Musik der Zerrissenheit

Das DSO unter Tugan Sohiev spielt Mahlers sechste Symphonie

Von Sascha Krieger

Gustav Mahlers sechste Symphonie ist ein störrisches Wesen. Und ein seltsames noch dazu. Formal ist sie Mahlers klassischste: Vier Sätze in der üblichen Anordnung. Wobei hier schon der erste Widerhaken steckt: In welcher Reihenfolge Andante und Scherzo zu spielen sind, ist höchst umstritten. Und kaum schaut man weiter hinein, fällt auf: Hier ist nichts klassisch und auch wenig Mahleresk. Die zusammenfassenden Beschreibungen, gern in einem Satz, die sich von ihren symphonischen Geschwistern oft anfertigen lassen, sind bei ihr nicht möglich. Wer von ihr als der „Tragischen“ spricht, hat nicht richtig zu gehört. Will man ihr ein Label geben, dann vielleicht das, was Tugan Sokhiev ihr in 80 intensiven Minuten mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin verpasst: die Zerrissene.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: David Beecroft)

Sokhiev kommt sofort zu Sache: Der erste Satz beginnt zügig, kompakt, dicht, mit einigem an angestauter Kraft. Die Binnenspannung ist hoch, unter der Oberfläche brodelt es. Harte Kontraste werden gesetzt in dieser schier endlosen Abfolge von Ansätzen und Abbrüchen. Klar akzentuiert sind die Unterschiede der unterschiedlichen Fragmente, zu der Sokhiev und das Orchester die thematische Arbeit nicht nur des Kopfsatzes kondensieren, in Rhythmik, Metrum und Ausdruck. Kaum hat man sich mit der zerklüfteten Landschaft abgefunden, dringt plötzlich dieser Choral ein: fein gesponnen, schwebend, leicht und ungreifbar, als käme er aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit. So präsent, so ganz da vieles wirkt, wozu auch die immer wieder an die Grenzen gehenden mutliplen Forti beitragen, so körperlos, fremd, weit weg ist dieser Einbruch. Nein, diese Welt kennt keine Einheit, hat keinen gemeinsamen Nenner, außer vielleicht die Zerrisseneheit, die kein Fortschreiten erlaubt, die Raum und Zeit aufeinander prallen und ineinander fahren lässt. Das Schlagzeug ist stets präsent, es strukturiert und dekonstruiert, gleißende Schärfe und schwebende Zartheit sind nur Sekunden voneinander entfernt. Gegen ende des Satzendes versuchen sich die Bruchstücke zusammenzusetzen und produzieren doch nur musikalische Gewalt. Keine Harmonie, nirgends.

Vom Zögern, das sich immer weiter in Richtung Paralyse bewegt, bestimmt ist das anschließende Andante. Ermüdet vom Anrennen des Kopfsatzes, mäandert die Musik ziellos entlang. Das zwielichtige Schweben des ersten Satzes, das, von den entrückten Akzenten der Celesta bestimmt, zart und befremdlich zugleich sein kann, kehrt zurück. Der Satz ist auf der Suche, je länger er dauert, desto verlorener wirkt er. Und wieder ist da der Versuch, der Zusammenballung, des Kraft- und Fortschritterzwingenwollens. Und erneut geht das schief. Hart und schroff dann das Scherzo. Die Pauken übernehmen die Kontrolle, viel Zug ist in dieser Musik, aber noch weniger Richtung als schon zuvor. Das Anrennen wird beinahe manisch und obsessiv, die Einzelteile zerfallen zusehends, jede Beschleunigung wird schnell abgebremst, das Satzende gleicht einem Fahrzeug, das zum Stillstand kommt.

Also: nochmaliges Ansetzen im Finale. Mal sind die Versuche druckvoll, mal zögerlich, stets werden sie abgebrochen. Versucht es die Musik mal mit weiten melodischen Bögen, die vor allem die Streicher exzellent beherrschen, klumpt sich das Geschehen bald massig zusammen. Dann bricht die Celesta herein, scheint eine ferne, fahle Sonne, bevor sich der Himmel erneut bewölkt. Es ist eine Welt der Ambivalenz, die Sokhiev und das DSO hier aufbauen, eine Welt, in der Licht und Schatten den gleichen Moment teilen, Hell und Dunkel sich nicht trennen lassen, Hoffnung nie ohne ihr Gegenteil auskommt. Lyrik und Härte fallen sich gegenseitig ins Wort, Kontraste prallen aufeinander und auch im musikalischen Material selbst ist der Gegensatz immer angelegt. Die Unsicherheit zwischen Dur und Moll arbeitet Sokhiev fein heraus. Nicht ist hier klar, eine Musik, vielleicht auch ein Komponist am Scheideweg. Von der Gewissheit der Fünften ist hier nichts mehr zu spüren. Am Ende bricht denn auch die Dunkelheit unvermittelt und unerwartet ein, in Form eines fahlen Trauermarschs. Auch diese Verdunkelung ist keine Lösung, ist nur eine weitere Episode in diesem Gesang von der Zerrissenheit der Welt.

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