Auf die Straße! Oder doch nicht?

René Pollesch: Service / No service, Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz, Berlin (Regie: René Pollesch)

Von Sascha Krieger

Genug geredet: Immer und immer wieder hat René Pollesch die großen Themen verhandelt: Kapitalismus, Freiheit, die Illusion vom Individuum, zuletzt vor allem die Liebe und ihre Unmöglichkeit. Heerscharen von Soziologen und Philosophen und Psychologen und überhaupt wurden zitiert, in Endlosschleifen wiedergekäut und ausgespuckt, zerfetzt und neu zusammengesetzt zu seltsam funkelnden Diskurskunstwerken, die mal mehr, mal weniger Erkenntnisgewinn brachten, aber stets lustvoll auch den aufmerksamsten Zuschauer überforderten. Schluss damit, mag sich René Pollesch bei der Planung seines neuesten Abends gesagt haben, widmen wir uns endlich dem wirklich Wichtigen: dem Theater. Maximilian Brauer schiebt einen Thespiskarren über die Bühne (mehrfach ist von scherzen für Bildungsbürger die rede, dies ist wirklich einer) und spielt griechische Tragödie mit Aspirintablette und Smarties, dann muss sich Kathrin Angerer belagern lassen, weil sie eine Vorstellung zu früh verlassen, im Elektra-Monolog verstummt sei.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Und schwupps sind wir mitten drin im Diskurs des Tages, pardon, des abends natürlich. Angerer versucht sich an einer Schöpfungsgeschichte und bleibt doch immer wieder hängen an den Gegensatzpaaren – von Licht/Dunkelheit bis zu Service/No service. Da müsse es doch ein Drittes geben, meint sie. Vielleicht die Kunst, oder genauer: das Theater? Nur wie soll das gehen, wo sich verorten lassen bei der Dreieckwerdeung einer vermeintlichen Polarität? Angerer beklagt die Abkoppelung des Einzelnen von der Weltgeschichte. Wo das Individuum keinen Einfluss hat auf das große Ganze, wie soll das Theater dies vermögen? Ist es da nicht besser zu verstummen? Denn die Alternative ist der „Service“, Kunst und Theater als Dienstleister. Also tritt ein recht aggressiver Jungmänner-Chor auf (Achtung: Tragödie!), der sich als Regisseur entpuppt und eher diktatorisch daherkommt. Die Gesellschaft übernimmt die Regie, das Theater soll ihr dienen. dann doch lieber auf die Straße. Gut, dass Bert Neumann für seinen Einheitsbühnenraum den Zuschauerbereich asphaltiert hat. So quetscht man sich immer wieder durch das Publikum, scheucht es auch mal auf. Nein, hier ist wirklich kein Service – man ist Manövriermasse und sitzt auch noch auf nacktem Asphalt.

Aber ist die Straße, also die Öffentlichkeit, die Gesellschaft, nicht eher das Problem? Vielleicht kapseln wir uns doch lieber ab, zurück ins LED-Raumschiff-Polygon als postmoderner Elfenbeiturm. Da kann der Chor noch so massenkompatibel choreographieren, die Kunst entzieht sich. Oder doch nicht? Einer der vier in Superheldenkostümen gekleideten Darsteller*innen, Franz Beil, wird irgendwann von der Masse geschluckt. Vielleicht gibt es kein Entrinnen, nur das Nachtrauern. Der zu früh verstorbene Bert Neumann, Verfechter eines sich der Nützlichkeit verweigernden, sich als Störer verstehenden Theaters, ist präsent, nicht nur durch den schwarzen Bühnenraum. Doch auch das ist nicht erwünscht: „Don’t look back“ steht in roter Glanzschrift auf den Pullovern der Chormitglieder, bloß nicht dem Vergangenen hinterhertrauern. Da bleibt denn nur die Verweigerung, das Verstummen, das wie immer bei René Pollesch natürlich äußerst wortreich ausfällt. Wie das Dritte aussehen könnte, welche Alternative sich bietet, sagt der Abend nicht. Nur was er verweigert: den Service. Polleschs Theater ist nun in dem Raum angekommen, in dem allein es leben kann. Es scheint nach diesem Abend, der bei aller Kurzweiligkeit zuweilen etwas beliebig wirkt und sich in seiner gewollten Sperrigkeit und seinen losen Enden ein wenig zu sehr gefällt, alles gesagt – wenn nicht schon zuvor schon längst der Fall war. Wohin des Weges, Wanderer? Im Mai werden wir es wissen. Dann steigt die nächste Pollesch-Premiere an der Volksbühne

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