Spott und Hoffnung

Ferdinand Schmalz: der herzerlfresser, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Ronny Jakubaschk)

Von Sascha Krieger

Dem österreichischen Dramatiker Ferdinand Schmalz geht es gut: Gut eineinhalb Jahre ist es erst her, da wurde am beispiel der butter aufgeführt, das seitdem landauf landab gespielt wird. dosenfleisch hatte dann schon Premiere bei den renommierten Berliner Autorentagen – als Koproduktion von Berliner DT und Wiener Burgtheater. Die Leipziger Uraufführung seines neuestes Stücks der herzerlfresser ist gerade eine Woche her, da feiert schon seine zweite Inszenierung in Berlin Premiere. Schmalz‘ düster-groteske und sprachmächtige Parabeln auf die Abgründe der spätkapitalistischen Gesellschaft treffen einen Nerv. Das wird auch beim herzerlfresser so sein, einer auf einer wahren Begebenheit basierenden Reflexion über Liebe, Individualität und Einkaufszentren. Die Geschichte vom Kannibalen, der Frauen tötet, um ihre Herzen zu essen, verlegt Schmalz in ein ungenanntes Städtchen unserer Zeit, wo ein ambitionierter Bürgermeister ein Einkaufszentrum in den Sumpf bauen lässt, um am Wohlstand zu partizipierten (und natürlich seine Wiederwahl zu sichern).

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Kammerspiele und Box des Deutschen Theaters Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Natürlich reißt er seiner Stadt damit das Herz heraus, wie es der „Herzerlfresser“ mit seinen Opfern tut. Herzmetaphern füllen fast jede Seite des Textes und auch der Begriff der Mitte zieht sich d durch das Stück, das, in klarer Jelinek-Tradition stehend, immer wieder sprachliche Assoziationsketten aufbaut, die das Zuhören durchaus vergnüglich machen. Doch das ambivalente Flirren, die Gleichzeitigkeit von Zinnkonstruktion und dessen Zerstörung, die Elfriede Jelinek Sprachkaskaden ausmachen, fehlen bei Schmalz. Auch wenn er mit dem Schlussmonolog des sterbenden Mörders vom „Splitterganzen“, das die Liebe sei, und von der Zerstückelung des Menschen, sich in Philosophisches ergibt und den einen oder anderen Gedankenstrang umaufgelöst liegenlässt, so hat doch seine Sprachvirtuosität, die gern und oft mit Archaischen und künstlichen Formalisierungen spielt, doch ein klares Ziel, ist die Botschaft so eindeutig wie schlicht: Unserer Gesellschaft fehlt die Mitte, sie ist auf Sumpf gebaut. Solange wir uns als Unteilbare, also als Individuen, begreifen, bleibt die Liebe Traum oder gar Albtraum. Natürlich ist das Herzverschlungen der Titelfigur ein „Schrei nach Liebe“, sucht er diese im Aufgehen des Individuums im Anderen, eine „Berührung, die keine Trennung kennt“, und muss er das Ich zerstückeln, um es liebesfähig zu machen. So einfach, so klar, so banal. Da ist das Einkaufszentrum als Symbol unserer Gegenwart, so abgestanden es sein mag, durchaus nicht fehl am Platze.

Was macht man als Regisseur nun damit? DT-Debütant Ronny Jakubaschk entscheidet sich für eine Art Gothic-Schauermärchen. Pausenlos tauschen Akkorden, Mundharmonika oder Gitarren (Musik: Bastian Band) sowie eine Vorliebe für spärliches (Zwie-)Licht (Licht: Peter Grahn) die Bühne in eine düster unheilvolle Atmosphäre. Schrille, mal karikierende, mal groteske, leicht historisierende, meist aus der Zeit und Welt gefallene Kostüme (Matthias Koch) tun ein Übriges und wieder Kochs etwas uninspiriertes, irgendwo zwischen Moderne und Expressionismus stehen gebliebenes und von einem rückseitigen Spiegel dominiertes Bühnenbild ein wenig auf. Das Spiel erfolgt hinter einem Gazevorhang, der Zuschauer bleibt auch physisch auf Distanz, als hätte das zu Sehende mit ihm nichts zu tun. Dort entspinnt sich alsbald ein Reigen schräger gestalten, überzeichneter, zerdehnt sprechender Figuren, die alle Aspekte unserer sich selbst nicht vertrauenden Welt sind, Nachtmenschen, Romantiker, Opportunisten.

Es ist Schmalz wie Jakubaschk zu verdanken, dass die Figurenzeichnungen zum Spannendsten gehören, was der Abend zu bieten hat. Insbesondere Harald Baumgartner als Bürgermeister sticht heraus: Sein Rudi ist skrupelloser Pragmatiker und rastlos Suchender zugleich, Baumgartner gibt ihn als harten Machtmensch und pubertären Verliebten. Und doch erfasst die Eindeutigkeit des Textes bald auch die Figuren. Hier jedoch zeigt sich die Stärke von Jakubaschks Zugriff: Seine Mischung aus Schauermärchen und fast Brüchiger Moritat, seine Beschwörung der Künstlichkeit hält den Text am Leben, weil er dem grandiosen Ensemble die Gelegenheit zum Spiel lässt und dem Text als ebensolches eine Freiheit verleiht, die er auf dem Papier nicht hat. Und so brechen sich durch die schnell ermüdende Eindeutigkeit der Botschaft – von der Notwendigkeit, unser Leben zu ändern, ist mehrfach die Rede – vor allem Fantasie und ein naiv-neugieriges Liebesbedürfnis Bahn, das dem Text zwar ein wenig in den Rücken fällt, ihn aber letztlich stärkt, indem es seine Schwarz-Weiß-Malerei in unterschiedlichsten Tönen einfärbt. Auch wenn Jakubaschks Rahmen – der Abend beginnt mit einem stilisierten Figurenreigen und kehrt später dahin zurück – ein wenig eng wirkt, so bleibt doch eine Restanarchie, die sich nicht so leicht kategorisieren und noch weniger einfangen lässt. Am Ende stehen Spott und Hoffnung. Ein interessantes Pärchen.

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