Das Theater als Wartezimmer

Ophelias Zimmer. Mit Texten von Alice Birch, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Fünf Szenen hat sie in Hamlet. Sie ist Objekt (von Hamlets Schwärmerei und später dessen Wut), Spielball (ihres Vaters, der sie als Spionin missbraucht) und Opfer (eines vermeintlichen und in den Suizid führenden Wahnsinns). Der britische Mahler John Everett Millais hat sie später als schöne, blumenumspülte Wasserleiche endgültig zur Ikone gemacht. Die schöne Frau als Objekt der Begierde und als passives Opfer, in der Liebe und Tod, die zwei großen Obsessionen der Menschheitsgeschichte zusammenkommen. Autorin Alice Birch und Regisseurin Katie Mitchell haben jetzt Ophelia, die Projektionsfläche, die Stumme, vom Mann zu Beschreibende, zur Hauptfigur gemacht. Doch statt sie zu emanzipieren, ihr eine Stimme zu verleihen, schreiben sie die Ikonographie der Figur nur weiter. Wenngleich unter verkehrten Vorzeichen, als Anklage gegen eine Gesellschaft, die Frauen eine dienende, passive Rolle zuerkennt. Im Resultat bleibt sie aber eben doch das Opfer, der Spielball, das Objekt.

Foto: Gianmarco Bresadola

Foto: Gianmarco Bresadola

Dabei gehen Birch und Mitchell wenig subtil vor. Das Ertrinken, Ophelias Todesursache in Hamlet, wird zum Rahmen und zur Metapher. Die fünf Phasen des Ertrinkens fungieren quasi als Kapitelüberschriften, wobei die von ihnen bezeichneten Abschnitte wenig mehr sind als Wiederholungen des Immergleichen. Ophelia bleibt weitgehend stumm, ihr karg möbliertes Zimmer (Bühne: Chloe Langford) ist, in der Bühnenmitte abgesenkt, eine kaum verhüllte Zerlle, über die sich immer wieder ein schwarzer, am Schluss auch gläserner Kubus stülpt. Eingeengt ist sie auch von der Kleidung, die ihr die Bedienstete Schicht für Schicht überstreift. Zunächst verlässt sie das Haus, dann nur noch das Zimmer, später ist sie auch dort eingeschlossen, schrumpft ihre Welt immer weiter zusammen. Jenny König spielt sie als ergeben hörige, resignierte, nur noch mechanisch Agierende, die springt, wenn der Vater ruft und die ansonsten wartet, in der monotonen Abfolge von entsprechend ausgeleuchteten Nacht- und Tagesszenen sowie Zwischenzeiträumen, strukturiert von einem Glöckchen, das den Zeitverlauf bezeichnet und dem die Abwesenheit von Geschehen entgegensteht. Sie wälzt sich schlaflos im Bett, betritt mit einer Tasse das Zimmer, stickt, wirft die gebrachten Blumen weg, hört Hamlets Botschaften auf Kassette. Immer und immer wieder, unbewegt, erstarrt.

Sie reagiert nur auf Anweisungen, ist passives Objekt der Männer: Polonius‘ Anrufe, Hamlets aggressiver Balztanz, die medikamentöse Betäubung durch den namenlosen Agenten der – natürlich männlichen – Macht. Sie ist ausgestelltes Püppchen, Objekt einer Vertuschungskampagne, Projektionsfläche männlichen Narzissmus‘. Mit der Zeit bricht auch ihre Restfassade zusammen. Sie internalisiert die Befehlsprozesse, verfällt psychisch wie geistig, ertrinkt in einer Welt, die für sie nur die Opferrolle kennt. Ihr Zimmer wird geflutet, die Blumen schwimmen im Wasser wie auf Millais‘ Bild, die Metaphorik des Abends ist ebenso wenig subtil wie sein ideeller Überbau. Dabei ist das durchaus konsequent, auch in seiner gewollt anstrengenden Monotonie.

Nur beschränkt sich die Aussage von Ophelias Zimmer eben auf eine Form von totaler Kontrolle und Fremdbestimmung (die bei Mitchell durchaus übliche Live-Einspielung von Geräuschen aus einer speziellen, für das Publikum sichtbaren Tonkabine heraus gehört hier dazu) der Frau durch den Mann, die uns heutigen doch einigermaßen fremd erscheint. Mit der Realität einer (post-)feministischen Welt, zu der Frauen in Machtpositionen ebenso gehören wie nach wie vor existierende Einkommensunterschiede, Diskriminierung und Sexismus, hat das wenig zu tun. Hier der kalt machtbewusste Mann, dort die hilflos resignierte Frau (auch in Form der von Jule Böwe eingesprochenen längst abwesenden Mutter): So einfach ist das. Und so führt die konsequent minimalistische, jegliche Entwicklung verweigernde und am Ende gar den Selbstmord als aktiven Ausbruch feiernde Inszenierung eben nicht zu irgendwelcher Erkenntnis oder auch nur zu verunsichernder Beklemmung, sondern zur Distanzierung durch zunehmend nichtssagende Langeweile. Es ist ein Abend, der seine Intensität nur vortäuscht, weil er es sich viel zu einfach macht, in reinem Schwarz oder Weiß denkt und ob seiner Schlichtheit schnell kollabiert. Der Rest ist Warten, ohne hoffen zu können. Wie Ophelia eigentlich.

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Ein Gedanke zu „Das Theater als Wartezimmer

  1. […] wird. Ihre Antwort: Sie macht erst einmal das, was sie (fast) immer macht. Das Filmset, zuletzt in Ophelias Zimmer durchaus schmerzlich vermisst, ist wieder da. Die Bühne, dominiert von einer übergroßen […]

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