Zum Tod von Kurt Masur

Von Sascha Krieger

Als ich aufwuchs, gab es ein unverrückbaren Ritual zum Jahresende: Punkt 17 Uhr am Silvesterabend versammelte sich die Familie vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher und lauschte, 70 Minuten lang, der neunten und Letzten Symphonie Ludwig van Beethoven, jener, die in ihrem Finale die besingt Freude und die Einigkeit der Menschheit erträumt, mit einer Melodie, die heute offizielle Hymne der Europäischen Union ist, ein zweifellos alles andere ans perfekter Versuch, diesen Traum ein Stückweit in der Realität zu leben. Am Pult stand dabei ein Mann, der mit seinem ergrauenden und später fast weißen Bart Güte ausstrahlte, aber eben auch eine ehrfurchtgebietende Leidenschaft für die Macht der Musik, eine Macht, die weit über diese 70 Minuten hinausging. Dieser Mann hieß Kurt Masur. Wenn ich heute viele Abende in Konzertsälen verbringe und meine Leser mit Berichten über selbige belästige, ist das Ausdruck einer tiefen Verbindung, die Musik schafft und die ich immer wieder, mal erfolgreicher, mal weniger, suche. Und diese Verbindung hat eine Quelle: Kurt Masur.

Kurt Masur (1927 – 2015) (Foto: Sasha Gusov)

Kurt Masur (1927 – 2015) (Foto: Sasha Gusov)

Nein, der gebürtige Schlesier wird vielleicht nicht in die Geschichte der größten und bahnbrechendsten Dirigenten aller Zeiten eingehen. Zu beschränkt war über Jahrzehnte hinweg sein Repertoire, zu konservative seine Lesarten. Referenzeinspielungen sind rar, seine Konzerte und aufnahmen luden selten dazu ein , ein Werk neu zu entdecken. Kurt Masurs große xxx lag in anderen Bereichen. Er war einer, der Menschen zusammenbrachte. In Leipzig war er viel mehr als ein Chefdirigent. Er trotzte der DDR-Führung ein modernes Konzerthaus ab, etablierte die Kunst, die humanistische Tradition auch physisch im Leipziger Zentrum, und stellte sich damit auch ein wenig der grassierenden Zentralisierung einer Gesellschaft entgegen, in der alles auf Berlin ausgerichtet war. Die Autonomie der Kunst, ihre Aufforderung, sich im Denken und Fühlen nicht einschränken zu lassen – bei aller Zusammenarbeit mit dem SED-Staat war es dies, wofür Masur stand. Er konnte Menschen begeistern, für sich gewinnen, selbst die notorisch störrischen Musiker des New York Philharmonic Orchestra, das er 1990 übernahm und mit viel Einsatz zurückführte in die Riege der besten Klangkörper der Welt. Nicht mit aufsehenerregenden Interpretationen, sondern mit Fleiß, Disziplin, Respekt und einer nie in Frage stehenden Leidenschaft für die Musik. So groß auch sein Ego war, so sehr stellte er es stets in den Dienst seiner Berufung. Dass etwa in New York eines der Ergebnisse seiner Arbeit war, neue und auch jüngere Schichten zur Musik zu bringen, war sicherlich kein Zufall.

Vor allem aber war Kurt Masur einer, der die Rolle der Kunst und jener, die ihr dienen, immer größer definierten, sie nie nur auf den Konzertsaal beschränkt wissen wollten. Er suchte die öffentliche Rolle nicht, aber er nahm sie an, weil sie seinem Selbstverständnis als Künstler entsprach. Das war 1989 so, als es nicht zuletzt seiner Initiative zu verdanken war, dass es am 9. Oktober in Leipzig nicht zu einem Blutbad kam. Er war es, der den Aufruf zum Dialog in die Republik verbreitete, als einer, der stets vom System profitierte, der den Prozess des Wandels quasi offiziell machte, kaum mehr umkehrbar. Und das war auch 2001 so, als Masur nach den Anschlägen des 11. September die Kraft der Musik nutzte, um dem Schmerz, aber auch der Hoffnung der Stadt, in der er wirkte, eine Stimme zu geben. Auch damals gab er das Signal: weiterzumachen, sich nicht einschüchtern zu lassen, die Freiheit, als deren Domäne er stets die Kunst sah, hochzuhalten. Und das, obwohl sein nicht freiwilliger Abschied vom New York Philharmonic längst beschlossene Sache war. Sein Reich war nie die Politik, es war die Freiheit des Geistes, die er in der Musik fand, eine Freiheit, die er bis zuletzt unermüdlich, obwohl schwer gezeichnet von seiner Parkinson-Erkrankung, in die Konzertsäle dieser Welt brachte.

Am 19. Dezember 2015 verstarb Kurt Masur im Alter von 88 Jahren. Er wird fehlen.

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