Der Stachel der Hoffnung

Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun?, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Kein Zweifel: Hier geht es von Anfang an bergab. Der Holzweg (Bühne: Sylvia Rieger), auf dem Johannes und Emma, genannt Lämmchen, versuchen, ihre Liebe zu leben, ihre Würde zu behalten, in einem kalten, feindlichen Universum, ist morsch, die Bretter lose – und er führt nur in eine Richtung: nach unten. Hier steht Dmitrij Schaad zu Beginn – und macht in seinem eleganten Anzug durchaus eine gute Figur. Dabei ist der Johannes, den er spielt, schon hier draußen, gehört nicht dazu. Schaad spricht von ihm in der dritten Person, gibt den Erzähler und holt ihn dann als Figur dazu, gibt ihm temporär die Illusion dazuzugehören, mitspielen zu dürfen. Eine Illusion, die auf dem Holzweg ins Nichts rutschen wird. Schaads Johannes ist ein dauerangespanntes Nervenbündel, voller Angst vor allem und jedem, vor allem vor seiner Liebe zu Lämmchen. Und doch ist er gerade in ihr, nur in ihr, bei sich. Da kann er sich kindlicher Freude hingeben, da wird er gar stark und resolut. Sie, die Anastasia Gubareva mit stoisch-naivem Optimismus, mit stiller Willenskraft spielt, ist sein Kraftzentrum und sie ist auch das den Abends.

Foto: Esra Rotthoff

Bild: Esra Rotthoff

Regisseur Hakan Savaş Mican hat Hans Falladas Wirtschaftskrisenroman auf die Verlorenheit des Einzelnen in einer Welt, in der nur der Nutzen, nur die Effizienz, nur die Ausbeutbarkeit zählt, reduziert – oder besser: konzentriert. Wie das Außen in das Innen, die Gesellschaft in das Individuum, der Arbeitsplatz in den privaten Rückzugsraum eindringt, das bebildert Rieger nicht, das zeigt Savaş Mican nicht, das lässt er Schaad und Gubareva spielen. Dabei ist dieses Spiel immer nur Skizze, steht man zu Beginn meist frontal nebenenander, muss Interaktion erst erarbeitet werden. Savaş Mican choreografiert das Gehetztsein, des sich über seine Arbeit definieren sollenden Individuum durch panischen Auf- und Abrennen, lässt die bestenfalls gleichgültige Welt – ob in Form feindseliger Familie, eines gottgleichen Arbeitgebers oder der Gesellschaft als Ganzes, gern chorisch auftreten, als abweisende Mauern, die dem Glück des einzelnen entgegen stehen. Johannes‘ Unglück ist, dass er weder gedankenlos funktionieren noch sich selbstbewusst eigene Regeln setzen kann – wie der von Mehmet Yilmaz gespielte in sich ruhende Freund Heilbutt oder der umtriebige Kleinkriminelle Jachmann (Tim Porath). Er will dazu gehören, glaubt, das Spiel spielen zu müssen, kann aber das Andere, Gegensätzliche, das er in seiner Liebe findet, nicht aufgeben.

Und so sieht er sich erdrückt, erstickt von den Anforderungen einer Gesellschaft, die ihn nur als Rädchen sieht und die von ihm fordert, alles andere, auch Frau und Kind, seiner Existenz als Teil des Getriebes unterzuordnen.  Savaş Mican findet dafür ein starkes Bild: Geknechtet von irrwitzigen Quotenvorschriften, streift sich Schaad ein Sakko nach dem anderen über, bis er nur noch gebückt gehen kann und unter der Last fast zusammenbricht. Johannes Pinnebergs Tragik liegt darin, dass er dies sehr lange mitmacht, wodurch die punktuelle Verweigerung für das System umso schwerer wiegt, was ihm gleich zweimal den Job kostet. Wenn dann auch noch der Raubtierkapitalismusverkörperer Spannfuß (Mehmet Ateşçi) von der „Work-Life-Balance“ faselt, die bei Pinneberg nicht stimme, öffnet sich eine Blickachse ins Heute, wo die Mär von der erfüllenden Arbeit, die Selbstdefinition über Job und Position und das Nützlichkeitsdenken längst die „Generation Praktikum“ überschritten haben. So sehr wir sie mittlerweile mit wärmender Sozialrhetorik schöngefärbt (und ihre Folgen natürlich mit einem mehr oder weniger funktionierenden Sozialstaat abgefedert) haben, so sehr ist die grundlegende Mechanik dieser Gesellschaft auch in der heutigen Inkarnation noch aktiv.

Die Gegenwartsbezüge streut Savaş Mican nur punktuell ein, dann aber sehr wirksam. Am stärksten wohl in der Szene, als Pinneberg obdachlosen Arbeitslosen begegnet und sich einer von ihnen (Ateşçi) als reisender aus der Zukunft, als Botschafter künftiger Migranten- und Flüchtlingsgenerationen offenbart. Die Pinnebergs der späten 1920er sind die „Gastarbeiter“ späterer Dekaden und, wenn wir nicht aufpassen, die Flüchtlinge von heute. Wie haben die Ausgrenzung, von der Fallada schreibt, nicht hinter uns gelassen, wir haben sie nur, man könnte sagen, ausgelagert. Auch das aktuelle „Wutbürger“-Problem klingt an, in mehr oder weniger hilflosen Auflehnungsposen, von denen der Regisseur andeutet, dass sie sich auch konstruktiv nutzen ließen.

Hakan Savaş Mican ist ein Abend gelungen, der wehtut, obwohl er überaus unterhaltsam und komisch sein kann, was vor allem an Tim Porath liegt, der in multiplen Rollen der von uns zuweilen etwas romantisierten „modernen“ und „aufgeklärten“ Gesellschaft die Maske abreist, indem er sie parodiert und karikiert. Gubareva ist die sachliche Stimme der Vernunft, während Schaad die existenzielle Verzeiflung eines nicht Dazugehörenden mit jeder Faser seines Körpert ausdrückt: Er zittert, rast, krampft, fällt zusammen, und kann sich nur immer schwerer aufrichten, ein Individuum, das immer mehr vom Außen übernommen wird. Der Abend wechselt zwischen distanzierender Erzählung, naturalistischen Vignetten und abstrahierender Choreographie einer übergriffigen Gesellschaft mit Alleinherrschaftsanspruch. Schaads Spiel geht zu Herzen, es schmerzt und fordert heraus und kann doch den leisen Restoptimismus nicht verbergen. Wenn Gubarevas Lämmchen am Ende den im Wortsinn draußen stehenden hereinholt, den Unsichtbaren wieder sichtbar macht und die finale Umarmung so etwas ist wie die Keimzelle eines Gegenentwurfs, dann spricht der Abend davon, dass nicht alles verloren ist, solange sich nicht jeder ganz dem vermeintlich Unvermeidlichen ergeben hat. So intensiv wie in Kleiner Mann – was nun?, so unmittelbar und ungeschönt, hat sich die existenzielle Verlorenheit des Einzelnen wohl seit Michael Thalheimers Die Ratten im Jahr 2007 am DT auf einer Berliner Bühne nicht mehr offenbart. Nur dass Savaş Mican ins Fleisch der Verzweiflung den Stachel der Hoffnung setzt. Lassen wir ihn drin.

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