Wenn Othello stolpert

Soeren Voima nach William Shakespeare: Othello, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Christian Weise)

Von Sascha Krieger

Er ist ja schon so etwas wie ein Markenzeichen des Maxim Gorki Theaters geworden: der große monologische Rundumschlag, gern in Form einer Wutrede geführt, in dem es ums Grundsätzliche geht, sich eine Figur/ihr Darsteller/das Ensemble Luft macht und natürlich für die versammelte Gemeinde, Verzeihung, das Publikum spricht. Diesmal kommt er kurz vor der Pause, wenn sich Taner Şahintürk, der den Othello gibt, über das Thema Rassismus auslässt, über die Zuschreibungen, welche sich die Mehrheitsgesellschaft gegenüber den als Minderheiten definierten anmaßt und die gern auch vordergründig wohlwollend daherkommen, nach dem Muster: Schwarze sind toll im Sport. Schwarze können gut tanzen. Stereotype, Vorurteile, die sich auch und gerade im liberalen Milieu finden und die doch kaum weniger schmerzen als die offen rassistischen Herabwürdigungen, die letztlich die gleiche Quelle haben, nämlich die Annahme, wer anders aussieht, müsse auch anders sein. Şahintürk legt das luzide und wohltuend unaufgeregt dar, wirklich Neues erzählt er nicht. Am spannendsten ist da noch die Diskrepanz zwischen der behaupteten oberflächlichen Andersartigkeit und der Tatsache, dass der Darsteller auf den ersten Blick vom weißen Mehrheitsdeutschen kaum unterscheidbar ist. Die Differenz erhöht die Willkür und Künstlichkeit der Identitätszuschreibungen nochmals.

Bild: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Die der Abend, eine Neuschreibung von Shakespeares Othello, ohnehin zu seinem Mittelpunkt macht. Größer könnte der Unterschied nicht sein: hier der vernünftige, ruhige, heutige Othello, dort die als grotesken Commedia-dell-Arte-Parodien daher kommenden und sich mechanisch puppenhaft bewegenden Venezianier. Die Mehrheitsgesellschaft, die sich darin überbietet, den Unterschied zum Emporkömmling Othello, der für sie stets ein Fremder bleiben muss, hervorzuheben, ist eine aus der Zeit gefallene Zombieparade voller bizarrer Gestalten, die sich längst verkrampft haben in ihrer Rechtschaffenheit, die zu absurden Zerrbildern ihres eigenen Anspruchs geworden sind. Institutionalisierter Rassismus als entstellende Krankheit einer ganzen Gesellschaft. Eigentlich ein schönes Bild, das die bemühten Vergegenwertigungen gar nicht braucht: Rodrigo erscheint als sächselnder Pegida-Wutbürger, Emilia bekommt einen rheinischen Akzent verpasst und steht für die Massenhysterie in Folge der Silvester-Ereignisse in Köln.

Das Ausgangskonzept ist schlüssig, die von Şahintürk vorgetragene Hauptthese ebenso (wenn auch wenig erhellend) und der Nebenstrang nicht minder. Hier erscheinen die bei Shakespeare vergessenen Zyprioten, die Unterdrückten, denen der Autor keine Stimme zuweist, als lebende Tote in Skelettkostümen und begehren auf, verlangen ihr eigenes Narrativ, wollen eine neue Geschichte. Denn in Christian Weises und Soeren Voimas Bearbeitung geht es auch um das Theater. Das Bühnenbild von Julia Oschatz ist eine sich verjüngende, die Wandmuster des Gorki-Saals aufnehmende Bühnenfolge, auf der die Akteure die Welt als Schauspiel inszenieren, nach ihren Regeln und Wertvorgaben. Sie vergeben die Rollen, die alle Beteiligten zu spielen haben. Rollen, denen man sich nicht entziehen kann, auch nicht Othello, der sich nach der Pause zunehmend grell kostümiert und mit reichlich Goldfarbe im Gesicht sich den automatenhaften Marionetten anschließt. Das wird nach der Pause noch deutlicher: Da agiert Thomas Wodiankas Jago als Regisseur und animiert die Figuren per Fingerschnipsen zum Agieren oder Pausieren. Nur hat diese Weltbühne eben – im Wortsinn – eine Rückseite. Hier sind die Vergessenen, aus der Weltkomödie herausgeschriebenen, und fordern ihre Stimme ein.

So weit so klar und zwingend. Nur leider funktioniert der Abend als Theater überhaupt nicht. Das hat damit zu tun, dass das grotesk überzeichnete Gehampel schnell zum Selbstzweck mutiert und der Zuschauer das, was es bedeuten soll, vor lauter Schenkelklopfen schnell aus den Augen verliert. Oder damit, dass über weite Strecken Shakespeares Geschichte originalgetreu – wenn auch schrill überzeichnet – heruntergespielt wird. Von einer Neudeutung oder einem Gegen-den-Strich-Bürsten, einer Dekonstruktion der überkommenen Rollenklischees und der nicht unbelasteten Rezeptionsgeschichte des Stücks, die der Abend in seiner Anlage behauptet, kann keine Rede sein. Schnell beißt sich der Abend in den Schwanz, dekonstruiert er sich bestenfalls selbst, bis wenig anderes bleibt als derbe Scherze, an denen er sich bis zum Umfallen ergötzt, und durchaus unangenehm aufstoßende, weil nirgends ironisch gebrochene Schwulenklischees der übleren Sorte. Dieser Othello stolpert so oft über sich selbst, dass am Ende nicht mehr ersichtlich ist, wo er eigentlich hinwollte. Christian weises Abend ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass ein schlüssiges Konzept noch lange nicht zu gutem Theater führen muss. Hier ist eher das Gegenteil der Fall.

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