Schöne einfache Welt

Borgen, nach der TV-Serie von Adam Price, entwickelt mit Jeppe Gjervig Gram und Tobias Lindholm, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Nicolas Stemann)

Von Sascha Krieger

Der Norden Europas und insbesondere Dänemark hat sich in den letzten Jahren den Ruf erworben, außergewöhnlich gutes Fernsehen zu produzieren, das es locker mit US-Qualitätsware aufnehmen kann. Paradebeispiel ist Borgen, die drei Staffeln umfassende Politserie um die idealistische Politikerin Birgitte Nyborg, die überraschend Ministerpräsidentin wird und sich bald in den Niederungen der Realpolitik und politischer Machtmechanismen wiederfindet. Weltweit erfolgreich gilt das Format vielen als beste und realistischste Politikserie aller Zeiten. Für Nicolas Stemann Grund genug, sie nun auf die Theaterbühne zu wuchten, zumal viele der behandelten Themen wie Rechtspopulismus und Flüchtlingsbewegung heute mehr als aktuell sind. Zwei Kernsätze hat er sich herausgepickt, die leitmotivisch die knapp vier Stunden durchziehen: „Kann man politisch erfolgreich sein und dennoch man selbst bleiben?“, lautet der erste. Der zweite stammt von Serienerfinder Adam Price: „Ich möchte, dass es einen Kern in Birgitte Nyborg gibt, der echt ist.“ Und hier beginnt das Problem des Abends, wo erstere Frage in der Serie durchaus unentschieden bleibt und letzterer Satz klar bejaht wird, macht Stemann aus ihnen eine rhetorische Frage und ein zunehmend sarkastisches Statement. Bei ihm sind alle Politik verdorben und die Medien korrupt. Schöne einfache Weltsicht.

Bild: Arno Declair

Bild: Arno Declair

Und so ist Borgen  simples Thesentheater. Wo Birgitte Nyborg in der Serie mit ihren politischen Überzeugungen und den Notwendigkeiten der Realpolitik ringt, verkümmert sie bei Stemann zur Meisterin der Selbstinszenierung. Exemplarisch ihre Neujahrsrede, in der sie an Mitgefühl und Solidarität der Dänen appelliert. Stephanie Eidt strahlt dagegen am Ende ins Publikum, zufrieden mit der gelungenen Show. Dabei bemüht sich Eidt redlich, wirkt ihre Birgitte durchaus redlich und zerrissen, doch wird das gleich als bloßes Kalkül denunziert. Noch schlechter kommt die Investigativjournalistin Katrine weg: Sie erscheint als karrieregeile Rampensau, der es nur um Ruhm, Ehre und den Kauling-Preis geht. Am schlimmsten dran sind jedoch die Männer: Ex-Widersacher Laugesen gerät bei Sebastian Rudolph zum aasig grinsenden Zigarrenraucher, „Spin Doctor“ Kesper Juul (Tilmann Strauß) ist ein grobschlächtiger Manipulator und Birgittes honoriger Mentor Bendt verkommt bei Regine Zimmermann gar zum tattrigen Lustgreis.

Alles ist gespielt, Kameras begleiten die Figuren ohne Unterlass über eine typische Stemann-Probenimitationsbühne, dominiert von einem Leseprobentisch, Teleprompter schreiben jeden Text vor. Jede Zeile, so sagt uns das, ist geskriptet, selbst das vermeintlich Private – beispielhaft die Intimitätsinszenierung mit dem Noch-Ehemann, der sofort der Scheidungswunsch folgt – ist bloßes Spiel. Wird es intim, spielt Musik, soll etwas vernebelt werden, wabert der, ja, Nebel. Alles korrupt hier, kein Idealismus nirgends. Pegida-ähnliche Wutbürger erscheinen und brüllen ihre Parolen, angestachelt vom Boulevard-Chefredakteur Laugesen. Die Medien als Populismus-Katalysator und Manipulatoren der „Volksseele“. Kein neues Vorurteil.. Politiker und Spin Doctors spinnen ihre Intrigen, Lobbyisten sowieso, Whistleblower enden im Selbstmord und das Private geht unter. Politikverdrossenheit und „Lügenpresse“: Es ist erschreckend, mit welcher Eindeutigkeit Stemann AfD- und Pegida-Vorurteile aufnimmt und unwidersprochen als Wahrheiten deklariert. Denn einen Gegenentwurf gibt es nicht, auch nicht im Privaten. Der zunehmend entfremdete Gatte (Rudolph) ist wenig mehr als ein weinerlicher Schlappschwanz, die altklugen Kinder (Zimmermann und Strauß) bestenfalls komische Einsprengsel. Ansonsten besteht der Abend aus einer These, die er dem Zuschauer fast vier Stunden lang einhämmert.

Dabei bedient sich Nicolas Stemann eines breiten Ausdrucksspektrums: von Probensituation bis Agitprop, von Brecht-Weillscher Liedinterventionen bis Lecture Performance, von Soap und Melodram bis chorischem Sprechen. V-Effekte allerortens, ständig wir die Gemachtheit des Geschehens betont und zur simplen Metapher für die Konstruiertheit des politischen wie medialen Scheins vereinfacht. Das postdramatische Handwerkszeug wird ausgepackt und erscheint zuweilen als bloße Routine. Das erwartet man halt von Stemann, also liefert er. Erkenntnisse sind Mangelware (die Erläuterung der ökonomuischen Aspekte von Flüchtlingszustrom und offenen Grenzen bildet eine Ausnahme), es gibt nichts hervorzuholen und aufzudecken, wozu man Stemanns Illusionsdurchbrechnungsinstrumentarium bräuchte. Alles liegt offen, von Beginn an. Dieser Versuch, eine Fernsehserie auf die Bühne zu bringen, scheitert auf ganzer Linie. Das liegt nicht am Ausgangsmaterial, sondern einzig und allein an Stemanns denkfauler Verweigerung einer Auseinandersetzung. An diesem Abend reicht ihm eine These, die er den Rest des Abends möglichst unterhaltsam variiert. Welch eine Material- und Zeitverschwendung.

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