Unter Dozenten

Ayad Akhtar: Geächtet, Theater am Kurfürstendamm, Berlin (Regie: Ivan Vrgoč)

Von Sascha Krieger

Amir ist angekommen: Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Sohn pakistanischer Eltern Partner in einer renommierten New Yorker Anwaltskanzlei wird, eine aufstrebende Künstlerin als Frau hat er schon und ein schönes Apartment in Manhattan ebenso. Erkauft hat er sich zumindest den beruflichen Erfolg mit einer Lüge: Er hat seinen Nachnamen von Abdullah in Kapoor geändert und angegeben, seine Familie stamme aus Indien – was zumindest zum Zeitpunkt der Geburt seines Vaters zumindest formal stimmte. Dann lässt er sich von Frau und Neffe überreden, sich für einen inhaftierten Imam einzusetzen und sein Identitätskonstrukt beginnt sich aufzulösen. Am Ende hat er keinen Job, keine Frau, und die Wohnung muss er auch verlassen. Und das alles, obwohl er seine muslimische Herkunft abgeschüttelt zu haben glaubte, der vermeintlich rückständigen Religion gegenüber feindselig eingestellt war, und es seiner Frau übelnahm, die islamische Kultur als Inspirationsquelle zu idealisieren. Merke: Wer seine identität verleugnet, wird von ihr eingeholt werden. Denn so liberal die gehobene New Yorker Mittelschicht eingestellt zu sein vorgibt, so brüchig ist die Fassade, hinter der hartnäckige Vorurteile lauern.

Grafik: Marcel Weisheit

Grafik: Marcel Weisheit

Davon erzählt Ayad Akhtar in seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Erfolgsstück Disgraced, im Deutschen nochmals dramatisiert als Geächtet. Schaut man etwas genauer auf das Stück, drängt sich der Gedanke auf, bei der Preis-Vergabe könnte der Inhalt eine wichtigere Rolle gespielt haben als die Qualität. Geächtet ist ein klassisches Konversationsstück, sein Zentrum bildet eine Dinner-Konversation zweier Paare: Neben dem ungeouteten (Ex-)Muslim und seiner (weißen) Frau sind da die schwärze Anwältin Jory (die Amir seinen Job wegnehmen wird) und der jüdische Museumskurator Isaac. So weit, so konstruiert. Leider vertraut Autor Akhtar seinem Setting nicht, also gibt es noch drei weitere kleine Szenen zur Vor- und Nachgeschichte. Das schadet der Mitte des Stücks, kann doch nun die Viererkonstellation wenig mehr tun, als latente Konflikte, die schon längst thematisiert sind, nochmals auszusprechen. Die Eskalation ist eigentlich keine, der Tabubruch der klammheimlichen Freude angesichts des 11. Septembers, von der Amir spricht, verpufft. Wenn das „Ereignis“, um das ein Stück herum gebaut ist, das auch zeitlich den größten Raum einnimmt, sich als sein unwichtigster Teil entpuppt, hat es ein Problem. Da wird das zeigefingerschwangere Dozieren über Identität und Religion und Toleranz schnell ermüdend.

Das zumindest zeigt Ivan Vrgočs  Inszenierung auf exemplarische Weise. Sein Coup, die Berliner Aufführungsrechte den großen städtischen Bühnen weggeschnappt zu haben, hat sich längst in einen Albtraum verwandelt: Kurz vor der Premiere trennte er sich von Regisseur Arash T. Riahi und „Star“ Cosma Shiva Hagen, ersetzte letztere durch Katja Sallay und ersteren durch sich selbst. Der Vorverkauf lief schleppend, selbst die Premiere was alles andere als voll. Und leider sieht man der Inszenierung das Chaos in ihrem Vorfeld durchaus an. Da wirkt vieles unfertig – dass das Spiel so hölzern sein soll, wie es ist, möchte der geneigte Kritiker nicht glauben. Das Hauptproblem des Abends ist, dass er das Stück zu ernst nimmt. Oder eben auch nicht: Davon, das dies eine Komödie sein soll, ist nichts zu spüren. Die kleinen Pointen und Spitzen, die sich mal aus der Heuchelei der den einzelnen Egos im weg stehenden Paarbeziehungen, mal aus der Religionskritik, mal aus der Naivität Emilys oder der Arroganz Isaacs ergeben, verpuffen wirkungslos. Viel zu ernsthaft, ja verbissen, werden die oft parolenhaft wirkenden Sentenzen herausgepresst, mit einer Überdeutlichkeit, die jeden Zwischenton unmöglich macht. Natürlich ist man als (vermeintlicher) Muslim benachteiligt, grassieren Rassismus und Vorurteile unter liberalen Intellektuellen und liegt die größte Gefahr in der Identätsverleugnung des Einzelnen. Fragen wie etwa die, ob Amir mit seiner „wahren“ Identität weiter gekommen wäre, oder auch warum eine abgelehnte Religion eigentlich zentral für die Selbstdefinition eines Menschen sein sollte, stellt weder der Text noch die Inszenierung.

Und so wird knapp zwei Stunden lang doziert und belehrt, werden klischeetriefende Geschichten erzählt (die Figur des Neffen, der seinen muslimischen Namen ablehnt und ob der Feindseligkeit der Gesellschaft sich dem Islamismus annähert, ist in ihrer Schlichtheit schier unerträglich), darf Amir Sätze sagen wie „Wir sind die neuen Juden“ und sich mit dem N-Wort bezeichnen, während die, die diese Begriffe eigentlich treffen, schablonenhaft die ablehnende Gesellschaft bilden. Dass sich der Rassismus, von dem hier gesprochen wird, auch und gerade gegen sie richtet, blendet nicht nur Amir aus, sondern auch das Stück. Und dass der „muslimische“ Mann am Ende sein Klischee erfüllt und die eigene Frau schlägt, lässt sich leicht lesen als Ergebnis seiner Erziehung, seiner „Kultur“. Ayad Akhtar hat einen Holzschnitt produziert, den Vrgoč mit dem Holzhammer und vollkommen ironiefrei auf die Bretter des Theaters am Kurfürstendamm zimmert. Da bleibt eigentlich nur das schöne Bühnenbild: Ein drehbares Dreieck in unschuldigem Weiß, schräg zulaufend auf eine erhobene Spitze bildet die Spielfläche – volatil und mit der Klippe, von der Amir stürzen wird, von beginn an sichtbar. Darauf ein Glastisch und Plexiglasstühle, symbolisch für die Durchleuchtung, den Dauerverdacht, dem sich Amir ausgesetzt sieht. Vor der Schlussszene werden sie Stück für Stück weggeräumt, während Amir (Mehdi Moinzadeh) an ihnen festzuhalten versucht. Ein stiller, wirklich schmerzhafter Moment, viel stärker als das hölzerne Geschwafel des restlichen Abends.

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