Ein Selfie mit Werther

Nach Johann Wolfgang von Goethe: Werther!, Thalia Theater, Hamburg, Gastspiel am Berliner Ensemble, Berlin (Regie: Nicolas Stemann)

Von Sascha Krieger

Werther also, der Schrecken ungezählter Schülergeneration, die Urgeschichte des verlorenen jungen Menschen, der an seiner jugendlichen Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit zu Grunde geht. 1997 ist die Inszenierung entstanden, in einem Nürnberger Klassenzimmer. Philipp Hochmair kam damals frisch von der Schauspielschule, Philipp Stemann baute gerade eine kleine Truppe auf, die seine ersten Inszenierungen ermöglichte. 19 Jahre später ist ihr Werther! (seit 2009 im Repertoire des Hamburger Thalia Theaters) ein Welthit, ein Dauerbrenner, ein Gastspielfeuerwerk. Wo er gespielt wird, bevölkern mürrische Oberstufenklassen den Saal, die am Ende begeistert applaudieren. Beim Werther? Warum das so ist, ist ziemlich einfach zu erklären. In gerade einmal 70 Minuten beantwortet der Abend eine Frage, an der Generationen von Deutschlehrern gescheitert sind: Was hat Werther uns heute zu sagen? Was hat er mit uns zu tun?

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Werther!  hebt genau damit an. Hochmair betritt die Bühne, setzt sich an einen blumengeschmückten Tisch und beginnt zu lesen. Den Werther. Doch der Text bleibt fremd, der Blick wird skeptischer, der Textfluss stockt, immer wieder wiederholt er Passagen, doch kommt ihnen nicht näher. Was sollen diese pathetischen, hochtrabenden Ergüsse? Also probiert Hochmair anderes. Er deklamiert mit reichlich Pathos, wirft sich in heldische und ekstatische Posen, spricht getragene Bühnenmonologe an der Rampe. Ein Cowboyhut wird gefunden, also wird der Rebell und Lebenssucher Werther zum Westernhelden. Aber nein, auch das passt nicht so recht. Dann vielleicht der antike Dichter mit blanker Brust und goldenem Lorbeerkranz? Schon besser. Aber da geht noch mehr. Her also mit der Kamera, hinein in die Selbstinszenierung mit Live-Video, Bildüberlagerungen, Standbildern. Werther ist einer, der seine Rolle sucht, der sich als Leidenschaftlicher und Leidender definiert und in Szene setzt, wie es Hochmair hier tut.

Werther ist der Jugendliche, der seine Identität sucht, sich definieren will und muss, sich ausprobiert, bis er die passende Rolle gefunden hat. Und so ist dieser Werther!  eben vor allem ein Fest des Ausprobierens, spielfreudig, ungestüm, albern. Stemann und Hochmair finden in Goethes Text ein Pubertätsdrama, das letzterer genussvoll auszuspielen vermag. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt sind nur Sekundenbruchteile getrennt, auf Momente größten Glücks folgen Wutausbrüche mit fliegenden Salatfetzen, höchste Gefühle und intellektuelle Höhenflüge liegen neben sexuellen Reflexen – ganz wunderbar die Szene, in der Hochmair die durch eine Stablampe angedeutete Erektion mit seinem Homer besiegt – alles ist Wiederspruch, das Höchste und das Niedrigste im gleichen Moment vereint. Erwachsenwerden eben, Pubertät. Und dazu diese so typisch jugendliche Eitelkeit, die Selbstinszenierung, bei der auch schmerzvolles Schluchzen so lange geübt wird, bis es „sitzt“. Wenn der Höhenflug gestoppt ist, der Verlobte der Angebeteten zurückkommt, geht Hochmair. Drei-, vier-, fünfmal. Als Werther und als Philipp Hochmair. Gespieltes und Spiel sind untrennbar, Werther Schauspieler und Regisseur, Hochmair gibt sie beide.

Das Theatralische der Jugend, das Stemann und Hochmair so lustvoll und ohne jede Angst vor der diesem Lebensabschnitt inhärenten Lächerlichkeit herausarbeiten – ja, der Abend ist streckenweise zum Brüllen komisch – steht im Zentrum. Und nein: Im Zeitalter von YouTube, Instagram und Selfies (an die 1997 noch nicht zu denken war), ist dieser Werther trotz seiner gestelzten Worte, alles andere als fern. Hochmair spielt virtuos mit der Rolle, hält sie auf Distanz, verschmilzt mit ihr, fällt wieder aus ihr heraus. Das Theater wird hier zur Metapher der jugendlichen Selbstfindung und ist zugleich ihr Ausdrucksmittel. Jugend ist Theater und Theater ist Jugend. Zumindest hier. Auch der in geübter Pose eingefrorene Selbstmord ist Inszenierung, ist Spiel. Ja, das könnte man kritisieren, ist Suizid unter Jugendlichen doch beileibe kein Spaß, ist Werther auch hier als exemplarisch einzustufen (und das wird er auch oft genug). Das mag respektlos sein, zu wenig ernsthaft, oberflächlich. Aber hey: Darum geht es doch, oder?

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