War was?

Stefan Zweig: Ungeduld des Herzens, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Simon McBurney)

Von Sascha Krieger

Eines haben die Schaubühne und Simon McBurney schon einmal geschafft: Ihre Stefan-Zweig-Adaption ist Berlins letzte größere Theaterpremiere des Jahres. Zum ersten Mal arbeitet der Gründer der gefeierten englischen Theatergruppe Complicite mit einem deutschsprachigen Ensemble. Und wie so oft am Kurfürstendamm handelt es sich um eine Romanadaption. Stefan Zweig soll es sein, ein Autor, der ein bisschen aus der Mode gekommen ist. Ungeduld des Herzens  deutet an warum. Die Welt, die Zweig beschreibt, scheint uns fremd. Der Roman, 1938, am Vorabend des zweiten Weltenbrandes im Exil geschrieben, wirft uns zurück in die Zeit unmittelbar vor dem ersten, in die oberflächliche Gemütlichkeit einer KuK-Monarchie, die noch kaum ahnt, dass ihr Zeitalter vor dem Ende steht. Es geht um den jungen Leutnant Anton Hofmiller, der durch Zufall an den Haushalt des reichen Baron Kekesfalvar gerät, Die gelähmt Tochter verliebt sich in ihn, am Ende ist sie tot. Selbstmord, auch er eigentlich ein Zufall. Gerde jetzt beginnt der Krieg, Hofmiller stürzt sich lebensmüde in die Schlacht und wird zum Held, die alte schuld verlässt ihn jedoch nie ganz.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

Da gibt es einiges zu holen: die Folie des heraufziehende Krieges etwa als Kontrast zur selbstgenügsam blind ins einen Verderben stolpernden dekadenten Gesellschaft des sterbenden Kaiserreichs oder auch als Spiegel für das ganz private Leiden, das hier verhandelt wird. So vergeblich Ediths Hoffnung auf Heilung ist, so ist es auch die der österreisch-ungarischen Herrlichkeit, die stets wenig mehr war als Fassade. Hier wie dort wird die bittere Wahrheit bald ihr Recht einfordern. Oder die Figur des Kekesfalvar: ein Mann mit großem Herzen und zwielichtiger Geschichte, ein Jude, der seine Herkunft abgeschüttelt hat und sie doch nicht loswerden darf, einer, der mit seiner Identität ringt und nur so lange dazugehören darf, wie er der „Mehrheitsgesellschaft“ nutzt. Oder die Zweischneidigkeit des Mitleids: Zweig unterscheidet zwischen dem echten, ehrlichen Mitleiden, und einem, das eher bequeme Erleichterungsstrategie und herablassendeBevormundung des anderen ist. Letzteres herrscht hier vor und erscheint als Quelle des Geschehens. Alles Themen, die sich an das Hier uns Jetzt anschließen ließen.

Wenn McBurney sie nur ernst nähme. Aber nein: Die Mitleidsdebatte kommt nur am Rande vor, weil er eigentlich nur die zweite Version zulässt. Die Identitätsthematik spielt er gar nicht und der Krieg kommt nur in einer lieblos hingeklatschten Schlusssequenz vor, in der Hofmiller blutverschmiert in einer Vitrine steht und hinter ihm Kriegsbilder laufen. Stattdessen inszeniert McBurney einzig Hofmillers Kampf mit sich selbst und die von Beginn an verkorkste Beziehung zu Edith und ihrem Vater. Dass da Konventionen, gesellschaftliche Hierarchien, Antisemitismus mitspielen, wird bestenfalls am Rande erwähnt, die hemdsärmeligen Kameraden taugen als Vertreter einer das freie Individuum einengenden Gesellschaft kaum. Und so ist Hofmillers Drama vor allem ein ganz persönliches, bleiben gesellschaftlicher und familiärer Druck Behauptung.

Aber auch dies ist vor allem Mittel zum Zweck, geht es doch in erster Linie darum, ein durchaus beeindruckendes Repertoire an theatralen Mitteln aufzufahren. Im Kern ist der Abend eine Lesung mit verteilten Sprechern – wichtigstes Element von Anna Fleischles Bühnenbild sind des auch ein paar Tische und Pulte mit Mikrofonen. Hinten steht eine Glasvitrine, aus der sich Laurenz Laufenberg zu Beginn die Uniform holt. Der darstellerische Part ist denn auch eine Art lebendes Museum, Illustration einer längst vergangenen Geschichte, die von den Darsteller*innen – Christoph Gawenda ist so etwas wie der Cheferzähler – vorgetragen wird. McBurney bebildert sie mit reichlich plakativem Video auf mehreren Ebenen – einsame, fahle Landschaften! verkrampfte Hände!! – illustrativem Spiel, pantomimischem Agieren und Lippenbewegen zu von anderen eingesprochenen Worten, zeitlupenhaften Choreografien von Angst und Bedrängung oder der mechanischen Unentrinnbarkeit einer Gehorsamsgesellschaft. Die Lichtregie (Paul Anderson) pointiert Umschlagpunkte, etwa mit geisterhafter Fahlheit oder brutalen Stroboskopeffekten.

Das ist alles virtuoses und ungemein vielschichtiges Erzählen. Die Figuren zerfallen in Einzelteile, sie bewegen sich zwischen Präsenz und Erinnerung, nichts ist unteilbar, alles in Fragmente zersplittert. Vielleicht soll dies das zerrissene Ich des Protagonisten symbolisieren und bleibt doch meist Selbstzweck, auch und gerade weil die theatralen Mittel aus multimedialer Opulenz und asketischer Hörspielästhetik viel zu dominant sind. Ohne Zweifel: Der Abend ist nie langweilig, man schaut dem fein konzipierten Treiben gern zu, die Oberflächenspannung ist beinahe greifbar. Nur gähnt unter all dem funkelnden Schein vor allem eines: die vollkommene Leere. Da hilft ein starkes Bild gegen Ende wenig: Nach und nach hängen die Darsteller ihr Kostüme an heruntergefahrene Lampen, die diese alsbald gen Decke ziehen. Die Hüllen sind gefallen, der Mensch bleibt zurück. Auf sich zurückgeworfen, stumm und leer. Nur war er all das eben schon längst. Die Fallhöhe, die diese stille Szene bräuchte, fehlt. Denn schnell ist es völlig egal, welche Geschichte da erzählt wird, es geht nur noch darum, dies möglichst eindrucksvoll zu tun. Das gelingt Simon McBurney zweifellos. Der Premierenapplaus ist sehr wohlwollend, der Zuschauer verlässt den Saal mit dem Gefühl, exzellentes Theater gesehen zu haben. Zehn Minuten später ist das meiste vergessen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: