Spiel es noch einmal, Frank!

Nach Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow, Wiener Festwochen / Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

Es ist geschafft: Mit Die Brüder Karamasow hat Frank Castorf seinen Dostojewski-Zyklus an der Volksbühne beendet, dessen letzten und vielleicht auch gewichtigsten Roman auf die Bühnenbretter am Rosa-Luxemburg-Platz gestellt. Und noch etwas ist vollendet: die Entwicklung der Volksbühne zum Gesamtkunstwerk, in dem Zuschauer und Bühne eins werden, es kein Draußenbleiben mehr gibt, geben kann. Es war Bert Neumanns letzter Streich, der einheitliche Bühnenraum, der den gesamten großen Saal der Volksbühne einnimmt. Bühne und Zuschauerraum gehen in einander über, letzter ist asphaltiert, Neumanns berühmte Lametta-Vorhänge, diesmal in Schwarz, bedecken die gesamte Wand, es gibt Bretter-Zäune und -Verschläge, im hinteren Bereich eine mehrstöckige Containerwand mit zahlreichen Innenräumen, mit einem dauerblinkenden Zeichen, das freie Zimmer verspricht. Die Bühne als Welt oder zumindest deren Abbild, jetzt sitzen wir mitten drin. Und es ist eben nicht nur die Welt eines Abends, sondern jene dieses Hauses. Fast trotzig wirkt das, zwei Jahre vor dem Ende von Castorfs Intendanz, wie ein letztes Aufbäumen einer längst verdammten Utopie.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Ein sechsstündiges Aufbäumen ist es denn auch, dem wir dann beiwohnen dürfen. Ist denn nicht alles schon gesagt und versucht worden, in all den Dostojewski-Abenden, den Dämonen und Spielern und Idioten, all der Schuld und der Sühne? Kann uns die Geschichte der ungleichen Brüder in ihrer Suche nach Leben und Sinn noch irgendetwas erzählen, was wir nicht längst wissen? Will sie das überhaupt? Nein und nein. Frank Castorfs Theater ist eines der Wiederholung, es geht nicht voran, sondern bewegt sich in Kreisen. All die Fragen von Moral und Schuld, Gott und Seele, Gewalt und Tod sind tausendfach gestellt. Aber sie geben eben keine Ruhe. Und so wie sie uns im Wachen und im Träumen nicht loslassen, tun sie das auch nicht auf dem Theater. Also lädt Castorf noch einmal zur Geisterstunde, geraten die Fjodors und Iwans und Aljoschas und Dmitris zu Wiedergängern der Stawrogins und Raskolnikows und Myschkins. Der Abend hebt wie stets in medias res an und endet auch so, er hat keinen Anfang und keinen Schluss, kann sie auch gar nicht Abend, weil das, was er verhandelt, nicht beginnt und nicht endet, die menschliche Natur in all ihrer Komplexität, Widersprüchlichkeit und Zerstörungskraft. Der Abend beginnt mit Dmitri, der rastlos auf und ab, rein und raus rennt und er endet mit einem Schulterzucken Aljoschas. Viel wurde gesagt, nichts erreicht.

Es geht, wie eigentlich immer, um Moral in einer gottlosen Welt. Wenn, so die Grundprämisse des Buchs, Gott tot ist, dann müsste doch alles erlaubt sein. Auch und gerade das Töten. Zu den Kernbildern des Abends zählt ein prominent drapiertes Riesenporträt eines jungen Mannes. Es ist der junge Stalin, unschuldige Vision einer Welt in der tatsächlich alles erlaubt sein wird. Der Fremdtextanteil ist überschaubar und besteht vor allem aus Texten des russischen autoren DJ Stalingrad, der einen unbarmherzigen Blick auf ein Russland wirft, in dem, seiner ideologischen Klammer beraubt, plötzlich wenn nicht alles, denn doch vieles erlaubt ist, in dem den Faschisten die Straße gehört und die Sehnsucht nach einer starken Hand bleibt. Der Brückenschlag in die Gegenwart ist da und bleibt doch halbherzig. Das ist nicht weiter schlimm, bietet doch Dostojewskis Text selbst genügend Anknüpfungspunkte zum Heute.

