Des Wutbürgers Kern

Franz Kafka: Ein Käfig ging einen Vogel suchen, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Von Sascha Krieger

Andreas Kriegenburg gilt nicht gerade als dezidiert politischer Regisseur. Er ist der Meister des Visuellen, Erschaffer suggestiver und subversiver Bilderwelten, die mal nur schön sind, an seinen besten Abenden jedoch Geschichten erzählen, die tiefer gehen, als Text und Spiel und all die schönen Dinge, die dem Regietheater zur Verfügung stehen, so nicht zu erzählen vermögen. Aber Kommentare zur Gegenwart? Die stehen bei ihm, wenn überhaupt, meist zwischen den Zeilen. In seinem neuen Kafka-Abend lassen sie sich nicht überlesen. Mehr noch: Es ist wohl keinem Regisseur bislang gelungen, das Gebräu aus selbstgebauter Angst, Engstirnigkeit und unverhohlenem Hass, dass derzeit über die Republik schwappt (und nicht nur über diese) mit solcher Schärfe auf den Punkt zu bringen.

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Bild: Sascha Krieger)

Dabei beschränken sich die Gegenwartsbezüge auf kurze Radiomeldungen über die so genannte „Flüchtlingskrise“, die der Abend gar nicht bräuchte. Kriegenburg findet den „besorgten“ Wutbürger bereits in ausgewachsener Form bei Franz Kafka. Zwei Texte bilden das Grundgerüst des Abends: Im Blumfeld, ein älterer Junggeselle, wird die wohlgeordnete Welt der Titelfigur, die vor allem darauf beruht, die Außenwelt draußen zu halten, durch die plötzliche Ankunft zweier unaufhörlich hüpfender Bälle gestört, in Der Bau schafft sich ein Tier einen sicheren Ort und steigert sich in eine lähmende Paranoia hinein, die sich immer weiter verstärkt, je objektiv sicherer der Protagonist ist. In beiden Texten geht es um die Angst vor dem Fremden, vor der Außenwelt, eine Angst, die lähmt, das ganze Leben bestimmt und die, wie Kriegenbürg in einer eindringlichen Schlussszene zeigt, in Mob-Mentalität und Gewalt endet.

Vier Kästen hat Kriegenburg auf die Bühne gestapelt, auf einander getürmt, zuweilen in einander einbrechend. Sie alle sind identisch möbliert, schlicht und ein bisschen spießig, bewohnt von grauen Männern in grauer Kleidung, die alle gleich aussehen (sie tragen Masken) und das gleiche tun. Der Ordnungsdrang ist stark: Fast die gesamten 110 Minuten ergehen sich die grauen Männer in Ritualen, vom Früstück bis zum Sport, vom Ankleiden bis zum Finden der bequemsten Sitzposition im Zimmer. Rituale, deren Zwanghaftigkeit in unendlichen Wiederholungen und in der Multiplizierung durch bis zu sechs Blumfelds akzentuiert werden. Ordnung und Sicherheit sind das A und O, jedes Eindringen von etwas Fremden wird als Gefahr empfunden. Und so zeigt sich die Außenwelt in Form von zwei zwillingshaften Mädchen im grellroten Kleid, die bewusste Wiedergänger von Stanley Kubricks halluzinierten Mädchen in The Shining sind. Das Fremde, es ist der pure Horror.

Dabei ist die Ordnung längst zerstört. Die Zimmer-Käästen sind schief und unförmig, rechte Winkel Fehlanzeige und sie sind so übereinander getürmt, dass vor allem der oberste mächstig Schlagseite aufweist. Betritt dessen Blumfeld den Raum, rutscht er erst einmal ab und braucht Minuten, um Fuß zu fassen. Nein, eine Ordnung, die auf der Illusion der Abschottung basiert, ist eben nur eine imaginierte. Da wird der Rückzugsraum schnell fremd und selbst zur Bedrohung, führt das ordnungstiftende Ritual des Krawattenbindens zunächst in obsessive Zwanghaftigkeit und endet fast in kollektiver Strangulation. Doch was ist die Alternative: das Außen einzulassen? In einer furiosen Denkschraube verhandelt Blumfeld die Möglichkeit, sich einen Hund anzuschaffen. Am Ende obsiegen Zweifel und Angst. Also bleibt nur der Griff zum Messer und Molotow-Cocktail, wird aus Eishockeyschläger und Messer eine Sense gebaut und erwartet man am Ende die Invasion der fremden Horden.

Erzählt werden die mit weiteren Kafka-Texten angereicherten Geschichten durch verschiedene, stets weibliche Erzählinstanzen sowie im Wechsel durch die multiplen grauen Besorgtbürger. Dabei gelingt es gut, den Sprechduktus sich in einer Spirale zunehmender Panik verfangen zu lassen, aus dem es keinen Ausweg gibt, weil sich die selbstgeschaffene Angst wie ein Perpetuum Mobile immer weiter selbst befeuert. Die Abwehr des Fremden wird zum Lebensinhalt, zum ultimativen Lebenssinn, tun sich einmal fünf Einzelne zusammen, dann nur, um einen sechsten abzuwehren. Wer verstehen will, was die viel beschworene Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit in ihrem Kern bedeutet und warum sie sich so äußert, wie sie es in Dresden und anderswo nicht nur in Deutschland tut, der betrachte diese Essenz des deutschen, nein, europäischen Wutbürgers und Besitzstandwahrers, des in seiner Angst Gefangenen und aus ihr seine Welt Bauenden, und er betrachte sie lang und eingehend.

Der Pegida-Schreier und AfD-Wähler, ihn gab es schon zu Zeiten des Prager Versicherungsbeamten und deutschen Juden Kafka, und er hat sich kaum verändert. Will man am Abend etwas kritisieren, dann das ein paar unnötige Textzugaben gegen Ende die Plakativitätsschraube ein wenig weit drehen, wodurch er ein paar Länge bekommt. Über weite Strecken ist Ein Käfig ging einen Vogel suchen jedoch ein gestochen scharfer, beißend satirischer, ungemein komischer und doch erschreckender analytischer wie entlarvender Blick auf die Macht der Ordnung, die so oft zu Ausgrenzung, Hass und Gewalt geführt hat und führt. Am Ende ist mitten im Satz Schluss. Die Blumfelds müssen weg. Vermutlich nach Dresden.

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