Zwei Welten

Das DSO mit Tugan Sokhiev und Emmanuel Ax spielt Werke von Brahms und Schostakowitsch

Von Sascha Krieger

Johannes Brahms‘ zweites Klavierkonzert ist kein einfaches Werk. Nicht dass es etwa besonders anspruchsvoll für den Solisten wäre oder musikalisch neue Wege beschritte. Die Herausforderung liegt eher in seiner Anlage und Länge. Mit fast fünfzig Minuten Dauer zählt es zu den länsten Solokonzerten überhaupt. Vor allem aber ist da sein Grundgestus: Weitere und immer weitere Kreise zieht das musikalische Material, so klar strukturiert das Werk auch ist, so improvisatorisch ist sein Gestus, so lang ist die Leine, an der es sein Material führt. Da braucht es einen Dirigenten, der dem Fluss des Soloparts Richtung gibt und die Binnenstruktur der vier Sätze zum Grundprinzip seiner Interpretation macht, der rhythmischen, dynamische und klangliche Pflöcke einschlägt, an denen sich Orchester und Solist orientieren können. Sonst läuft er Gefahr, dass das ausladende Werk aus dem Ruder läuft, ziellos dahinmäandert, träge dahinplätschert.

Tugan Sokhiev, noch bis Ende der laufenden Spielzeit Chefdirigent des DSO (Foto: Erik Weiss)

Tugan Sokhiev, noch bis Ende der laufenden Spielzeit Chefdirigent des DSO (Foto: Erik Weiss)

Genau das ist der Fall beim Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Leitung von Tugan Sokhiev. Zum einen lässt er seinen Solisten Emmanuel Ax ungehindert laufen. Dessen glockengleicher Klang ist schön anzuhören, birgt aber kaum Variationen. Versucht er ein wenig Dramatik hineinzubringen, wirkt sein Spiel schnell zu muskulös und bemüht. Dem Orchester geht es kaum besser. Klingt es anfangs fast dumpf, hat es immer wieder mit Unschärfen zu kämpfen, auch weil Sokhiev ihm nur minimale dynamische, rhythmische und Tempi-Kontraste erlaubt. So klingen die Streicher zuweilen – etwa im zweiten Satz – seltsam blutleer, baut sich nie Spannung auf und hat das Orchester dem dominanten Zugriff von Ax nichts entgegenzusetzen, bescheidet es sich meist mit der Begleiterrolle.  Lichtblicke bieten lediglich die zerbrechlichen, nachdenklichen Passagen, in denen sich der Fluss verlangsamt, der Klang ausdünnt und das musikalische Geschehen seinem Endpunkt zustrebt, dem Verstummen. Da ist Ax‘ Spiel plötzlich behutsam tastend, beinahe brüchig, schafft er Zwischenräume, die Fragen hinterlassen, findet auch das Orchester einen feinen, suchenden Klang. Meistens jedoch plätschert die Musik ereignisarm dahin, ist kaum Richtung, wenig Struktur spürbar, fehlt den einzelnen Sätzen wie dem gesamten Werk ein distinktiver Charakter.

Ganz anders dann Dmitri Schostakowitsch zwölfte Symphonie. Sokhiev will dem „Das Jahr 1917“ untertitelten Werk den Geruch vermeintlicher die Oktoberrevolution feiernder Programmmusik nehmen, auch wenn Satztitel wie „Revolutionäres Petrograd“ und „Morgenröte der Menschheit“ diesen eher unterstützen. Bei Sokhiev herrscht von Beginn an eine Unruhe, die nur Bedrohliches erwarten lässt. Scharf schreien die Blechbläser, hart schneidet das Schlagzeug ins musikalische Fleisch. Die Richtungswechsel sind jäh, die Vielstimmigkeit des nun sehr transparent spielenden Orchesters verunsichern, die Unruhe zunehmend. Zerklüftet der Kopfsatz, in dem wenig Licht herrscht, das Orchester wie getrieben voraneilt und doch nicht weiß wohin. Treibende Celli und klagendes Horn verstören in ihrer Gleichzeitigkeit, harte Kontraste bringen das Geschehen wiederholt zur Vollbremsung, ein Ausweg ist nirgends zu finden. Auch nicht im zweiten Satz, in dem die manische Hast umschlägt in Stagnation, in wie gelähmtes Schweben. Dazwischen begeben sich die Holzbläser im musikalischen Zwielicht auf eine ratlose Suche. Die explosive Gewalt des ersten verwandelt sich in die orientierungslose Innensicht des zweiten Satzes. Antworten finden beide nicht.

Das setzt sich fort: Der dritte Satz, der traditionell als Darstellung des Beginns der Revolution verstanden wurde, hebt an, als wehe er von fern heran, als fahles Echo seiner selbst. Das Grollen des Schlagwerks erscheint wie eine Reminiszenz, nicht wie ein Signal zum Aufbruch. bald findet sich der Satz wieder im Duktus des Eingangssatzes, voll gleißender Härte, scharfen Kontrasten und gewalttätiger Explosivität. Viele Gesichter hat dieser zerklüftete Abschnitt, ein freundliches ist an diesem Abend nicht dabei. Dies gilt noch stärker für das Finale, in dem die Revolution als Hoffnung der Menschheit gefeiert werden soll. Nichts da: Das feierliche Pathos schlägt schnell um in schneidende Schärfe, der affirmative Gestus fällt sich selbst in den Rücken. Beim Versuch, die musikalische Apotheose, den triumphalen Höhepunkt zu erreichen, bleibt die Entwicklung immer wieder stecken, tritt das Material auf der stelle, wie eine Platte, die einen Sprung hat. Sokhiev betont diese Unfähigkeit, das erhoffte Ziel zu finden, stellt sie ins Zentrum seiner Interpretation. Am Ende steht Ambivalenz, bleibt das Ziel unerreicht, hören wir keine revolutionäre Vision, sondern eine Gewalttätigkeit, die nichts Gutes verheißt. Das ende ist ein Abbruch, nichts ist entschieden, noch weniger gelöst. Die Spannung ist fast greifbar und sie bleibt, auch als die Musik verstummt. Die gedankliche Kraft, die dem Brahms fehlte – hier steht sie herausfordernd im Raum.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: