Reflexion und Liebe

Rudolf Buchbinder und die Sächsische Staatskapelle Dresden spielen Werke von Weber und Mozart

Von Sascha Krieger

70 Jahre alt wird der österreichische Pianist Rudolf Buchbinder in diesem Jahr. Anlass genug, auf Geburtstagstournee zu gehen mit einem seiner Lieblingsorchester, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die er an diesen Abenden ganz für sich allein hat. Beim Berliner Gastspiel ist Buchbinder Dirigent und Solist in Personalunion, auf dem Programm stehen ausschließlich Werke, in denen der in Böhmen geborene Musiker, der bereits im Alter von fünf Jahren an der Wiener Hochschule für Musik lernte und später der gleichen Meisterklasse angehörte wie der legendäre Friedrich Gulda, sein pianistisches Können zeigen kann. Dabei steht vergleichsweise zugängliche Kost auf dem Programm, die eine gewisse Leichtigkeit auszeichnet: zwei Klavierkonzerte Mozart, dazu ein frühromantisches Konzertstück von Carl Maria von Weber. Dieses macht den Auftakt und sofort zieht Buchbinder den Zuhörer mit seinem klaren, detailscharfen und zugleich so unnachahmlich flüssigen Spiel in den Bann. Buchbinder formt die Themen und Motive so plastisch, dass sie den großen Saal der Philharmonie mühelos füllen, ohne auch nur einen Augenblick schwer oder plakativ zu werden.

Rudolf Buchbilder (Bild: Alexander Basta)

Rudolf Buchbilder (Bild: Alexander Basta)

Energie und Reflexion sind die Säulen von Buchbinders Spiel. In den schnelleren Passagen wird sein Anschlag fester, findet er einen treibenden Gestus, der stets detailgenau bleibt und gleichzeitig das musikalische Material mit reichlich Bewegung auflädt. Wird dieses ruhiger, lyrischer, kantabler, moduliert Buchbinder jede Note, scheint ihr nachzulauschen, gewinnt sein Spiel eine fast tastende, sehr nachdenkliche Note. Zwischen beiden Polen wechselt er in allen drei Werken und erzeugt damit eine erstaunliche Spannung, die das Orchester dankbar aufnimmt. Auch sein Spiel zeichnet sich durch Gegensätze aus: auf der einen ein leichter, heller, holzbläserdominierter, schlanker Klang, der kammermusikalisch anmutet und zuweilen an historisch-informierte Aufführungen erinnert; auf der anderen kraftvolle Verdichtungen, welche die Energie Buchbinders aufnimmt und mit ihr in einen streckenweise aufregenden Dialog tritt. Beeindruckend ist, wie beide, Solist und Orchester, organisch zwischen den Polen wechseln, in natürlich erscheinenden Bewegungen, deren mitunter dramatische Effekte nichts Aufgesetztes haben. Über allem steht das Primat des Schönklangs: Klavier und Orchester wollen dem Ohr des Zuhörers schmeicheln, sie wollen die Schönheit der Musik zelebrieren, ohne ihre strukturelle Rafinesse zu negieren.

Das gelingt abgesehen von ein paar wenigen Spannungsabfällen, etwa in der zweiten Hälfte von Webers Konzertstück f-Moll op. 79, meist sehr gut. Wenn es ein „Problem an diesem Abend gibt, dann, dass sich die Herangehensweisen von Orchester und Solist von Werk zu Werk nicht spürbar unterscheiden. So verschwimmen die Unterschiede ein wenig, was vor allem Weber nicht entgegenkommt. Die Energieinfusionen wirken hier tatsächlich streckenweise etwas überdeutlich, als müsse man dem Opernspezialisten Weber gerecht werden, wo doch der lyrische Frühromantiker Beachtung verdiente. Besser ergeht es den Mozart-Konzerten. Das C-Dur-Konzert KV 467 pendelt mühelos zwischen Kammermusik und fast Beethovenscher Wucht, zwischen Früh- und Hochklassik, sowie zwischen reflektierter Lyrik und pulsierender Energie. Buchbinder führt, das Orchester bildet das Fundament – sehr gelungen etwa die Erdung der glockenhellen Töne des Klaviers durch Bläser und tiefe Streicher – fungiert als Katalysator und Dialogpartner. Den fröhlich voraneilenden Ecksätzen stellt Buchbinder ein eindringlich nachdenkliches Andante gegenüber, das seine eigene Kadenz des Kopfsatzes mit ihrem raumgreifenden Ausdrucksspektrum schon vorbereitet.

Dies gilt in ähnlicher Weise für das d-Moll-Konzert KV 466. Hier fällt zunächst erneut der ungemein samtige, glänzende Klang der Streicher, insbesondere der ersten Geigen auf – der Einfluss von Chefdirigent Christian Thielemann ist unüberhörbar. Buchbinder betont jede Note, lässt sich auf jeden Ton ein und fügt sie dann zu einem Gesang zusammen, der Fließen und Vereinzelung kongenial vereint. Auch hier beeindrucken vor allem Kadenz und Mittelsatz: Erstere wirkt regelrecht zerklüftet, fast fragementarisch, treibt die polare Struktur an die Grenze des Wohlklangs. Letzterer brilliert in der Kontrastierung der lyrischen, zuweilen vor allem in den Streichern beinahe schwelgerischen Rahmenteile mit der energiereichen Satzmitte. Das Finale ist dann pure Energie, jedoch nicht, ohne die vermeintlich gegensätzlichen Kraftquellen von Vorwärtsdrang und Innehalten zu verwischen. Natürlich ließen sich alle drei Werke radikaler deuten, natürlich stellt Buchbinder seine eigene Brillanz in den Mittelpunkt des Abends, nur speist sich diese eben nicht aus oberflächlicher Virtuosität, sondern in erster Linie aus einem reflektierten und zutiefst analytischen Blick auf die Musik. Der stets auch ein emotionaler ist: Die Lieb zu dem, was er spielt, ist spürbar und sie überträgt sich mühelos auf ein beglücktes Publikum.

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