Die Wahrheit zwischen den Zeilen

Das DSO unter Leitung von Sir Roger Norrington und mit Jean-Guihen Queyras

Von Sascha Krieger

Sir Roger Norrington zählt zu den wichtigsten Vertretern der historisch-informierten Aufführungspraxis. Sein analytischer Ansatz, der versucht, die Partitur in ihrer originalen Intention erklingen zu lassen, kann zuweilen trocken und blutleer wirken. Sein neuestes Gastspiel am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters zeigt jedoch, was passiert, wenn sein Konzept aufgeht: Dann erlebt der Zuhörer einen Abend voller Magie, die einzig und allein aus dem Kern der Musik selbst entsteht. Da hilft es, ein Werk zur Verfügung zu haben, das Musik nicht zuletzt als Transporteur von Emotionen begreift, und einen Solisten, bei dem analytische Schärfe, Ausdrucksreichtunm und emotionale Tiefe eine perfekte Symbiose eingehen. Mit Antonin Dvořáks zweitem Violincellokonzert und dem Kanadier Jean-Guihen Queyras stehen ihm alle nötigen Zutaten zur Verfügung.Schon der Beginn ist magisch: Wie Norrington die verschiedenen Instrumente als zunächst separate Stimmen zusammenfinden lässt, wie sich Queyras‘ raues, ungeschliffenes Spiel tastend in die entstehende Klangwelt einzufinden versucht, ist ein seltenes Beispiel, wie Musik im Moment ihrer Aufführung neu zu entstehen scheint.

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Foto: Urban Zintel)

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (Foto: Urban Zintel)

Immer wieder hält Queyras inne, tastet sich dann wieder voran, mit fragilem, teils brüchigem Spiel, das aus der Stille kommt und die Zwischenräume sucht. Wie auch Norrington das DSO zwischen den Zeilen lesen lässt. Ganz behutsam, sich selbst nicht recht zu trauen scheinend, beginnt diese Musik zu erblühen. Queyras gibt den Erzähler, der vorangeht, während das Orchester eine Suchbewegung vollführt. Er bringt sein Instrument zum Singen, sehnsüchtig, hoffnungsvoll, zweifelnd, mal fast schwelgerisch fließend, dann wieder zerbrechlich zart und innig lyrisch. Das Ausdrucksspektrum ist enorm und wird vom detailscharfen und ungeheuer nuanciert spielenden Orchester, dem Norrington einen schlanken, durchsichtigen Klang verleiht, geteilt. Gemeinsam arbeiten sie die musikalische Entwicklung heraus, die eine Suche ist und ganz natürlich erscheint. In ihr ist Platz für leises Klagen wie für kraftvoll strahlenden Glanz. Ganz langsam weitet sich der Raum, strebt das gemeinsame Klingen ins Offene, stets in Gefahr, dass die gefundene Harmonie wieder zerfällt.

Lyrisch nachdenklich ist der Grundgestus des zweiten Satzes, zwischen Leidenschaft und Zweifel schwankend jener des dritten. Voller Spannung hier das berückende Duett Queyras‘ mit der Solovioline des Konzertmeisters Wei Lu. Nichts ist an diesem Finale triumphal, vor allem der Solist sucht die musikalische Wahrheit in den Brüchen, den Nebengedanken, der Stille. Sanft schwebend dann der Epilog, bevor der Schluss in tausend Farben erstrahlt. Gemeinsam haben Jean-Guihen Queyras, der in der Zugabe eine faszinierend brüchige Bachasche Sarabande gibt, und das DSO einen musikalischen Kosmos durchmessen, der sich aus der Suche nährt, der stets an seinem Weg zweifelt und sich immer bewusst ist, dass sein End- und Zielpunkt die Stille ist, das Nichts. Aus diesem Wissen jedoch zieht er die Kraft zu größter Schönheit, emotionaler Tiefe und einem Farbenreichtum, das an einen unendlichen blühenden Garten denken lässt. Die Vielfarbigkeit des Lebens, hier lässt sie sich ganz unprätentiös erleben.

Diesen Geist atmet anschließend auch Ralph Vaughan Williams fünfte Symphonie, ein ganz und gar unspektakuläres Werk, dem jede große Geste fremd ist und das nach innen, seinem Kern entgegen, strebt. Dicht und dunkel eingefärbt ist der Klang, fest das Spiel, mit dem sich Norrington dem Werk nähert. Ein düsterer Grundton bestimmt den Kopfsatz, der sich im totalen Zwielicht befindet, das Norrington als klangliche Ambivalenz und als unsicheres Schweben hörbar macht. Fragmentarisch zerklüftet kommt das Scherzt daher, in dem der Dirigent die Blechbläser Stachel ins ohnehin alles andere als eindeutige Fleisch setzen lässt. Im dritten Satz wird das Dazwischen, mal als schwereloses Schweben, mal als spannungsreiches Flirren zum Grundgestus. Brüchige Offenheit und Maskierungsbewegungen ringen miteinander, Zusammenballung und Auseinanderstreben geschehen gleichzeitig. Die Unentschiedenheit ist der Kern dieses Satzes und der ganzen Symphonie, die, 1943 uraufgeführt exemplarisch das romantische Vergangene sucht und nicht mehr findet, in der atonalen Gegenwart aber nicht anzukommen vermag. Aus der Zeit gefallen, dreht die Musik sich um sich selbst, sucht ihren Kern und findet ihn in seiner Abwesenheit.

Das Finale ist die Gleichzeitigkeit des Disparaten, es droht auseinanderzufallen und findet doch in der zunehmenden Fragmentarisierung erst zu sich.Gegen ende kommt das Orchester dann ins Singen, begehrt eine liedhafte Lyrik auf, die so gar nicht angebracht erscheint und doch daran erinnert, welch tröstende Kraft der Musik zukommen kann. Irisierend schweben die hohen Streicher ihrer Selbstauflösung entgegen, entschwindet die Musik sacht in die Stille, die jetzt plötzlich nicht mehr das Nichts ist, sondern alles einschließt. Auch diesen ,magischen und zutiefst berührenden Abend, der von Vergänglichkeit und Ewigkeit spricht und weiß, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

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