrlicher. Unendlich zart deuten die Streicher die Vergänglichkeit aller Schönheit an. Am Ende lässt Barenboim das Werk ausklingen, nicht aushauchen. Die Stille nach dem letzten Ton ist voller Klang, erinnert und doch präsent. Ein Abschied, der kein Ende ist. Es war ein harter, steiniger Weg.

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