Werdet Brüder!

Silvesterkonzerte 2015 – Teil 1: Das Gewandhausorchester Leipzig unter Herbert Blomstedt mit Beethovens neunter Symphonie

Von Sascha Krieger

Am Anfang war die Stille. Aus ihr schält Ludwig van Beethoven sein Jahrtausendwerk und mit ihr beginnen die traditionellen Konzerte zum Jahreswechsel des Leipziger Gewandhausorchesters. Eine Schweigeminute für den kürzlich verstprbenen Kurt Masur eröffnet den Abend, in aller für ihn so typischen Bescheidenheit erbeten von Masurs Nachfolger Herbert Blomstedt, der dem Orchester von 1998 bis 2005 vorstand. Umso erstaunlicher, wie energisch Blomstedt dann den Beginn von Beethovens Symphonie Nr. 9 angeht. Nichts da mit dem Entstehen der Musik aus dem Nichts. Hier will alles voran, losstürmen, herausfinden, welche Welt es da zu erobern gilt. Blomstedt wählt recht schnelle Tempi und scheut in den Forte- und Mehrfach-Forte-Passagen nicht die explosive Kraftentladung. Der Orchesterklang ist schlank und kompakt, das Spiel detail- und kantenscharf, Rhythmik und dynamische Kontraste sind die Kraftquellen dieser Interpretation. Der Kopfsatz kommt mit einiger Härte daher, klingt zuweilen recht schroff, auch wenn ihm ein wenig das Untergründige fehlt. Der erste Satz ist eine Bestandsaufnahme der Welt: widersprüchlich, in ihren Bestandteilen nicht recht zusammenpassen wollend, bedrohlich, immer mit einer Prise Düsternis gewürzt. Dass Blomstedt dabei mitunter ein wenig über das Ziel hinausschießt, die Pauken etwa im gesamten Verlauf des Abends viel zu dominant sind, sei verziehen. Diese Neunte, so wird schnell klar, fordert heraus, stellt den Zuhörer in eine zerklüftete Landschaft, in der er sich selbst zurechtfinden muss.

Herbert Blomstedt (Foto: Jens Gerber)

Herbert Blomstedt, von 1998 bis 2005 19. Gewandhauskapellmeister (Foto: Jens Gerber)

Ähnlich das Scherzo, das sich jedoch auch den eine oder anderen Moment des Innehaltens erlaubt. So kommt der Anfang recht verhalten daher, behutsam, zögerlich fast, bevor die wilde Fahrt weitergeht. Blomstedt entwickelt den Ansatz des Kopfsatzes weiter zu einem Gegensatzpaar: auf der einen Seite die schroffe, harte Brutalität eines beinahe gewalttätig erscheinenden Mehrfach-Forte, dort ein tastender Gestus, feines, zuweilen fast brüchiges Spiel, hier unaufhaltsames Voraneilen, dort fragendes Innehalten. Am Ende gewinnt das Bedrohliche, die harte, scharfkantige, strenge Dramatik, die jedoch ohne den fragenden Duktus der ruhigeren Passagen weniger überzeugend wäre. Das Trio setzt Blomstedt übrigens nicht als Gegenpol ein: Es atmet bei ihm den Geist des Scherzo – schnell, scharfkantig, rhythmisch pointiert. Auch im langsamen Satz bleibt das Primat des Rhythmus bestehen, auch ihn durchzieht ein ambivalentes Pochen. Doch nimmt die Gegenbewegung zu: Immer wieder bricht der Vorwärtsdrang ab, produzieren die festen Streicher, vor allem aber die lichten Holzbläser einen Schwebezustand, der sich in seiner Feinheit und seinem Innehalten als Gegenbewegung etabliert. Da beginnt die Musik sich gar zu fragmentieren, tritt in Auflösungsversuche ein, denen dann mit festem Zug entgegengewirkt werden muss.

Das ist auch im Finale mehrfach zu beobachten, der so bruchstückhaft beginnt, wie man vielleicht den ersten Satz erwartet hätte. Die musikalischen Zitate, welche die Celli verwerfen, sind sich ihrer selbst nicht sicher, ersterben zuweilen wie mitten im Satz. So lugt denn auch das Freudenthema mit großer Unsicherheit hervor, ängstlich fast, tastet sich vorsichtig ins Rampenlicht. Einmal dort, legt sich Erleichterung über die Szenerie, – so freudig jubelnd, getragen von eindrucksvoll harmonierenden Trompeten und hohen Holzbläsern, ist die Freudenmelodie selten zu hören. Und kann doch nur Momentaufnahme sein: Fast brutal bremst Blomstedt das musikalische Geschehen ab – immer wieder beginnt es von Neuem. Bassist Christian Gerhaher führt den Vokalpart an – mit warmer, kraftvoller Stimme und ungewöhnlich affirmativem Gestus. Da kann auch der Chor – genau genommen drei Chöre, von Gewandhaus und MDR – nicht nachstehen. Kraftvoll und nachdrücklich schmettert er Schillers Texte in den Gewandhaussaal, so kräftig, dass er mitunter ins Schrille kippt. Stark auch das Gesangsquartett (neben Gerhaher Simona Šaturová, Mihoko Fujimura und Christian Elsner), das sich zum Nutzen des Ganzen oft zurücknimmt und bestechend miteinander harmoniert.

Der Abend gehört jedoch in erster Linie Herbert Blomstedt und seinem Orchester und das gilt ganz besonders für den Finalsatz. Dieser ist bei ihnen ein Beginnen, Abbrechen und Wiederansetzen. Die Freude, der Optimismus, der sich zu Beginn festsetzt, bleibt nicht unwidersprochen. Streckenweise klingen die Bekenntnisse zu Frieden und Brüderlichkeit so fahl, wie es ihnen die Welt, in der sie getätigt werden, erlaubt. Die zweite Hälft des Satzes erscheint wie eine dauernde Bremsbewegung, immer wieder fällt das Dirigat dem Jubel in den Rücken. Nein, die anfängliche Erleichterung ist gewichen, die Menschheit als Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern bleibt Illusion. Da bleibt nur zu resignieren – oder den Traum umso nachdrücklicher einzufordern. Blomstedt wählt letzteres: In der letzten Gesangspassage, nach einer warmen, innigen Meditation, kehrt der affirmative Gestus zurück, schleudern Chor und Solisten uns den Brüderlichkeitswunsch geradezu ins Gesicht. „Jetzt werdet gefälligst Brüder!“, will uns das sagen. Schluss mit der Geduld. Es ist höchste Zeit!

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Ein Gedanke zu „Werdet Brüder!

  1. […] dem er das ganze Werk über folgt. Die Brüche, das Versuchen und Abbrüchen, dass den Schlusssatz im vergangenen Jahr unter dem Dirigat Herbert Blomstedts so präsent, ja, verstörend auch machte, fehlt bei ihm. Hier ist alles aus einem Guss, durchpulst […]

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