Rollenwechsel

Rimini Protokoll (Daniel Wetzel): Evros Walk Water

Von Sascha Krieger

Theater mit Flüchtlingen ist gerade in Mode. Hat uns soeben erst Milo Rau erzählt. Da dürfen natürlich auch Rimini Protokoll, die großen Wirklichkeitverarbeiter des deutschsprachigen Theaters nicht fehlen. Also ist Daniel Wetzel nach Athen gereist, immer un immer wieder, und hat mit minderjährigen Flüchtlingen ein Stück erarbeitet. Evros Walk Water heißt. Der Titel bezieht sich auf zweierlei: den türkisch-griechischen Grenzfluss Evros, früher ein bevorzugtes Tor nach Europa, das jetzt durch einen massiven Grenzzaun geschlossen ist. Zweite Referenz ist „Water Walk“, ein Stück des Avantgarde-Komponisten John Cage, das aus einer exakt vorgeschriebenen Sequenz von Geräuschen, produziert von Alltagsgegenständen, basiert, und bei dem Wasser eine zentrale Rolle spielt. Die Aufnahme einer dreiminütigen Version des Stücks, vorgeführt von Cage in einer US-Fernsehsendung, ist der Ausgangspunkt. Sie hat Wetzel des Jugendlichen zu Beginn des Projekts vorgeführt und sie sehen auch wir zum Anfang von Evros Walk Water.

Im Januar 2016 machte Evros Walk Water in der Box des Deutschen Theaters Station (Bild: Sascha Krieger)

Im Januar 2016 machte Evros Walk Water in der Box des Deutschen Theaters Station (Bild: Sascha Krieger)

Anschließend ist es unsere Aufgabe, das Stück zu spielen. Sechsmal, an immer wieder neuen der insgesamt 24 Stationen. Die Zuschauer sind die Musiker. Und auch wieder nicht: Eigentlich ist dies die Aufführung des Stücks durch die 11- bis 18-jährigen Geflüchteten. Nur können sie eben nicht hier sein, da ihnen das Reisen innerhalb Europas nicht gestattet ist. So übernehmen wir, das liberal-betroffene deutsche Bildungsbürgertum, ihren Platz, agieren in ihrem Auftrag und nach ihrem, zuweilen recht energischen Kommando. Dazu gibt es Kopfhörer, die sich die Zuschauer aufsetzen. Hier hören sie nicht nur die Anweisungen der Jungen, sondern auch Fragmente ihrer Geschichten. Da sind solche zu den Fluchtgründen: der 12-jährige afghanische Junge, der Bier verkaufte und dafür zu acht Jahren Haft und anschließender Steinigung verurteilt wurde oder der junge Pakistani, der floh, weil ihm der Onkel drohte, ihn zu töten, sollte er das Erbe seines Vaters antreten. Da ist die Flucht selbst: im Schlauchboot über den Evros oder die Ägäis, die Behandlung durch die griechischen Behörden, welche etwa den Afghanen gleich wieder dahin schickte, wo er herkam: ins Gefängnis. Und dann sind da die üblichen Themen pubertierender Teenager: Mädchen, Musik, Haare, Coolsein. Einige der eingespielten Dialoge könnten auch von einer testosterongeschwängerten Jungsclique aus Neukölln oder Dortmund stammen.

Es sind diese Momente, in denen die eigene Geschichte verschwindet und die Jungen einfach normale Jugendliche sind, in denen die Stimmen zu Leben erwachen. Die Nacherzählung von Verfolgung und Flucht dagegen wirkt seltsam nüchtern und distanziert, als wäre das jemand anderem passiert. Die Botschaft ist klar: Wir wollen normal sein, wie andere in unserem Alter auch, das gleiche Leben leben, die gleichen Chancen haben. Sagen sie uns. Doch wir lassen sie nicht: So mancher Zuschauer wird sich dabei ertappen, den „großen“ Geschichten aufmerksamer zu lauschen als dem Alltäglichen. Wir wollen unsere Betroffenheit pflegen und ausleben. Doch das wiederum wollen sie nicht zulassen. Sie insistieren darauf über das Banale zu sprechen, das in ihrem Leben eine so große Rolle spielt. Und das wir nicht hören wollen, weil wir sie eben nicht sehen als 15-, 16-, 17-Jährige, sondern als Flüchtlinge.

Und so kommt es zu einer schönen Umkehrung der Machtverhältnisse: Plötzlich ist es nicht der zentraleuropäische Zuschauer, der seine Deutungshoheit durchsetzt, sondern die, welche wir viel zu oft zu Objekten unserer Hilfe, Solidarität und so weiter degradieren, haben die Kontrolle. Sie sagen uns, was zu tun ist, und wir tun es. Es sind ihre Gegenstände, ihr Schlauchboot, ihr orientalische Saiteninstrument, ihre Küchenutensilien, mit denen wir spielen. Sie entscheiden, worüber sie sprechen wollen, und wir haben zuzuhören. Und wenn sie minutenlang über Haargel und -lack schwadronieren und sich die eine oder andere nicht ganz politisch korrekte Beleidigung an den Kopf werfen wollen, dann haben wir das zu ertragen. Das Cage-Stück gerät dabei in den Hintergrund, es ist Mittel zum Zweck. Die Idee des Perspektivwechsels – mal ist der Zuschauer mittendrin und spielt mit, mal außen vor und sieht zu – verpufft, weil man mit dem Zuhören und dem Befolgen der Anweisungen viel zu beschäftigt ist und man das „Konzert“ nur gedämpft wahrnimmt, aufgrund der Kopfhörer.

Auch die ganze Bühnensituation, der Kunstrasen, der die Kontinente andeutet, die Gerätekollektion mit Ketten und Spielzeuggewehren und Bierflaschen (!) und Keyboard und Tonbandgerät mit dem Schlauchboot im Zentrum – es geht ja schließlich um Flucht – sind kaum erheblich. Vielen von dem, was Wetzel sich erdacht hat, im Zusammenspiel von Cage und Geflüchteten und Bildungsbürgern, von Kunst und Wirklichkeit, bleibt wirkungslos und lenkt nur ab vom Wesentlichen: Wie blicken wir auf jene, die zu uns kommen? Was sehen wir in ihnen, wie höre wir ihnen zu? Geben wir ihnen eine Chance, uns auf Augenhöhe zu begegnen oder geht es doch nur um Kontrolle und Dominanz? Viel Zeit, sich diese Fragen zu stellen, bleibt nicht, zu überfüllt und hektisch sind die sechzig Minuten. Wo Situation Rooms es schaffte, gerade aus der Überforderung des Zuschauers/Teilnehmers Perspektivwechsel zu kreieren, bleibt hier wenig mehr als das mechanische Abarbeiten der Kommandos. Das rächt sich ganz am Ende: Da werden wir aufgefordert, das Stück nach unserem Gusto zu spielen und unserer Fantasie freien Lauf zu lassen. Wir scheitern kläglich. Die spielerische Offenheit, dem Leben entgegen zu treten, welche die Jugendlichen auszeichnet, fehlt uns. Eine Erkenntnis, die wir ernst nehmen sollten.

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