Zum Tod von Nikolaus Harnoncourt

Von Sascha Krieger

Nikolaus Harnoncourt ist tot. Der in Berlin geborene Wiener Musiker, Dirigent und Orchestergründer starb am 5. März 2016 im Alter von 86 Jahren. Harnoncourt galt als Vorreiter der historisch-informiertem Aufführungspraxis, die auf historischen Instrumenten und mit ausgiebigem Quellenstudium versucht, dem Werk so nahe zu kommen wie möglich. Das allein wäre ein Verdienst und greift doch viel zu kurz. Im Gegensatz zu vielen seiner Nachfolger war Harnoncourt nie ein Dogmatiker, die historische Aufführungspraxis nie Selbstzweck. Ihn trieb anderes um und an. In einem Publikumsgespräch bei seinem letzten Berlin-Auftritt Ende 2014 sagte er, sein Ausgangspunkt sei stets, alles zu vergessen und sich der Partitur zu nähern, als wäre es die erste Begegnung. Sein Ziel war, jede Interpretation zur Uraufführung zu machen. Das Publikum sollte den Eindruck haben, ein Werk zum ersten Mal zu hören. Dabei konnten Techniken der historischen Aufführungspraxis helfen, waren aber nicht essenziell. Auch mit traditionellen Orchestern gelangen ihm Musikerlebnisse, die seinesgleichen suchten. Ich begegnete Harnoncourt sehr spät, bei seinem letzten Mal am Pult der Berliner Philharmoniker im Jahr 2011. Doch es war ein Schlüsselerlebnis: Wie er eines der bekanntesten Werke der Musikgeschichte, Beethovens fünfte Symphonie, erklingen ließ, als entstünde sie just in diesem Moment, öffnete meine Augen für die Möglichkeit von Musik.

Nikolaus Harnoncourt beim Konzert der Wiener Philharmoniker in Berlin (Regie: Werner Kmetitsch)

Nikolaus Harnoncourt bei seinem letzten Auftritt in Berlin, im November 2014 mit den Wiener Philharmonikern (Bild: Werner Kmetitsch)

Harnoncourt war kein Interpret, er bot keine Lesarten. Er stieg tief ein in ein Werk und führte es vor Augen, oft rau, immer frisch und stets so, dass man als Zuhörer gezwungen war, alle vorgefertigten Ideen und Erwartungen abzuwerfen. Er macht Musik zum Abenteuer, zur Entdeckung und war sich doch stets bewusst, dass auch seine Interpretationen eben solche waren, doch sie entstanden aus der Musik, aus der Partitur, aus ihrer Entstehungszeit heraus. Musik als Vergängliches, das im gleichen Moment geboren wird und vergeht – für ihn war der Moment die Essenz und gerade dadurch hat er ihn immer wieder transzendiert. Ob Bach, Mozart, Schumann, Beethoven oder Bruckner: Harnoncourt definierte den Dirigenteneruf um: vom Interpreten und Analytiker von schon Vorhandenem zum Entdecker von etwas ganz Neuem. Und hierin lag auch seine Kraft: Denn nur einer, der sich naiv und neugierig etwas Unbekanntem nähert, kann dies auch beim Publikum erreichen. Nikolaus Harnoncourt tat das bis zu seinem Abschied vom Pult im vergangenen Dezember. Er infizierte viele mit musikalischem Entdeckergeist und der Lust an der Musik, auch den Autor dieser Zeilen. Sein scharfer Blick, seine unbändige Energie, sein feiner Humor: Sie werden fehlen.

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