Im Zwielicht der Toten

Isaac Bashevis Singer: Feinde – die Geschichte einer Liebe, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Yael Ronen)

Von Sascha Krieger

Ein Mann schält sich durch eine falltür im Bühnenbode. Frauenhände klammern sich an ihn, versuchen ihn herunterzuziehen. Sie umarmen sich, klammern sich aneinander, versuchen sich loszulösen. Die Bühne ist im Zwielicht, auf einer Rückwand erscheint ein schwarzer Schatten. Yael Ronens Inszenierung von Feinde – die Geschichte einer Liebe beginnt mit einem Albtraum und sie wird in nie verlassen. Der Träumende heißt Herman Broder, Shoah-Überlebender mit einer vermeintlich toten Frau, definitiv ermordeten Kindern, einer neuen Frau, die einst seine Retterin war und einer Geliebten. Aleksandar Radenković spielten diesen Herman als weißes Blatt, als Schatten, getrieben, entscheidungsunfähig, ein Spielball der Hilflosigkeit. Je mehr er die Vergangenheit abzuschütteln versucht, desto mehr ergreift sie von ihm Besitz. Wird er mit einer seiner drei Frauen intim, greifen weiße Geisterhände nach ihnen. Hinter ihm spielen seine Geisterkinder auf einer Geisterschaukel.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Bei Yael Ronen wird der Roman des Literaturnobelpreisträgers Singer zum Totentanz. Skeletthaft schon die Bühne: Nackte Gerüste und Podeste mit kargster Kulissenandeutung (Bühne: Heike Schuppelius) teilen die Bühne in drei Bereiche auf. Jede gehört einer der drei Frauen, die, wenn Hermann bei einer anderen ist, aufmerksam zuschauen, mal verloren, mal erregt. Herman schleppt seinen Ballast immer mit sich, die Toten wie die vermeintlich Lebenden. Die Frauen, das sind: das ehemalige polnische Dienstmädchen, das Hermann drei Jahre lang versteckte und das er heiratete (gutmütig und mit wachsender verzweifelter Wut: Orit Nahmias), die Geliebte Mascha, die Herman auf der Flucht kennenlernte (vor Schmerz überdreht bis zur Hysterie: Lea Draeger), die ihren Stolz vor sich her tragende Totgeglaubte Tamara (Çiğdem Teke). Sie alle haben ihr eigenes Päckchen zu schultern, Vertriebene, Verstoßene, Verlorene. Sie alle brauchen Herman, um sich einen Rest von Leben zu behaupten, und er braucht sie. Doch wenn keiner mehr zu geben hat, woher nehmen?

Das Zwielicht vergeht nicht an diesem Abend, das Licht scheint punktuell auf die jeweils aktuelle häusliche Miniatur, es ist ein Licht des Schon-nicht-mehr-ganz-da-Seins, des nur scheinbar Lebendigen. Es ist ein reduzierter Abend, der nicht das Spektakuläre sucht, der in Zwischentönen agiert, der Zwischenräume auslotet, Brüche, in denen die Fassade zerfällt und das mühsam Versteckte hervortritt. Die Ruhe, die außer Mascha alle Figuren auszeichnet, ist jene des Friedhofs, des Massengrabs, des ausgelöschten. Bei Herman mutiert sie zur Rastlosigkeit. Er wechselt zwischen den Stationen, erklimmt auch mal eine Gerüstbrücke ganz oben, trägt Trenchcoat oder Unterwächse, Kleidung des Unentschiedenen, und kommt nie an, weil es nichts mehr gibt, wo er ankommen könnte. Dabei ist der Abend streckenweise sehr komisch, werden die Versuche, Nähe zu finden, wird die Unfähigkeit zur Wahrheit des öfteren zum Slapstick, angetrieben vom eigentlichen Zentrum dieses Abends, der zwischen Rock und Klezmer und Tango ebenfalls im Unentschiedenen schwebenden Musik Daniel Kahns, dessen Lieder Hermans Lebensverrenkungen gern auch ironisch kommentieren.

Je größer das Gelächter in einem Moment, desto bodenloser der Sturz im nächsten. Die Komik liefert die Fallhöhe für die Figuren und ihre Geschichte. Natürlich ist das Liebesdreieck hochkomisch, lächerlich gar, aber es gähnt unter ihm auch ein Abgrund, ist es doch nur Ausdruck einer Verlorenheit, die aus höchster Entmenschlichung geboren ist. Es ist wohl das größte Verdienst des atmosphärisch bis an die Grenzen des Erträglichen dichten Abends, beides in eine durchaus fragile Balance zu bringen. Die Lächerlichkeit boulevardesker Liebesverwicklungen paart sich mit der grotesken Unfassbarkeit des Unaussprechlichen. Die Toten lieben und klagen und klammern und leiden, doch sie werden nicht mehr lebendig. Es ist Ronen anzurechnen, dass sie die Flüchtlingsthematik, die im Buch steckt, nur subtil andeutet, statt sie plakativ ins Zentrum zu zerren. Die Heimatlosigkeit ist Teil und Folge der Auslöschung, die diesen Albtraumwandlern angetan werden sollte. Feinde klagt nicht an und karikiert nicht, sondern zeigt. Zeigt die Verlorenheit der nirgends Gewollten, der Schmerzgeplagten, die irgendwann sich selbst nicht mehr wollen, weil die Last zu schwer geworden ist. Die sich selbst nicht halten können und die keiner auffängt. Vielleicht ist ersteres ohne letzteres nicht möglich und womöglich lassen sich unter den 1950er-Jahrekostümen die Vertriebenen und Heimatlosen von heute erkennen. Der Abgrund, er gähnt noch heute.

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