Das Furzen der Untoten

Eugène Labiche: Die Affäre Rue de Lourcine, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Karin Henkel)

Von Sascha Krieger

Der Bestsellerautor und Populär-, nun ja, -Philosoph Richard David Precht hatte 2009 einen Bestseller mit dem Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“, ein Titel, der seitdem seinen Weg in unseren Sprachgebrauch gesucht und vielerorts auch gefunden hat. Das ist nicht verwunderlich, ist doch die Definierbarkeit einer unteilbaren wie einzigartigen Identität des Einzelnen das letzte Glaubensbekenntnis unserer Zeit – während gleichzeitig der Zweifel an ihrer Möglichkeit so tief sitzt, dass die Grenze zur Überzeugung, einer Illusion aufgesessen zu sein, nicht selten nicht mehr sichtbar ist. Karin Henkel hat die postmoderne Identitätsverwirrung zuletzt zu ihrem Thema gemacht. Mit dem  Eugène Labiche hat sie sich nun einen Autor ausgesucht, dem solches Denken fremd schien, einen Akkordarbeiter der Boulevardkomödie, bei dem alles harmlos ist und kein Abgrund gähnt. Doch ist die selbstbesoffene Bürgerseligkeit, die seine stücke erdet, nicht dieser Abgrund selbst, eine Fassade, von der man schon bei Labiche nicht mehr wirklich annehmen kann, dass sich dahinter Substanz verberge?

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Die Gesichte ist schnell erzählt: Der Bürger Langlamé erwacht nach einer durchzechten Nacht mit einem veritablen Filmriss, den sein ihm zunächst unbekannter Saufkumpan Mistingue teilt. Ein paar Indizien später sind beide überzeugt, in der Nacht ein Kohlenmädchen ermordet zu haben. am Ende stellt sich heraus, die Zeitung, der sie die Mordmeldung entnahmen war alt und für die „Beweise“ gibt es harmlose Erklärungen. Alles gut also. Nicht bei Karin Henkel. Bei ihr wird diese bürgerliche Scheinwelt denn auch zum Reich des Todes. Gestalten in weißen Schutzanzügen desinfizieren, ja, was eigentlich? Einen Tatort vielleicht? Dann öffnet sich der Blick in eine Leichenhalle, auch in weiß, mit Sargrutsche, Vasen und Kreuz an der Wand. Die Tabakdosen des Stücks sind hier Urnen, das Klavier wird zu Beginn zur Orgel. Der bürgerliche Salon als antiseptisch kalte Leichenaufbewahrstätte – ein starkes Bild, das Henkel und Bühnenbildnerin Henrike Engel gelungen ist. Und das sie gleich wieder aufbrechen. Denn die Leichenhalle gibt es gleich dreimal: in unterschiedlichen Perspektiven und Ausführungen – als in die Tiefe führenden Perspektivraum, als zusammengestauchte Kammer und als nur bedingt einsehbarer Guckkasten weit oben auf der Bühne. Mitunter rasant wechselt das Geschehen zwischen den Ebenen und mit ihm die Figuren, die sich aufspalten, verdoppeln und verdreifachen, zunächst auf die Räume aufgeteilt, später sich selbst begegnend und in der Vervielfachung negierend.

Der Raum ist aus den Fugen und mit ihm die Zeit. Eine Uhr zeigt sie an und sie signalisiert ein Voranschreiten, das alles ist, nur nicht linear. Mal stockt, mal rast sie, mal bleibt sie stehen, mal springt sie voran. Vor allem aber hat sie einen Sprung, läuft ein wenig, springt zurück zum Ausgangspunkt, fängt wieder an, und tut dies bis zur Ermüdung. Hier geht nichts mehr voran, herrscht Stillstand und Wiederholung. Das Bild ist verschneit wie auf einem alten Fernseher, der Ton hallig, metallisch, voller Echos. Auch hier die Verdopplung. Wie auch bei der Hauptfigur: Hier ist Mistingue kein (Sauf-)Bruder im (Wein-)Geiste, sondern ein alter Ego Langlamés selbst, seine dunkle Seite, eine von vielleicht unendlich vielen? Das bürgerliche Individuum ist tot, denn es ist teilbar geworden. Der Schein lässt sich nur noch mechanisch aufrechterhalten. Da werden Menschen zu Dingen und das Dienstmädchen Justine zur Puppe.

Doch was gilt noch, wenn nichts mehr gilt? Eben nichts. Also lässt Henkel hier tatsächlich morden, zweimal gleich, oder besser gesagt, viermal, denn Justine, eines der Opfer, gibt es eben dreifach. Dass die Morde am Ende „aufgeklärt“ zu werden scheinen, ist Teil des Plans: So sehr hat der Schein die Regie übernommen, weil er alles ist, was dieser Bürgerwelt geblieben ist, dass alles Sein, was einmal existiert haben könnte, längst Reißaus genommen hat. Das gilt auch für Labiches Komödie: Ja, es gibt wunderbaren Klamauk und Slapstick, etwa in der hinreißenden Szene, in der Langlamé die Anwesenheit des im Schlaf laut furzenden Mistingue vor der Gattin zu verheimlichen sucht und pantomimisch zu behaupten bemüht ist, er sei der Flatulierende. Minutenlang führen Michael Goldberg und Anita Vulesica die Entindividualisierung des bürgerlichen Subjekts auf brachialstmögliche Weiose vor. Übrigens hat die Maske sie bis zur Unendlichkeit entstellt, auch dies eine der vielen Ebenen, auf denen Identität und deren Illusionscharakter verhandelt werden. Dass licht und Ton dann die volle Farcenfahrt wiederholt ausbremsen durch Anleihen an Klischeekrimi und Horrorfilm, passt denn auch ins Bild.

Karin Henkel dekonstruiert Labiches harmlose Vertuschungskomödie zu einer Vivisektion des bürgerlichen Individuums und sie tut so auf so vielen Ebenen gleichzeitig, dass der Zuschauer zuweilen am Rand der Überforderung steht. Doch sie fängt das auf, indem sie die Stilmittel bürgerlicher Massenkultur – vom schenkelklopfenden Klamauk bis zum TV-Krimi – durchexerziert, abgelöst von jeglicher Bedeutung, auch sie Untote bürgerlicher Selbstgenügsamkeit. Henkel mach Labiche zum Post Mortem einer Bürgerwelt, die an ihrer eigenen denkfaulen Arroganz zu Grunde ging und wirf seine Personage in eine Postmoderne, die mit der Mär vom Individuum mit fester Identität längst aufgeräumt hat. Darin tapsen und schwanken sie herum, verloren und verwirrt, das Happy End nur noch aufgesetzter Zwangschluss ohne Bedeutung. Ja, ich bin, und ich bin viele, sagen die Figuren. Und wir? Wie haben gelacht und gekichert. Und wunderten uns dessen. Zu Recht. Hat jemand Brecht gesagt? Oder Precht? Egal. Was? Alles.

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