Es wird viel monologisiert an diesem wie stets rastlosen Abend, der doch eigenartig statisch wirkt. Hier bewegt sich nicht, wiederholen sich immer wieder die gleichen Argumente, kommt man nicht von der Stelle. Egal wie hektisch man hin- und her rennt, das Labyrinth zahllos erscheinender Spielorte bietet keinen Ausweg. Die Bühne bleibt meist leer, das Geschehen beschränkt sich zumeist – wie üblich per Live-Video vermittelt – auf die klaustrophobisch erscheinenden Innenräume: eine Künstlerwohnung, ein russisches Holzhaus, eine Kapelle, eine Sauna, unzähliche Korridore und Kämmerchen. Die Welt en miniatur ist ein unentrinnbares Labyrinth. Wie der Mensch, der in und um sich kreist und nicht weiterkommt. Wie der rastlose Dmitri (Marc Hosemann), der brutal egomanische Vater (Hendrik Arnst), der atheistische Zweifler Iwan (Alexander Scheer), der „heilige“ Glaubende Aljoscha (Daniel Zillmann). Auch große Frauenfiguren hat der Abend: Kathrin Angerers orientierungslos manipulative Doppelgeliebte Gruschenka, Lilith Stangenbergs in ihrer eigenen Verlorenheit schwebende verstoßene Katarina Iwanowna oder Margarita Breitkreiz, die ihre behinderte Lisaweta mit beileibe nicht nur kindlicher Zerstörungswut und Lust an der Provokation gibt. Sie rammt als eine der wenigen – Sophie Rois, die den Halbbruder Pawel nicht als schwärmerischen Bewunderer Iwans, sondern als stillen Beaobachter, als versteckten Manipulator spielt, wäre noch zu nennen – Stachel ins Fleisch, während die anderen zumeist wenig mehr vermögen als um sich selbst zu drehen.

Und so verwischen die Gegensätze schnell, vor allem bei Iwan, der Schlüsselfigur, dem Gegenpol zum Friedenspropheten Aljoscha. Scheer hält ihn unentscheieden, nimmt sich erstaunlich weit zurück, porträtiert ihn als Beobachtenden, der, wenn er aktiv zu werden versuch, mit sich ringt. Am klarsten ist er, wenn er sein gedankliches Konstrukt auslagert, oben auf dem Theaterdach die Geschichte vom Großinquisitor erzählt, der den wiederkehrende Jesus als Störer der Ordnung verbannt. Er selbst kann dieser Störer nicht sein. sein finaler Kampf mit dem Teufel (Jeanne Balibar) ist natürlich einer mit sich selbst und er endet in Verzweiflung und Selbstauflösung. Dieser Iwan bleibt seltsam unscharf und das gilt auch für seinen „Gegenspieler“ Aljoscha, den wir in einer Videosequenz zwar als heroischen Friedensengel sehen, der ansonsten aber auch immer wieder in den selbstzerstörerischen Gelagen etwa eines Rakitin (Patrick Güldenberg) versumpft.

Nein, die ideologischen Kämpfe zwischen Glaube und Atheismus, zwischen „links“ und „rechts“ sind hier längst geschlagen. So sehr hier auch gebrüllt wird, so wenig kann doch irgendjemand noch hören. Man spricht zu sich selbst, sechs Stunden lang und versinkt doch nur immer tiefer im Sumpf der Widersprüche, die wir nun mal sind. Keiner kann sich aus dem ideologischen Wirrwar wirklich befreien und zu sich selbst kommen, die Geister geben keinen halt aber sie lassen auch nicht los. Das Schiff sinkt und keiner kann von Bord. Natürlich ist das anstrengend und natürlich führt das nicht zu irgendeiner fein säuberlich zu notierenden Erkenntnis. Stattdessen macht Frank Castorf ein weiteres (letztes?) Mal spür- und erlebbar, was es heißt, auf dieser brüchigen Eisscholle namens erde zu leben und so zu tun, als könnten wir sie beeinflussen. Und vor allem wohin es führt, wenn wir alles für möglich und erlaubt halten, aber auch wenn wir uns einzwängen lassen in ideologische und moralische Korsette. Denn der junge Stalin ist nicht nur ein Sohn Iwans, er ist auch ein Sprössling Aljoschas, er ist ein Produkt eines Denkens, das Absolutheit nicht nur erlaubt sondern vorschreibt. Und da ist es dann nicht mehr wichtig, ob das absolut Gesetzte nun Glaube heißt oder Anarchismus. Hier passiert nichts mehr und passiert doch alles. Es ist ein anstrengender, dahinplätschender, von Stagnation getriebener Abend geworden. Und auf seine mäandernde und dezidiert unspektakuläre Weise auchein großer.

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Ein Gedanke zu „Spiel es noch einmal, Frank!

  1. […] selbst hatte Passagen aus Exodus wirkungsvoll in Die Brüder Karamasow eingestreut, jetzt darf mit Sebastian Klink einer seiner “Schüler” das Werk selbst auf […]

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