Die Zweiheit der (Theater-)Welt

Friedrich Hebbel: Judith, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Dunkel ist es in Bert Neumanns Einheitsbühnenraum. Das Licht ist gedimmt, passend zum Schwarz der Glitzervorhänge und der Sitzsäcke, auf denen bei Die Brüder Karamasow noch die Zuschauer Platz nehmen mussten. Diesmal sind sie aufgetürmt in der Mitte des Zuschauerraums, ein Berg, ein Haufen, eine Kletterburg. Das Publikum nimmt auf der Bühne Platz, wobei die genutzten Stühle nicht viel bequemer sind als besagte Sitzsacksofas oder der nackte Asphalt, auf den René Pollesch kürzlich bat. Wer einen entspannten Theaterabend will, geht ohnehin nicht zum Rosa-Luxemburg-Platz. Die Umkehrung von Bühne und Zuschauerraum ist praktisch, braucht doch Castorf keinen Bühnenbildner. Einziges Fremdelement sind drei pinkfarbene Kuststoffzelte auf der linken Seite, die gemeinsam mit Neumanns Containerblock am Saalende die benötigten Innenräume bilden, schließlich wird bei Castorf immer viel gefilmt, ersetzt das Live-Video wie üblich über weite Strecken das Bühnengeschehen. Ach ja, ein Wasserbecken gibt es auch noch, aber das wirkt eher, als wäre noch Budget übrig gewesen.

Bild: Sascha Krieger

Bild: Sascha Krieger

Alles wie immer und doch ist vieles anders. Das labyrinthische Raumchaos, das noch beim durchaus reduzierten Karamasow-Abend im Zentrum stand, fehlt, die wuselige dauerpanische Hektik sowieso. Es ist ein erstaunlich statischer Abend geworden, einer des Stillstands. Das ist auch dem Text geschuldet, Friedrich Hebbels pathetischem Tragödienversuch, der schon bei seiner Entstehung einlud, sich über ihn lächerlich zu machen. Ein toter Text, den Castorf in eine karge Landschaft stellt, die postapokalyptisch sein mag oder präzivilisatorisch, verweilend am Angangs- oder Endpunkt der Zeiten, wo kein Fortschritt ist, noch nicht oder nicht mehr. Bei Castorf geht es denn auch um die essenziellen Dinge, die Grundprinzipien der Welt. Deren immer zwei sind: Das Männliche und das Weibliche, Gut und Böse, Hell und Dunkel, Holofernes und Judith. Die Bühne liegt im Dunkeln, es wabert der Nebel, der jedoch von einer Lichtquelle hinter dem Sitzsackberg erhellt wird. Hell und Dunkel eben, Tod und Leben.

Zunächst wird viel geraunt beim Klettern. Da geht es um das schisma aus männlichem und weiblichem Prinzip, Opferrituale, das Leben als Kampf. Artaud wird ausgiebig zitiert, später kommen noch Baudrillard und der unvermeidliche Heiner Müller und sicher noch einiges mehr hinzu. Das lässt sich sehr träge an. Fahrt nimmt der Abend erst an, wenn, nach einer gefühlten halben Stunde, Hebbels Text ansetzt und sich das gerade Dozierte manifestiert. Birgit Minichmayr ist Judith, mit rauer Stimme und unverdünnter Kraft, dominant und ihren Teil der Macht beanspruchend. Martin Wuttkes Holofernes kippt gern man in Arturo-Ui-hafte Schreiorgien, ist aber eindrucksvoller, wenn er erkaltet, mit ruhiger Stimme die Herrschaft des Männlichen einfordert. Noch einen Tick eindrucksvoller ist Jasna Fritzi Bauer als Mirza: direkt, selbstbewusst, mit fester Sachlichkeit fordert die Sklavin ihr Recht ein gehört zu werden. Leider verfolgt Castorf die Möglichkeit nicht weiter, in ihr ein aufbrechendes Prinzip zu finden, dass die Dualität aufzuheben vermag. Judith und Holofernes sind eben auch Vertreter des Herrschaftsprinzip, dem Mirza als Unterdrückte entgegensteht. Doch Castorf besteht auf dem Dualismus, also löst sich Mirza nach der Pause weitgehend auf, karikiert sich selbst und spricht vor allem die Texte anderer nach. Schade.

Und doch funktioniert der Abend bis zur Pause ganz gut, vermögen es doch Wuttke und Minichmayr, die widerstrebenden Weltprinzipien zu verkörpern. Wuttke ist das Männliche, das Patriarchat, der Unterdrücker, Minichmayr das Weibliche, Dienende, Unterdrückte. Doch ist da eben kein reines Gut-Böse-Schema. Nein, Wuttke findet wenig Helles in seiner Figur, Minichmayr dafür so manch Finsteres in der ihren. Am Ende stehen zwei Machtprinzipien einander gegenüber, wobei Macht stets an erster Stelle steht. Archaisierend, paralytisch ist die düstere Atmosphäre, die das leidenschaftliche und doch monotone Deklamieren, die karge Bühnenlandschaft, der wabernde Nebel und das fahle Licht schaffen. Im Kern ist die Welt kein farbenfrohes Spiel, sondern ein Wettstreit um die Herrschaft über das Leben, die stets vor allem Herrschaft über den Tod meint. So gibt es am Ende auch keinen Gewinner: Gerade hat Judith Holofernes gemeuchelt, trägt seinen Kopf unter dem Arm (mit dem letzterer schon zu Beginn Fußball spielte), tritt in einen Raum und da sitzt er. Martin Wuttke, in Gold gewandet, aasig grinsend. Das Männliche und weibliche bedingen einander, spielen sie doch das gleiche Spiel. Kein Gut ohne Böse, kein Hell ohne Dunkel, da ist es denn auch egal, wer wofür steht. So weit, so stringent.

Allerdings hätte Frank Castorf diesmal gut daran getan, nach zweieinhalb Stunden Schluss zu machen. Die zweite Hälfte gerät zum Offenbarungseid des Castorfschen Theaters. Da wimmelt es nur von Versatzstücken. Ein Schleef-artiger Chor tritt auf und zerfällt doch gleich wieder, wenn er in einer ausufernden Partyszene unendlich lang über Hass und Krieg und was auch immer debattiert. Wollte jemand Castorfs Theater parodieren, er müsste nur diese Szene übernehmen. Judith und Holofernes kommen erst spät dazu, sie haben längst ihr Pulver verschossen und ergehen sich über weite Strecken in grotesk-surrealer Farce. Im Rang sitzen Henry-Hübchen-Puppen (Selbstreferenzialität darf natürlich nicht fehlen), ein echtes Kamel tritt auf und doch ist das wenig mehr als zweistündiges Zeitschinden, da hilft auch die gelungene Schlussszene wenig. Wo Castorf vor der Pause eine durchaus gelungene Essenz seines Theaters schafft, es zu ungeahnter atmosphärischer Dichte konzentriert, da löst es sich in der zweiten Hälfte in seine Bestandteile auf. Behauptet es zunächst seine Relevanz, macht es sich später obsolet. Das ist der vielleicht spannendste Dualismus dieses Abends.

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