Ins Weite

Das Simón Bolivár Symphony Orchestra unter Leitung von Gustavo Dudamel mit Werken von Strawinsky

Von Sascha Krieger

Natürlich müssen wir zunächst über El Sistema sprechen.Das venezolanische Musikerziehungsprogramm ist längst Legende. Hunderttausende Kinder und Jugendliche, viele aus prekären sozialen Verhältnissen, hat es über die Musik einen Weg ins Leben gezeigt, den sie sonst wahrscheinlich nicht gehabt hätten. Heute ist El Sistema  eines der erfolgreichsten Sozialprogramme der Welt und Vorbild für viele Länder auf allen Kontinenten. Aber nicht nur das: El Sistema ist auch in der Musikausbildung selbst überaus erfolgreich, spielt doch das professionelle, vor allem orchestrale Musizieren keine unwesentliche Rolle in dem Programm. Da ist es kein Zufall, dass ein Orchester seit jeher das Flaggschiff von El Sistema ist. Ein Orchester, das mit seinen Mitgliedern erwachsen geworden ist. Und so ist aus dem berühmten Simón Bolivár Youth Orchestra mittlerweile das Simón Bolivár Symphony Orchestra of Venezuela geworden. Die Mitglieder sind ein wenig älter geworden – der Altersdurchschnitt liegt nach wie vor bei weitem unter dem anderer Orchester – doch eines ist geblieben: Alle Musiker sind aus El Sistema hervorgegangen, der nach dem südamerikanischen Freiheitshelden benannte Klangkörper ist und bleibt das Aushängeschild des Programms. Das gilt auch für den Mann, der dem Orchester vorsteht, seit er selbst gerade 18 war: Gustavo Dudamel, einer der gefeiertsten Dirigenten seiner Generation, die Erfolgsgeschichte schlechthin von El Sistema. Doch so grandios sich seine Karriere gestaltet hat, El Sistema bleibt ein zentraler Teil seines Lebens. Fast die Hälfte des Jahres widmet der Musikdirektor „seinem“ Programm.

Das Simón Bolivár Symphony Orchestra mit Gustavo Dudamel (Bild: Nohely Oliveros)

Das Simón Bolivár Symphony Orchestra und Gustavo Dudamel (Bild: Nohely Oliveros)

Dazu zählen auch Tourneen, auf denen das Orchester seit Jahren überall auf der Welt gefeiert wird. So auch jetzt wieder in Berlin, wo die Venezolaner ein reines Strawinsky-Programm im Gepäck haben. Die große Besetzung liegt dem Orchester, strebt sein Klang doch eher ins Weite, Große. Da fehlt etwa bei Petrushka zuweilen die Klangschärfe, insbesondere bei hohen Streichern und Bläsern, kippt der Klang dadurch immer wieder ins Ungefähre, Unfertige. Viel eher liegt den Musikern das Rhythmische, wodurch sich gerade Igor Strawinsky besonders eignet. Hier liegt der Kern seiner Musik und das Orchester arbeitet die rhythmischen Zellen wie die oft scharfen Wendungen präzise, plastisch und mit immens hoher Energie heraus. Dudamel setzt auf Kontraste, was dem illustrativ charakterisierenden Duktus der Musik entgegenkommt. Dass dabei manches ein wenig untergeht, beispielsweise die trostlose Verlorenheit der Titelfigur kurz vor deren Ende, dass die durchaus vorhandenen Untiefen bestenfalls Nebensätze bleiben, ist schade, trübt aber den frischen Eindruck, den diese Interpretation macht, nur leicht. Dudamel ist (noch) nicht der Welt analytischster Dirigent, aber er ist einer der leidenschaftlichsten, dem es meist gelingt, den Zuhörer mitzureißen. Das ist, gerade wenn man wie er zum Ziel hat, den Altersdurchschnitt in den Konzertsälen zu senken, nicht unwichtig. Musik ist vieles, aber eben auch und nicht zuletzt Emotion.

Das gilt umso stärker für Le Sacre du Printemps, Strawinskys wohl kühnstes Werk. Das mit einer kleinen Überraschung aufwartet: Es ist vor allem der Beginn des zweiten Teils, der in seinen Bann zieht. Eine fahle, geisterhafte Atmosphäre macht sich breit, von fern flüstern die Trompeten, brüchig flirren die Streicher, das Zwielicht zieht ein. Ähnliches war bereits in Petrushka zu vernehmen, wo die Momente des Zerfasern und des verwirrten Durcheinanders zu den stärksten gehörten, aber auch in der Unschärfe der langsam erwachenden Bläserpolyphonie zu Beginn des ersten Teils. Es sind gerade die Zwischentöne, das Unentschiedene, in denen aufblitzt, dass das Orchester mehr kann als große Gesten und mitreißende Energie. Leider bleiben diese Passagen Inseln in einer stürmischen See. Der Fokus liegt auch hier auf der Rhythmik und da bietet Sacre  natürlich ein noch größeres Spielfeld als Petrushka. Das ist zuweilen ein bisschen viel Kontrast und Aufeinanderprall gegensätzlicher Elemente, auch weil die Klangschärfe auch hier oft nicht im Zentrum steht. Da klingt manches verwaschen, was den Gesamteindruck ein wenig trübt. Zumal die Kraftentwicklung hier kein Resultat von Verdichtung ist. Der Grundcharakter des Orchesters strebt eher ins Weite, Große, Umfassende – sehr anschaulich zu erleben in der Schlussszene von Der Feuervogel, die das Orchester als erste Zugabe spielt (als zweite gibt es noch ein lateinamerikanisches Medley samt Maracas-Spieler am Bühnenrand). Das führt mal zu einem unklaren Klangeindruck, dann aber wieder zu großer, unbändiger Kraftentladung, die dann den Schluss zu einem Triumph werden lässt. Und da will auch der skeptischste Kritiker nichts mehr kritisieren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: