Der Lack ist ab

Anton Tschechow: Drei Schwestern, Berliner Ensemble, Berlin (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Der Lack ist ab. In großen Fetzen blättert die blassgelbe Farbe von den Wänden des opulenten Salons, den Lothar Holler auf die Bühne des Berliner Ensembles gestellt hat und der blicken lässt in verwinkelte Treppenhäuser, die nicht mehr versprechen als Erinnerungen an einstigen Glanz. Auch wenn sich die Szenerie im vierten Akt nach außen verlegt: Der blassblauen Fassade mit dem lieblos pseudoklassizistischen Portal, dem kleinen Kinderkarrussell im Vordergrund geht es nicht besser. Die Welt der drei Schwestern, einst Mittelpunkt eines Generalshaushalt, jetzt angewiesen auf Ehemänner und Arbeitsstellen, ist eine des Verfalls, der hier bereits geschehen ist, als das Stück anhebt. Nur mühsam lässt sich der draußen tobende Sturm noch heraushalten, ist drinnen die Leichenstarre längst eingetreten. Wie in Zeitlupe bewegt sich Gudrun Ritter als Anfissa zu Beginn durch den Raum und drapiert nichtssagende Blumen, minutenlang starrt Irina (Karla Sengteller) ins Leere, ein sich drehender Brummkreisel und ein Taschenmesser laden zu Bewunderiungsstürmen ein. Nein, hier passiert nichts, weil alles schon verloren ist. Uwe Bohms Werschinin ist die Verkörperung der Erstarrung. Auch wenn gegen Ende seine stille Resignation durchaus zu berühren weiß, ist es doch eher sein mit hartem Gesicht vorgetragener, eher simpler Pessimismus, der den Ton setzt.

Foto: Lucie Jansch

Foto: Lucie Jansch

Schnell kippt der anfängliche naturalistische Plauderduktuktus und übernimmt das Plakative. Alles ist einen Tick zu weit gedreht und so wirken die Schwestern schnell hysterisch – jede auf ihre Weise, am unangenehmsten sicher Sengtellers zum Abziehbild reduzierte Irina, während Antonia Bill als Mascha und Laura Tratniks Olga Momente leiser, existenzieller Not haben. Der Abend ist am stärksten in der Stille, wenn die Fassaden bröckeln, die Figuren zurückgeworfen sind auf sich selbst, wenn sie sich ihrer eigenen Leere stellen müssen und einsehen, dass der Ruf „Nach Moskau!“ als Inhalt einer Identität dann doch nicht ganz ausreicht. Es sind kurze Momente, denn je länger der Abend dauert, desto mehr regiert das Pathos, das ausgestellte Leiden, wenden sich die zunächst feinen Slapstickminiaturen zu einer Verdammung der agierenden als lächerliche Gestalten, die kollidiert mit dem fast heiligen Ernst, mit welchen Regisseur Leander Haußmann seine Darsteller*innen in ihren hübsch historisierenden Kostümen (Janina Brinkmann) agieren lässt. Ja, die meinen das ernst, das inbrünstige Flehen nach Sinn und Liebe und doch kann der Zuschauer es nicht ernst nehmen, haben sich die Charaktere doch längst als leere Hüllen entlarvt.

Der Abend bekommt bald eine massive Schlagseite, weil ihm die Mitte fehlt, das vereinigende Narrativ, weil er zerfällt in Oberflächlichkeiten. Hier betont altmodisches Deklamieren, dort ein bisschen Slapstick und wohlfeile Ironie. Der Abend weiß vor allem was er nicht will: heutig sein, sich vergegenwärtigen, den Stoff aus unserer Gegenwart heraus befragen. Er zielt auf Zeitlosigkeit, auf Tschechow pur und verfehlt gerade dadurch meilenweit sein Ziel. Tschechow war immer ein Gegenwartsautor, einer, der seiner Zeit und seiner Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten vermochten. Und es ist eben dies, was es seinen Stücken erlaubt, den Spiegel so zu drehen, dass auch wir uns darin erblicken. Haußmann dagegen verhängt den Spiegel wie zu Beginn das Mobiliar. Was wir sehen, sind keine Abbilder unser selbst, sondern platte Stereotype, die nicht zu uns sprechen, denen ein elegant melancholischer Abgang, Hand in Hand im Gegenlicht, wichtiger ist, als dem Publikum, das mit zunehmender Dauer eine anschwellende Tuscheldichte und Auf-die-Uhr-schau-Frequenz entwickelt, irgendeine Haltung abzuringen. Auch weil, weder das, was die Schwestern zu erhalten versuchen, noch das, was sie erwartet, in irgendeiner Form an Leben gewinnt. Der Text bleibt auf dem Papier, was angesichts der plastisch lebendigen Übersetzung von Thomas Brasch schon erstaunlich ist. Am Ende sind die abschließenden Worte Axel Werners als Tschebutykin Programm: „Ist doch egal.“

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