Wenn Musik träumt

Sir Antonio Pappano und Renaud Capuçon zu Gast bei der Staatskapelle Berlin

Von Sascha Krieger

Was bekommt man, wenn ein Dirigent, der als ausgewiesener Opernspezialist gilt, vor ein Orchester stellt, dessen Haupttätigkeit das Musiktheater ist? Große Gesten, ein schwerer, theatraler Klang, ein Hang zur Dramatik? Weit gefehlt! Was Sir Antonio Pappano und die Staatskapelle Berlin erschaffen ist so frisch, licht, offen und fein, dass es scheint, als hätte einer die fenster aufgerissen und die Frühlingssonne schiene herein. Da passt es, dass drei Werke auf dem Programm stehen, die dediziert poetischen Charakter haben. Den Anfang macht Maurice Ravels Märchenzyklus Ma mère l’oye. Fast irreal erscheint die schwebende, zarte Klangwelt, die Pappano zunächst die bestechend klaren Holzbläser einführen lässt. Ein feines, lichtes Klanggewebe entspinnen die Musiker, die sanfte Melancholie eines Traums, der um die eigene Illusion weiß, füllt den Saal. So transparent,m so vollkommen durchsichtig ist die Staatskapelle nur selten zu erleben. Das bleibt auch so, wenn es lebhafter wird, etwa in der Episode der Pagodenkaiserin, in der Pappano die dynamische Entwicklung klar zeichnet, der behutsame Gestus jedoch Grundlage bleibt. Klar getrennt dann im vierten Teil die Sphären der Schönen (ein fragiler, heller Walzer) und des Tiers (ein tiefes Brummen), die dann im Traumgestus des Beginns zusammenfinden. In der letzten Episode singt Wolfram Brandls Solovioline sehnsüchtig, bevor dann die tausend Farben am Ende ihren Glanz entfalten.

Renaud Capuçon, Antonio Pappano und die Staatskapelle Berlin (Foto: Thomas Bartilla)

Renaud Capuçon, Antonio Pappano und die Staatskapelle Berlin (Foto: Thomas Bartilla)

Damit ist der Bogen schon gespannt zum letzten Werk des Abends, Modest Mussorgskys Bilder einer Ausstellung in der Orchestrierung Ravels. Auch hier vereint sich am Schluss die Vielfalt der Klangfarben zu einem strahlenden Glanz, der nichts Plakatives hat, weil sein Kern Bewegung ist. Natürlich ist die Hinführung eine andere, das musikalische Material robuster, realistischer, unmittelbarer als in Ravels Märchenzyklus. Pappano betont die charakterlichen Kontraste, besonders eindrucksvoll in Episoden wie „Samuel Goldenberg und Schmuyle“, in denen er den Dialog der tiefen Streichermassen des Reichen und des metallischen Meckerns des armen fein herausarbeitet. Die „Bilder“ sind wie kleine Mini-Dramen, bei denen selbst die kürzesten ihren eigenen Charakter erhalten. Auch hier ist der Grund ein lichter, fein gesponnener Klang, aus dem sich verdichtend ungeheure Kraft entfalten lässt und der immer wieder in einen suchenden, tastenden Gestus fällt, der den ganzen Abend auszeichnet. Hier wird Musik nicht ausgestellt, hier lässt man sie sich finden. Und was sie findet, ist auch hier eine Traumwelt, die licht ist und düster, glückspendend und bedrohlich. Viel ließe sich über die einzelnen Teile sagen, über die eröffnende Fanfare, die nach Open Air, nicht nach Konzertsaal klingt, der berührenden Melancholie des Saxofongesangs in „Il vecchio castello“, der Durchsichtigkeit der extrem tiefen Register in „Bydło“, der treibenden Schärfe der Baba-Yaga-Episode und vielem mehr. Sir Antonio Pappano und die Staatskapelle nehmen jede Episode als eigene Geschichte, die sie mit höchster Transparenz,  beeindruckender Subtilität und lichtdurchfluteter Transparenz zum Leben erwecken. Ohne je plakativ zu wirken, erstrahlt der Farbenreichtum von Ravels Orchestrierung. Es ist die Geburt der Musik aus sich selbst, nicht mehr und nicht weniger.

Das gilt auch für Henri Dutilleux‘ um einiges sperrigeres Violinkonzert L’arbre des songes. Der Baum (arbre) steht für organisches Wachsen, die Träume (songes) für die Fantasie, welche diese Musik konzeptionell und thematisch prägt. Renaud Capuçon ist der Solist und er verinnerlicht den fragenden Grundgestus des Orchesters sofort. Er tastet sich hinein in diese seltsame Klanglandschaft, vorsichtig, klar, mit Mut zur Schroffheit. Aus dem anfänglich Schwebenden Dazwischen wird ein zerklüfteter Parkours, der immer wieder Brüche aufweist, die Capuçon auch sucht. Mit der Staatskapelle hat er einen Begleiter, der seine Perspektive teilt und sich zugleich traut, eigene Wege zu gehen. Das strebt zuweilen auseinander und erzeugt gerade dadurch eine ungeheure Spannung, die sich im schroff kontrastreichen Finale entlädt. Der Dreiklang aus transparentem Klang, Verdichtung und Fragmentierung öffnet den Zugang zu dieser vergleichsweise sperrigen Musik, ohne sie zu verraten. Die Sehnsucht nach der Harmonie des Traums wird ebenso greifbar wie der ihr innewohnender illusorischer Charakter. Der Baum wächst, natürlich, ohne übergestülpten Sinn. Da darf das Werk gern mitten im Satz abbrechen. Denn eines haben Leben und Traum gemeinsam: Sie kennen keinen Anfang und kein Ende.

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