Der klare Blick der Menschenwürde

Gerhart Hauptmann: Vor Sonnenuntergang, Schlosspark Theater, Berlin (Regie: Thomas Schendel)

Von Sascha Krieger

Reden wir nicht lange drum herum: Natürlich geht es in der Inszenierung von Gerhart Hauptmanns wenig bekanntem Vor Sonnenuntergang am Berliner Schlosspark Theater vor allem um eines. Oder besser: einen. Den Hausherren nämlich. Der ist kein Geringerer als Dieter Hallervorden, Urgestein der deutschen Komik, Kabarettist und seit einigen Jahren zunehmend auch als Charakterdarsteller überzeugend. Das will er jetzt auch am eigenen Haus ausleben und geht damit ein kleines Risiko ein. Die an King Lear angelehnte Geschichte vom Unternehmer Matthias Clausen, der ein spätes Glück sucht und von seiner gierigen Familie erst in den Wahnsinn und dann in den Tod getrieben wird, ist kein typischen Sujet für das Haus, in dem sonst der meist heitere Boulevard regiert. Doch ist das Risiko überschaubar, schließlich ist Hallervorden ein Zugpferd, das auch in ernsterem Fach für volle Häuser sorgt. Das ist bislang auch in diesem Fall recht gut gelungen.

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

Bild: DERDEHMEL/Urbschat

Also ist es nicht verwunderlich, dass alles an diesem Abend auf den Star abgestimmt ist. Regisseur Thomas Schendel hat das Stück recht radikal zusammengestrichen, fast die Hälfte der Figuren entfernt – etwa Clausens Sohn Egmont, der als einziger die Intrige der Familie nicht mitträgt – und alle Nebenstränge und Abschweifungen entfernt. Reduziert auch die Bühne von Stephan von Wedel: Das gutbürgerliche Ambiente wird angedeutet mit dem Restmobiliar, das notwendig ist, Sitzgelegenheiten zu schaffen, dem unvermeidlichen Porträt der verstorbenen Frau und einer minimalistischen Kulisse aus Grün und Rot, deren zentrales Element eine Art Torbogen ist, der Intérieurs wie Extérieurs andeutet und wohl für die Passage, die Reise ohne Wiederkehr steht, auf die der in der Anfangsszene gefeierte Jubilar geschickt wird.

Da knirscht es doch vernehmlich im dramaturgischen Gebälk, vor allem zu Beginn: Die Figurenauftritte haben etwas von einer Nummernrevue, statt Dialogen gibt es hölzerne Kurzmonologe über Inken Peters, die junge Frau, die Clausen in letzter Zeit auffallend oft besucht hat, die Figuren werden in greller Überdeutlichkeit charakterisiert und stereotypisiert. Der erste Akt ist wenig mehr als eine Einführung von Geschichte und Charakteren mit der Tiefe und Subtilität einer Bildzeitungsschlagzeile. Überhaupt schein alles darauf angelegt, Hallervordens Clausen scheinen zu lassen. Das Spiel ist plakativ bis hin zum Karikaturesken: Tochter Bettina ist eine übergriffige Klette, die ihren Narzissmus hinter Fürsorglichkeit verstecht, Schwiegertochter Paula eine hyperdominante Klischee-Adlige, Sohn Wolfgang ein aufgeplusterter Schwächling, Bösewicht Klamroth in seiner primitiven Nüchternheit viel zu langweilig und dessen Gattin Ottilie selbstmidleidig bis zur Hysterie. Noch uninteressanter als die Intrigant*innen-Bande sind nur die „Guten“, allen voran Katharina Schlothauer, die ihre Inken mit dem Ausdrucksreichtum einer Protagonistin aus dem RTL-Nachmittagsprogramm auf die Bühnenbretter zimmert.

Da kann Hallervorden natürlich brillieren, und das tut er denn auch. Sein Clausen ist angenehm unaufgeregt: ein schelmischer, ironischer älterer Herr, der das Leben neu entdeckt, ohne je zu vergessen, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt und dass, was er tut, vielen befremdlich erscheinen vermag. Ein spielerischer Tonfall kommt von seinen Lippen, die Augen blitzen, mit fast kindlicher Freude streut er kleine Gags und spitzen ein. Die Lebensfreude, das trotzige einfordern des Rechts auf leben auch für einen 80-Jährigen heben sich wohltuend von der ihn umgebenden Steifheit hab. Und plötzlich wirkt der Rest der Personage fast konsequent. Hier der optimistische, lebensweise Clausen, dort die in Rollen erstarrte gierige Längst-nicht-mehr-Jugend, die sich nur über den Patriarchen und das ersehnte Erbe definiert und darüber vergessen hat, eigene Identitäteten zu entwickeln und selbst lebensfähig zu sein. Nur Inken und der Rest der „Guten“ – mit Ausnahme des tiefenentspannten Achim Wolff – passen nicht recht ins Bild, sind sie doch nicht weniger hölzern und eindimensional als die wölfische Familie.

Wenn diese Clausen brüskiert, schlägt sein Ton plötzlich um: Die Stimme wird hart, das Gesicht zieht sich zusammen, die Augen erkalten. Dieses Clausens Wut ist eine unterdrückte, gemischt mit seiner Enttäuschung wir sie zur Härte, zur unerbittlichen Ich-Behauptung. Beeindruckend die Ruhe, die Hallervorden diesem Clausen gibt, weit weg von jedem Altersstarrsinn. er sieht plötzlich ganz klar und ist seinen Widersachern auch in analytischer Nüchternheit voraus. Das ist umso erstaunlicher, als Schendels Textstreichungen Clausen zum Liebenden reduziert haben, der Hobbyphilosoph und Geistesmensch Clausen versteckt sich bestenfalls in Nebensätzen. Und steht doch leibhaftig auf der Bühne. Wie lächerlich wirken da die restlichen Pappkameraden. Spannend auch das finale abdriften in den Wahnsinn: Bei Hallervorden wird er zur Sprache einer stillen Resignation, einer weltmüden Desillusionierung. Die Klarheit, die Clausen zuvor auszeichnet, ist immer noch da, nur die Lebenslust ist zur grotesken Maske verkommen, die dem Rest der Welt als Wahnsinn erscheint, weil ihr das Fundament abhanden gekommen ist. Und so ist gerade der Schluss ein eindringliches Plädoyer für die menschliche Würde, ein Appell, wie man ihn gerade jetzt nicht oft genug hören kann. Da lässt sich so manche Schwäche dieses Abends wenn nicht vergessen, so doch verzeihen.

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