Am Förderband Europas

Hans-Werner Kroesinger: Graecomania 200 years, Hebbel am Ufer (HAU3), Berlin (Regie: Hans-Werner Kroesinger)

Von Sascha Krieger

Drei Liegestühle stehen auf der Bühne, der Blick geht auf funkelnde Wellen und alte Urlaubsvideos, dazu der Klang der Bouzouki und ein traurig-leidenschaftlicher Gesang: Griechenland ruft, Urlaubsparadies und Sehnsuchtsort der Deutschen, Traum-Strände, Antiken-Romantik, das „mediterrane Lebensgesgefühl“, die „griechische Seele“. „Welcome to Greece“ steht auf einem alten Schild. Doch begegnen wir hier weniger Griechenland, als unserem Bild davon, unserem Blick auf ein verklärtes Land, bei dem Sympathie und abfällige Arroganz nie weit auseinander liegen. Wir brauchen Griechenland, um uns als Kulturnation zu fühlen und wir brauchen es, um uns zu beweisen, wie weit wir die „Wiege der Zivilisation“ hinter uns gelassen haben. Es ist eine unheilige Allianz, die seit mindestens zwei Jahrhunderten das deutsche Verhältnis zu Griechenland bestimmt und der Hans-Werner Kroesinger in seinem wie immer pedantisch recherchierten Abend nachgeht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Er spannt dabei den Bogen von der philhellenischen Bewegung, die 1821 in den Unabhängigkeitskrieg zog über den bayerischen Prinzen Otto, der Griechenlands erster König wurde, die deutsche Besatzung im zweiten Weltkrieg, die Reparationsdiskussionen der Nachkriegszeit und den EG-Eintritt 1981 bis hin zur aktuellen Eurokrise (ja, die gibt es noch). Und immer ist da diese Ambivalenz zwischen Verehrung und Unterdrückung, nostalgischer Sehnsucht und dem Pochen auf Deutungshoheit. Die Liebe des Deutschen gilt immer unserer Idee von Griechenland, nicht dem Land selbst. Und so findet sich im Hellenismus immer auch eine Verachtung der griechischen Wirklichkeit, äußert sich Ottos Griechenlandbegeisterung vor allem darin, dass er Athen in bayerischem Neoklassizismus umgestaltet, nutzen die Nazis Griechenland als Folie, um die eigene Illusion einer „arischen Rasse“ als Wiederauferstehung der homerischen Hellenen umzudeuten, nutzt auch das Nachkriegsdeutschland die Hilfsbedürftigkeit Griechenlands zum Erreichen eigener politischer Ziele. Kroesinger widmet sich der Geschichte dieses deutschen Blicks auf Griechenland gewohnt detailverliebt und vor allem in seinem ersten Teil mit einiger Ironie, etwa wenn er den Marsch der Philhellenen-Truppen gegen die osmanischen Besatzer zu einem Tableau im Stil einer antiken Vase einfriert oder die Inthronisation Ottos als karnevalesken Mummenschanz nachspielt.

Schnell ist Kroesinger aber auch beim Eingemachten: Beim Geld. Eine Schlüsselrolle spielen dabei die grauen Styropor-Boxen, wichtigstes Requisit des Abends. Mal bilden sie griechische Säulen, mal ein Euro-Symbol. Im Teil über die Nazi-Besatzungen sind sie zunächst zum Olymp aufgebaut, bevor dieser Stück für Stück abgetragen wird und die Boxen zu Geldgefäßen werden, in die Münzen über ein Förderband eingefüllt werden. Stärker lässt sich die Auspressung Griechenlands durch Nazi-Deutschland nicht bebildern, eine Auspressung, die natürlich Assoziationen weckt, die bis ins Heute reichen. „Europa ist auf Raub gegründet“, heißt es einmal in Bezug auf die Geschichte der Namensgeberin des Kontinents. Kroesinger beweist nicht gerade das Gegenteil.

Graecomania ist über zwei Drittel ein starker Abend, bei dem sich multiperspektivisches Erzählen, Faktenreichtum, Ironie und eindringliche Visualisierungen die Hand reichen und der nur gegen Ende ein wenig abfällt. Der Part über die Gegenwart wirkt hastig hingeschludert, sicher auch absichtlich fragmentarisch, denn was wäre dazu noch nicht gesagt? Eigentlich vieles, doch der Abend hat seinen Fokus woanders: in der Herleitung der aktuellen Missstimmung aus der Geschichte des deutsch-griechischen Verhältnis, das immer eines der Dominanz war. Während wir unseren Weg Bahnen durch die Geschichte, öffnen sich sukzessiv die Vorhänge, wandern wir von einer Bühnenebene zur nächsten, bis am Ende die nackte Rückwand steht. Nein, hinter aller Romantisierung steckt keine höhere Bedeutung, nur das nüchtern Materielle. Und so stapft Heiner Müllers Herakles 2, mehrfach zitiert, weiter ziellos durch den Wald, der in immer weiter verschluckt und der, wie Kroesinger uns zeigt, ein selbstgeschaffenes Dickicht ist. An dem beide Seiten Schuld haben, denn plumpe Schuldzuweisungen meidet Kroesinger: Die griechische Gier dazuzugehören, ein Wirtschaftssystem basierend auf Korruption, eine Bereitschaft, die eigene Moral kaufen zu lassen: all das thematisiert der Abend. Ganz am Ende steht die Frage: „Was ist Ihr Lösungsvorschlag für die Krise?“ Im Bühnenhintergrund jemand Münzen aus einem Eimer in mehrere andere. Dann geht das Licht aus. Auch das ist eine Antwort.

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