Der Blick aus dem Fenster

Tennessee Williams: Die Glasmenagerie, Komödie am Kurfürstendamm, Berlin (Regie: Katharina Thalbach)

Von Sascha Krieger

Das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm haben schon bessere Tage erlebt. Der neue Inhaber der Immobilie, zu der die traditionsreichen Bühnen gehören, hat hoch fliegende Pläne, die den Abriss der Theater beinhalten, die Existenz der beiden führenden Boulevardtheater-Bühnen der Hauptstadt ist akut gefährdet. Protestplakate zieren seit Wochen die Stadt, doch das Effektivste, was ein Theater in dieser Situation tun kann, ist, seine Relevanz zu beweisen. Da kommt ein Abend wie dieser gerade recht: Katharina Thalbach ist ein Name, der seit Jahrzehnten für Unterhaltung und Qualität steht, eine Berliner Institution, die Unterscheidungen von Boulevard und „seriösem“ Theater noch nie zugelassen hat. Die Berliner Prominenz lässt sich da nicht zweimal bitten: Neben so manchem halbvergessenen TV- und Filmgesicht versammelte die Premiere nicht weniger als einen (ehemaligen) Regierenden Bürgermeister, zwei Kulturstaatssekretäre und einen leibhaftigen Weltmeister-Bundestrainer. Es steht nicht zu befürchten, dass sich viele der Anwesenden gelangweilt haben. Vielmehr werden sie gesehen haben, was ein Theater wie dieses einer Stadt wie Berlin geben kann: Unterhaltungstheater auf hohem Niveau. Sollte diese Premiere ein Zeichen an die Stadt sein, dann ist die Botschaft eindeutig: Liebes Berlin, wir brauchen dich, aber du brauchst uns auch.

Bild: Barbara Braun

Bild: Barbara Braun

Theater-Chef Martin Wölffer, so war zu lesen, soll Thalbach inständig gebeten haben, nach dem Erfolg von Roter Hahn im Biberpelz einen weiteren Hit nachzuschieben. Da die Regisseurin aber keine Lust hatte, selbst wieder auf der Bühne zu stehen, fragte sie Tochter Anna, was sie denn gern mal spielen würde. Die Wahl fiel auf Tennessee Williams‘ Die Glasmenagerie, jene Geschichte um die Familie Wingfield, die der harschen Realität in Tagträume entflieht und sich darüber zerreibt. Hier wird das Familiendrama zur Geisterbeschwörung. Um die Zeit geht es, erzählt und Leonard Scheicher, der den Sohn Tom spielt und zugleich als Conférencier den Abend einrahmt. Er beginnt mit Zaubertricks und so ist denn das nachfolgende Familienspiel auch wenig mehr als eine Varieténummer, als ein Blick in eine eigentlich gar nicht so gute alte Zeit. Zeitgeschichtliches Mobiliar bevölkert eine Bühne aus weißen Vorhängen (Bühnenbildner ist Ezio Toffolutti, der einst schon mit Thalbachs Vater Benno Besson an der Volksbühne arbeitete), die irgendwo zwischen Traumwelt und vergilbter Erinnerung angesiedelt ist. Die exzellente Lichtregie taucht die Bühne in ein träumerisches, warm-nostalgisches Zwielicht, das so wenig von dieser Welt scheint wie die Mutter, die in einer verklärten Südstaatenvergangenheit schwelgt, oder die Tochter, für die ihre Sammlung aus Glasminiaturen Ersatzwelt ist.

