Angst essen Vokale auf

andcompany&Co.: WARPOP MIXTAKE FAKEBOOK VOLXFUCK PEACE OFF! ‚Schland Of Confusion, Hebbel am Ufer/HAU3, Berlin

Von Sascha Krieger

Die Angst geht um in Deutschland. Vor Millionen von Menschen auf der Flucht, dem Terrorismus, einem neuen „kalten Krieg“, Islam- und anderen „Isierungen“, totaler Überwachung und und und. Deutschland im Jahr 2015 ist ein Land in Griff der Angst. Montag für Montag sehen wir sie in Dresden und anderswo herumgehen, in Wahlumfragen kratzt sie an der 10-Prozentmarke, ihre Propheten heißen Petry und Gauland und Höcke, aber auch Bachmann, Elsässer, Ulfkotte, Naidoo. Moment, das hatten wir doch schon einmal? Anfang und Mitte der 1980er, als sich die westliche Welt am Rande einer atomaren Katastrophe wähnte, irgendwo zwischen Hochrüstung und Tschernobyl, als der Wald starb, als es immer fünf vor zwölf war. Jetzt steht die Weltuntergangsuhr wieder dort, wo sie war, als die deutsche Jugend mit den apokalytischen Büchern einer Gudrun Pausewang aufwuchs, als sich die Kinder als die letzten wähnten, als die „Generation Radiation“, die mit der Welt in den Untergang gehen würde.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Ein Spielplatz ist es denn auch, den andcompany&Co. auf die Bühne bringen, wenn sie versuchen, unsere Zeit aus der Sicht des apokalyptischen Zeitalters vor rund dreißig Jahren zu befragen. Sie erzählen von Kindern, die Pläne schmieden, was sie in den letzten fünf Minuten ihres Lebens tun würden, bei denen Rutsche (drei davon sind hier aufgebaut) und Raketeneinschlag nicht ohne einander zu denken sind. Damals trieb die Angst die Menschen auf die Straße, kannten die Kinder wenig anderes als Wochendausflüge nach Mutlangen oder in den Hofgarten. Auch heute wird wieder lautstark protestiert, werden Friedenstauben hochgehalten und sind doch die Parolen andere. Die Protagonisten nicht unbedingt. So mancher, ein Jürgen Elsässer zum Beispiel, hat die Seiten gewechselt und ist sich doch treu geblieben. Ein Prophet der Angst. In ihr sehen die Akteure von andcompany&Co. das verbindende Element und so drehen sie die Achtziger durch den Fleischwolf: Parolen, Geschichten, Musik und visuelle Welten des MTV-Jahrzehnts werden geshreddert, wild komponiert und zusammengesetzt und plötzlich sind wir im Jahr 2015, entdecken wir untern Haarspray- und Punkperücken die Köpfe von heute, wird die Endzeitkämpferin Sarah Connor aus den Terminator-Filmen zur Sängerin Sarah Connor, die angefeindet wird, weil sie Flüchtlingsfamilien aufnimmt.

„Die Zeit, die vergeht nicht mehr“, heißt es an einer Stelle. 1984 ist heute, der „große Bruder“ heißt Facebook oder NSA, die Friedensbewegung nennt nicht heute Pegida, die totalitäre Kraft der Angst bleibt ungebrochen. So manchem wird die klare Linie, die das Kollektiv zwischen der Friedensbewegung und dem heutigen „Wutbürgertum“ zieht, nicht behagen, sie ist sicherlich auch nicht vollkommen fair und doch macht der  Abend eindeutige Parallelen klar. Es ist die Angst, die uns treibt wie sie uns damals trieb, in die Arme einer Gemeinschaft, die von der Apokalypse fasziniert ist und nach einfachen Antworten sucht, vielleicht auch nach Führern, die diese zu geben vermögen. Die Angst, die uns zwingt, gegen etwas zu sein, ohne dass wir wissen, wofür wir sind. Und umgekehrt. Angst fürt zu Verunsicherung führt zu Lähmung führt zur Einebnung aller Werte. Es ist eine Angst, die uns unserer Sprache beraubt. Mal verschwinden die Vokale, mal die Konsonanten, wird aus „Abendland“ A-E-A und „ah ja“ und „eieiei“, starke Symbole für die Macht kollektiver Lähmung, die uns einschränkt bis hin zu dem Punkt, da wir nicht mehr in der Lage scheinen, uns zu bewegen. Da helfen auch keine Zeitreisen mehr, die Zukunft ist jetzt, und sie ist nicht tröstlich.

Der Abend mit dem unaussprechlichen Namen ist ein audiovisuelles Mixtape aus Popkultur, Politik, Urängsten und Populismus, das auf wahnwitzig virtuose Weise Achtziger und Heute verschränkt, die Gegenwart als Widergänger der Vergangenheit zeigt und vorführt, wo und wie wir uns wiederholen. Er ist so überladen, dass lose ende bleiben, nicht alles funktioniert und zuweilen stoßen Banalismen  wie ein müdes Re-Enactment von Monty Pythons ideologischer Zersplitterungssatire oder gewollt Jelinek-hafte Wortspielgewitter, die auf halber Strecke stehen bleiben, sauer auf. Und doch zeigt dieser spielwütige und wütende Abend zweierlei auf: ersten, wie wenig wir aus dem Zeitalter der Angst gelernt haben, und zweitens, wie einfach es sein müsst, den ausgetretenen Pfad zu verlassen. es ist das einfache, was so schwer zu machen ist. Das platt zeigefingerhebende Ende ist wenig überzeugend, der Abend in seinem wahnwitzigen, realistisch irrsinningen Mischmasch, den wir zu oft für Gesellschaft und politische Kultur halten, ist es umso mehr. Übrigens kommt in diesem Text das Wort „Angst“ dreizehnmal vor. Auch das ist wohl eine Aussage.

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