Alles in Ordnung

Nach Siegfried Lenz: Das Feuerschiff, Deutsches Theater (Kammerspiele), Berlin (Regie: Josua Rösing)

Von Sascha Krieger

In Siegried Lenz‘ Erzählung Das Feuerschiff nimmt Kapitän Freytag eine Gruppe von Schiffbrüchigen auf. Freytag ist Kapitän eines Feuerschiffs, das, fest verankert, anderen Schiffen den Weg in trügerischen Gewässern weist. Leider erweisen sich die Geretteten als Verbrecher, angeführt von einem gewissen Dr. Caspary, der so schnell wie möglich weg will und dazu das Schiff braucht. Während Freytag versucht, den Konflikt friedlich zu lösen, plädiert sein Sohn Fred für Gewalt. Ein Vater-Sohn-Konflinkt, eine Auseinandersetzung um Ordnung (Freytag) und Freiheit (Caspary), ein Widerstreit zwischen Handeln (Fred) und Abwarten (Freytag). Da steckt viel drin, zu viel für einen 70-Minuten-Abend. Vielleicht ist es Josua Rösings Unerfahrenheit geschuldet, dies nicht wahrhaben zu wollen, denn all das versucht der Regisseur, seit 2013 Regieassistent am Deutschen Theater, der jetzt seine erste Regiearbeit vorlegt, in die gute Stunde, sie er sich gönnt, zu stopfen.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Bild: Sascha Krieger)

Und so sieht das dann aus auf Mira Königs nüchterner, aus einer Wand aus blauen Kunstlederquadraten, Sitzbänken aus dem gleichen Material und einem Metallgittefußboden, unter dem ein Abgrund gähnt, bestehenden Bühne: Freytag steht Caspary gegenüber und man redet. Freytag steht Fred gegenüber und man streitet. Casparys Kumpane Edgar und Eugen stehen bedrohlich herum. Überhaupt wird viel gestanden, auch der Schluss ist eine Art Familienaufstellung: Freytag und Caspary blicken in entgegengesetzte Richtungen, Fred und Edgar schauen sich das Ganze von der Seite an. Man redet über Ordnung und Freiheit, Sicherheit uns Risiko, der Sohn wirft dem Vater Feigheit vor, dieser sperrt sich gegen das Primat des Handeln. Es fallen Sätze wie: „Es gibt auch Leute, die ein Verlangen nach Unsicherheit haben.“ Oder: „Es ist nicht so leicht, sich vor Gewehrmündungen zu stellen.“ Oder: „Ich glaube, jeder Mensch gleicht seinem Gegner.“ Und (persönlicher Favorit dieses Rezensenten): „Wir alle sind doch Gefangene unseres Selbst.“ Der Abend ist eine einzige Sentenzenparade, vorgebrachtt mit getragener stimme und großer Ernsthaftigkeit. Man wirft sich die großen Weisheiten an den Kopf , aber es bleibt nichts kleben.

Das liegt nicht an den Schauspielern: Ulrich Matthes ist Freytag und er lädt seine in der Stückfassung von jeglicher Charakterisierung befreite Figur mit ein wenig trotziger Würde und stiller Verzweiflung auf, die seinem didaktisch gefilterten Text regelmäßig in den Rücken fallen. Hans Löw scheint ein wenig mehr Spaß an seinem Caspary zu finden, durch seine Mischung aus Charme, Sachlichkeit und passiv-aggressiver Kälte scheint ein Rest von Spiellust hervor. Da könnte etwas entstehen, aber nein: Die statische Grundordnung, das phrasenschwangere Textsubstrat lassen keinerlei Spannung aufkommen, zumal Rösings Regie auch nichts einfällt. Ein paar atmosphärisch dräuende Klänge und der unvermeidliche Videoeinsatz (Meereswellen auf vier zentralen Rückwandquadraten) verratetn nicht, dass hier einer ein Regiestudium abgeschlossen hat. Besonders ärgerlich wird es, wenn sich Freytag und Fred (Timo Weisschnur) gegenüberstehen.

Da verkauft uns der Regisseur Freytags Plattheiten – etwa jene, dass Handeln nicht immer die beste Wahl sein – als Lebensweisheiten, während der bedauernswerte Weisschnur als dummer Junge daneben stehen darf. Da freut man sich schon über die Duelle zwischen Freytag und Caspary, die wenigstens auf Augenhöhe stattfinden, auch wenn sie sich außer ein paar plakativen Dualismen nichts zu sagen haben. Was bleibt? Vielleicht, dass es nicht reicht, Ulrich Matthes und Hans Löw zu besetzen, um einen auch nur erträglichen Abend zu schaffen. Oder dass es auch bei einem Autor wie Siegfried Lenz entscheidend ist, welche Textpassagen man auswählt. Auf jeden Fall aber, wie unendlich lang 70 Minuten zu sein vermögen. Josua Rösing schlägt sich im Widerstreit von Ordnung und Risiko klar auf die Seite der Ordnung. In der Kunst ist das nicht immer die richtige Wahl.

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