Scheichers Erzähler stellt diese Realitätsverweigerung in den Kontext: In Spanien ertrinkt gerade ein Land im Blut des Bürgerkriegs und bald schon wird die Jugend, die sich gerade noch gedankenverloren vergnügt, in den zerstörerischsten aller Kriege ziehen. Emanuel Hauptmann steuert treibende Jazzrhythmen bei, die das Geschehen akzentuieren und illustrieren und die Scheicher am Schluss abwürgt. Schluss mit der Illusion, Schluss mit der Verneinung der Realität, Schluss mit der Behauptung einer Welt, die längst weiß, dass sie in den Abgrund, an dem sie noch tanzt, stürzen wird. Diese Glasmenagerie schaut auf eine Welt, die sich umso störrischer selbst behauptet, je mehr sie um ihren Untergang weiß, die diesen noch beschleunigt, indem sie ihn mit infantilem Trotz ignoriert. Das ist St. Louis , es könnte aber auch Berlin sein, und vielleicht schreiben wir gar das Jahr 2016, in dem so mancher die Augen schließt vor dem, was vor seiner eigenen Tür vor sich geht. In Deutschland wie in Amerika. Wer will, kann sich auf dem Fluss der Zeit treiben lassen, bis ins Hier und Jetzt, kann in Amanda Wingfield nicht die verblühte Südstaaten-Belle sehen, sondern jemanden, der uns begegnen könnte, wenn wir aus dem Theater heraustreten.

Der Abend erlaubt es, Assoziationen zur Gegenwart herzustellen, aber er ermöglicht es dem Zuschauer genauso, sich in erster Linie unterhalten zu lassen. Und das tut er zur Genüge. Ohne Zweifel: Die Figurenzeichnung gerät zuweilen sehr holzschnittartig. Vor allem Nellie Thalbach als Tochter Laura ist in ihrer graumäusigen Piepsigkeit arg plakativ und auch Mutter Anna als Amanda kippt ein wenig zu oft ins Albern-Lächerliche. Doch natürlich ist sie auch in der Lage, die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit ihrer Figur fühlbar zu machen. Das gelingt ihr weniger in den Ausbrüchen, in denen sie zetert und brüllt und keift, was ernst gemeint ist und doch oft farcenhaft platt wirkt. Besser wirkt Komik: In den Szenen, in denen sie am Telefon versucht, Zeitschriftenabonnements zu verkaufen, schwingt in all den lustigen Grimassen eine stille Verzweiflung mit, die eindringlicher ist als alles Schimpfen und Beleidigen. Da wird die herrische Amanda zur gepeinigten und verlorenen Seele, die Anna Thalbachs wiederholter Blick ins Leere als Kern dieser Figur bestätigt. Zwischen den Zeilen.

Das wirkliche Ereignis des Abends ist jedoch der 23-jährige Leonard Scheicher, der kurz vor seinem Abschluss an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ steht. Er nagelt die Rastlosigkeit und Zerrissenheit seiner Figur mit einer Unnachgiebigkeit, einer so kompromisslosen Energie auf die Bühne, dass er ganz allein in der Lage ist, die Paralyse einer Welt, die dicht weiß, wo sie hin will, zu verkörpern. Er ist der treibende Schlagzeugrhythmus und die Gespensterhaftigkeit der Zeitkapsel in weißen Vorhängen, er ist das Nicht-mehr und das Vielleicht, das sich dem Hier und Jetzt verweigert. Die Glasmenagerie in der Regie Katharina Thalbachs zeichnet in fast musikalischem Rhythmus und im zwischen den Zeiten und Wirklichkeiten wandernden Zwielicht das Bild einer Welt, die sich auflöst, die sich selbst verliert, weil sie sich ihrer selbst nicht zu stellen vermag. Der Abend ist exzellente Unterhaltung, auch wenn – oder weil? – er bisweilen überzieht und chargiert und nicht immer seinen Ton hält. Aber er ist, wie gutes Theater, egal ob am „Boulevard“ oder anderswo, eben auch mehr: ein Fenster (tatsächlich ein zentrales Element in der zweiten Stückhälfte) in eine Welt, in der wir, so wir denn wollen, so manches Bekannte wiederfinden können. Nein, irrelevant ist dieses Theater nicht.

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