„…jetzt liegt sie überall“

Nach dem Film von Ingmar Bergman: Szenen einer Ehe, Schauspiel Stuttgart (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Eigentlich genügt schon ein Blick aufs Bühnenbild, um zu wissen, dass alles hoffnungslos ist: Ein verwinkeltes, undurchschaubares Gewirr aus ineinander verhakten Räumen hat Moritz Müller gebaut, ein unentwirrbares Stein und Holz gewordenes Beziehungslabyrinth, bei dem ein steiler Anstieg zu nehmen ist, um ins Ehebett, das Symbol liebevoller Zweisamkeit zu gelangen. Nein, die Ehe von Marianne und Johan ist von Beginn an nicht zu retten. Zu sehr haben sie sich in ihren Rollenbildern, in den gegenseitigen Erwartungshaltungen und Selbstbildern eingemauert, sind sie zu einem Wirrwarr aus Masken geworden, als deren Sinnbild Müllers Raumwucherungen durchaus diesen können. So geht es gleich am Anfang um Eigendefinitionen: Wo Johan eine ganze Batterie an Selbstbeschreibungen auffährt, fällt Marianne, der erfolgreichen Anwältin, wenig mehr ein als ihre Funktion als Hausfrau und Mutter. Wie sie da nebeneinander stehen, harmonisch, scherzend, fast verliebt, sind sie doch Lichtjahre von einander entfernt.

Bild: Bettina Stöß

Bild: Bettina Stöß

Ingmar Bergmans Fernsehserie und Film von 1973 ist eine Emanzipationsstudie, das Porträt einer Desillusionierung und Demaskierung, die mitten ins Herz bürgerlicher Ideologie zielt. Unter den Händen von Jan Bosse kippt das ungebremste Aufeinandereinreden schnell ins Komische. Ironie und Komik sind bei ihm die Mittel zur Entlarvung eines Geflechts der Lebenslügen, das so labyrinthisch wirkt wie Müllers Bühne. Je mehr es ans Eingemachte, an die Substanz geht, desto mehr werfen sich Astrid Meyerfeldt und Joachim Król in Posen. Da wird Grundsätzliches debattiert, während sie selbstoptimierend Liegestütze macht, kippt der Ton mitten im Satz ins Pathetische, grimassiert Marianne beim Telefonat mit der Mutter spöttisch, nur um am Hörer wieder klein bei zu geben und die verhasste Rolle weiterzuspielen. Ausbrüche wie jener Johans in das Verhältnis mit einer 23-Jährigen führen nur wieder in den nächsten Selbstbetrug. Die Illusion von einer auf dem Mythos romantischer Liebe aufgebauten Lebensgemeinschaft: Es wird leidenschaftlich und lustvoll in stücke gerissen und in seinen Fetzen im Raum verteilt wie die explodierte Freundin aus einem zitierten Ärzte-Song: „grad eben lag sie neben mir, jetzt liegt sie überall“.

Es ist bei Bergman wie bei Bosse der Mann, gefangen in einem Netz aus Erwartungen und Selbstüberhöhungen, der sich immer weiter verheddert, während die Frau sich Schicht für Schicht befreit. Beide Prozesse geraten an diesem Abend hochkomisch, Bosse, Meyerfeldt und Król kosten die entlarvende Kraft des Komischen voll aus. Wo Bergman viele seelenzerfetzende Diskussionen braucht, reicht hier auch mal ein Blick, eine Bewegung, ein Ton. Wie Król sein Geständnis mechanisch herunterrattert oder das Flehen um die zweite Chance krampfartig herauspresst, wie Meyerfeldt gekonnt auf der Hysterieklaviatur spielt bis hin zum Satz des Abends – „Ich lasse mir doch meine Krise nicht wegnehmen!“ – führt eindringlich vor, wie tief Rollenmuster schon gedrungen sind und wie schwer es sein muss, sie abzuschütteln. Auch Marianne kann das nicht. Am Ende stehen beide vor der Leinwand und sehen sich, Jahre später, beim Wiedersehen zu. Verschiedene Konstellationen und Situationen werden ausprobiert, der Dialog wandert von einem Szenenfragment zum nächsten. Die alten Masken sind entsorgt, aber darüber, dass sie nur durch neue ersetzt wurden, besteht kein Zweifel. es ist Mariannes Vorteil und Verdienst, dass sie dies längst erkannt hat und ihre Masken jetzt selbst bestimmt. Emanzipation als Kontrollgewinn über die eigene Lebenslüge. Auch das ist ein Fortschritt.

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