Das Brummen der Maikäfer

Rimini Protokoll (Helgard Haug, Daniel Wetzel): Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1&2, Kunstfest Weimar / Deutsches Nationaltheater Weimar / Hebbel am Ufer (HAU1), Berlin

Von Sascha Krieger

Das Timing ist perfekt: Am 8. Januar 2016, 8 Tage, nachdem das Urheberrecht ablief und das Buch gemeinfrei wurde, erschien die kritische Edition eines 70 Jahre lang nicht in Deutschland verfügbaren Bestsellers: Adolf Hitlers autobiografische Hetz-, Propaganda, Programm- und Rechtfertigungsschrift Mein Kampf. Am gleichen Tag feierte Rimini Protokolls Abend über das einst in fast jedem deutschen Haushalt vorhandene Buch, nur ein paar Straßenzüge entfernt vom Ort, wo sein Autor herrschte und unterging. Zeit, es herauszuholen aus den Winkeln der Vergessenheit und sich genauer anzuschauen, was es damit auf sich hat. Die Bühne (Marc Jungreithmeier) ist der erste Coup: Rimini Protokoll haben ihr Bühnenbild von Karl Marx: das Kapital, Erster Band, eine bewegliche, trenn- und zusammenfügbare Wand aus Bücherregalen und Verstecken, einfach wiederverwendet. Mit einem Unterschied: Jetzt bespielen sie die Rück- oder, wie einer der Spieler es ausdrückt, die „Arschseite“. Sie holen das Buch heraus aus den Giftschränken, den Verstecken, in denen es verborgen überlebt hat und zerren es hinaus ins Rampenlicht.

Das Hebbel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Das Hebbel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Der Zugang ist zunächst ein persönlicher: Sechs Menschen stehen auf der Bühne und erzählen ihre Begegnungsgeschichten mit dem Buch. Da ist die Juristin Sibylla Flügge, die als 14-Jährige ihren nicht gerade begeisterten Eltern, eine selbstangefertigte Kurzfassung von Mein Kampf zu Weihnachten schenken, ihre jüngere Kollegin Anna Gilsbach, welche die Verbreitung und die rechtlichen Aspekte interessieren oder der Buchrestaurateur Matthias Hageböck, den das physische Objekt Buch fasziniert und der sich der Editionsgeschichte widmet. Und dann ist da Alon Kraus, ein israelischer Jurist mit einer Leidenschaft fürs Provozieren, der Mein Kampf  auf deutsch, englisch und hebräisch gelesen hat, das Buch als „Managementratgeber“ schätzt und es auch schon mal zum Flirten mit deutschen Urlauberinnen einsetzt. Mit zugegeben mäßigem Erfolg.  Vervollständigt wird die Runde vom blinden Christian Spremberg, der schon beim Marx-Abend dabei war und Passagen aus der 1933 erschienenen Braille-Ausgabe vorliest und dem türkischstämmigen Politologen, Musiker und Rapper Volkan T error, der sich dem Buch ohne viel Ballast nähert.

Das versucht auch der Abend, der es spielerisch probiert. Grundidee ist das Buchstabenspiel: Einer sagt A, ein anderer Stopp, dann werden zum erhaltenen Buchstaben Begriffe gesucht. Für einen wird sich entschieden und dieser ist dann Ausgangspunkt der nächsten Betrachtungen. Man spielt eine Art Reise nach Jerusalem: Zwei oder drei Spieler werfen sich ein Buch zu, wer es hält, wenn die Musik aufhört, hat verloren und wird mit einem farbigen Kreis markiert. Das ist assoziationsstark (natürlich ist der Judenstern gedanklich nicht weit) und illustriert die Schwierigkeit, die wir mit diesem Buch als Gesellschaft haben. Keiner will damit zu tun haben und doch fasziniert es uns irgendwie. Dafür spricht auch die Publikationsgeschichte: So gibt es dutzende indische Ausgaben, fehlt der hebräischen das Kindheitskapitel und kann man in Japan „Hitler-Kits“ kaufen, samt Manga-Fassung von Mein Kampf. Irgendwann bricht Matthias Hageböck fast zusammen unter dem Bücherstapel, den er tragen muss. Später stellt man sich Fragen: Sollte Mein Kampf in der Schule gelesen werden? Kann man über das Buch lachen? Sollte es kostenlos verteilt werden? Würde man es offen an einem Café-Tisch in Berlin lesen? Und in Tel Aviv? Wer Ja meint, geht auf eine Seite, wer dagegen ist, auf die andere. Mal steht Kraus allein, mal Flügge, zusammen kommen sie kaum. Es sind diese Momente, in denen die Schwierigkeit des Umgangs mit diesem Gedankengut ganz unprätenziös aufscheint. Gedankengut, das in ganz ähnlichen Formulierungen – auch darauf weist der Abend hin – wieder alltäglich in Dresden und anderswo zu hören und zu lesen ist.

Je mehr sich der Abend entfernt von seinem informativen Gestus, desto stärker ist er. Das ist in seinen spielerischen Momenten der Fall wie in seinen persönlichen. Wenn am Ende Sibylla Flügge den letzten Brief der Schwester, die mit der RAF in den Untergrund gegangen ist, vorliest, ein Brief dessen Gedankenwelt mit ihrer Kampfrhetorik, ihrem Zwang, dem Leben höheren Sinn zu geben und der Eitelkeit des Opfertods so nahe scheint an Hitlers Schrift, ist es beklemmend still. Doch es sind Momente nur. Zu wenig kann der Abend beantworten, wo denn nun die Faszination oder die Gefahr des Buches liegt. Der Text bleibt auf Distanz, die gelesenen Passagen sind entweder so abstoßend oder so lächerlich, dass der Zuschauer sich nicht angesprochen fühlen muss. Klar, viel erfahren wir über die rechtlichen Aspekte der Verbreitung, über die Publikationsgeschichte vor und nach 1945, nur wo will das hin?

Es fehlt der Spannungsbogen, entsteht viel Leerlauf, driftet das Ganze auf Nebenschauplätze ab (auch um Volkan T error einzubinden, der zu Mein Kampf  wenig zu sagen hat), erfreut man sich der eigenen Cleverness und setzt auf Überraschungseffekte (Was, Volkan T hat einen Song mit dem späteren IS-Kämpfer Dennis Cuspert aufgenommen?). Zuweilen wird es regelrecht albern, etwa, wenn man versucht zu definieren, wie das Buch klingt? Wie brummende Maikäfer, quietschende Straßenbahnen oder Hitlers Stimme? In solchen Passagen offenbart sich ein Grundproblem: die Versuchung, sich den Text auf Abstand zu halten, sich nicht mit ihm befassen zu müssen. Es wird oft gekichert, nicht wenig gelacht an diesem über weite Strecken netten Abend, der nicht recht weiß, was er mit dem Buch anfangen soll. Die natürliche Abwehrhaltung vermag er nicht abzulegen und so ist der Umgang mit Mein Kampf  vor allem eines: verkrampft, ängstlich, übervorsichtig. Bloß nicht provozieren, heißt das Motto. Nur kommt man ohne Provokation eben manchmal nicht sehr weit. Alon Kraus weiß das, Helgard Haug und Daniel Wetzel offenbar weniger.

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