Tanz in den Abgrund

Silvesterkonzerte 2015 – Teil 2: Die Berliner Philharmoniker mit Anne-Sophie Mutter und einem französischen Abend

Von Sascha Krieger

Die orangefarbenen Lichtleisten sind zurück in der Philharmonie und signalisieren: Es ist Zeit für die Silvesterkonzerte der Berliner Philharmoniker. Und auch wenn sich der Scharoun-Bau nicht als  Tanzfläche eignet: Tänzerischen stand in den vergangenen Jahren im Mittelpunkt von Sir Simon Rattles Programmen zum Jahreswechsel. Bildeten in den Vorjahren die Tanzzyklen von Dvořák und Brahms das Fundament der Veranstaltung, hat Rattle diesmal einen rein französischen Abend ausgewählt. Brahms‘ erster der Ungarischen Tänze ist wenigstens als Zugabe präsent, doch bei allem Glanz, maßvollem Schwung und opulentem Streicherklang hat sich doch ein wenig Routine eingestellt. Womöglich bekommt auch er im nächsten Jahr eine Pause.

Anne-Sophie Mutter beim Silvesterkonzert 2015 der Berliner Philharmoniker (Foto: Holger Kettner)

Anne-Sophie Mutter beim Silvesterkonzert 2015 der Berliner Philharmoniker (Foto: Holger Kettner)

Zunächst aber zum Stargast: Anne-Sophie Mutter hat sich passend zur Saaldekoration für ein Kleid in strahlendem Orange entschieden und will einmal mit purer Virtuosität punkten. Dazu eignet sich Camille Saint-Saëns‘ Introduction et Rondo capriccioso a-Moll op. 28 in idealer Weise. Dopch obwohl Mutter die teuflischen technischen Schwierigkeiten souverän meistert – auch wenn selbst ihr an der einen oder anderen Stelle die Anstrengung anzumerken ist – überzeugt sie doch eher in den lyrischen Passagen, denen sie einen feinen Gesang entlockt. Hier darf die Musik etwas fließen, während sonst harte rhythmische Akzente dominieren. Mutters Spiel ist sehr affirmativ und lässt doch ein wenig die Subtilität vermissen, welche die Virtuosin sonst auszeichnet. Das ist bei Maurice Ravels Tzigane kaum anders. Sehr sperrig die lange Kadenz zu Beginn, streng und scharfkantig gespielt, mit ständigem Blick aufs Rhythmische. Stark dagegen die Momente des Innehaltens: Da tastet sich Mutter behutsam voran, fragmentiert das musikalische Material zuweilen, erzeugt einen irrlichternden schwebenden Tonfall, der den Saal ins Zwielicht taucht. Hier ist plötzlich eine Traurigkeit, die zur geschäftsmäßigen Virtuosität des Rests nicht recht passen will. Doch dann kommt das Orchester dazu und Mutter brilliert mit ihren Pizzicati und Flageoletts. Das ist beeindruckend, bleibt aber auf Distanz. Gern hätten wir ihrer Geige etwas länger beim Fragen zugehört.

Ansonsten ist das Orchester bereit zum Rhythmusfeuerwerk. Der Fokus liegt dabei auch der Detailschärfe, auf dem Herausarbeiten der unterschiedlichen Ausdrucksmodi. Das ist schon zu Beginn bei Emmanuel Chabriers Ouvertüre zu L’Étoile der Fall. Lebhaft nimmt das Orchester das vielgesichtige Fünfminutenstück, scheut den großen Effekt nicht, lässt es scheppern und Tönen, dass das Tanzbein beginnt, Ansprüche anzumelden. Schwelgerisch Daishin Kashimotos Violinsolo – ganz selbstverständlich wird hier salonhafte Opulenz zelebriert. Die großen Gesten finden sich auch in der Ballettsuite aus Jules Massenets Le Cid wieder, wo sich Rattle lustvoll Massenets Instrumentierung widmet. Glasklar arbeitet er die Einzelstimmen heraus und setzt aus diesen ein funkelndes und überaus lebendiges musikalisches Mosaik zusammen, das auch in der melancholisch gefärbeten Madrilène von Leben durchpulst ist. Den schnelleren Satzteil lässt Rattle wie einen Sturm aufziehen, bevor dieser dann alle Traurigkeit hinwegfegt. Explosiv endet die Suite, ganz aus dem Rhythmus lebend. Das gilt auch für Francis PoulencsBallettmusik Les Biches. Licht und glänzend ist der Orchesterklang, lebhaft tänzeln die Sätze durch den großen Saal der Philharmonie. Das Orchester spielt überaus durchsichtig und arbeitet die unterschiedlichen musikalischen Einflüsse – von Barock bis Jazz – fein heraus. Da darf es auch mal etwas dramatischer werden. Stets funkelt es in zahllosen Farben und in bestechender Detailschärfe.

Am Ende steht der Walzer, aber einer, der es in sich hat: Maurice Ravels La Valse. Er beginnt dunkel dräuend und unterdrückt brodeln. Sehr unscharf zunächst die Geburt des Walzers und obwohl er sich dann mit Eleganz, Kraft und Selbstbewusstsein vorstellt, klingt doch seine Unmöglichkeit schon mit. Immer wieder fährt ihm die martialische Gewalt des Schlagzeugs in die Parade, wird er durch Überdeutlichkeit ironisiert, sieht er sich der Gleichzeitigkeit eines recht brutal daherkommenden Marschrhythmus gegenüber. Schwelgende Streichereleganz kippt ins Schrille, Klarheit zur Unschärfe, der Walzer zerfällt und löst sich auf in zunehmend groteskes Lärmen. Am Ende explodiert der militaristische Gegenspieler wie eine auf die schöne Illusion herunterfahrende Bombe, verschmelzen Walzer und Marsch in einer Entladung, die andeutet, wann Ravel seine Hommage an den Wiener Walzer verfasste: zwei Jahre, nachdem im 1. Weltkrieg nicht nur die österreichische Herrlichkeit unterging. Und so endet ein tänzerischer Abend mit dem Einbruch einer Realität, die alles Leichte und Freudige und Harmonische bedroht, damals wie heute. Kein einfaches Ende für ein Silvesterkonzert. Aber ein ehrliches.

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Ein Gedanke zu „Tanz in den Abgrund

  1. […] wirkt dieses Silvesterprogramm um einiges harmlose als noch sein um einige Kanten reicherer Vorgänger. Die von Rattle eigens zusammengestellte Suite aus William Waltons Gedichtvertonung Facade macht […]

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