In göttlichem Licht

Das Rundfunk-Sinfomnieorchester Berlin unter Marek Janowski mit Werken von Bruckner, Bach und Britten

Von Sascha Krieger

Anton Bruckner, das ist bekannt, war ein tiefreligiöser Mensch. Ein Umstand, der sich immer wieder auch in seinem Werk wiederfindet, nicht zuletzt in den Sinfonien. Und doch sind es natürlich Bruckners Ausflüge in die Kirchenmusik, die seinen Glauben am klarsten und direktesten in Musik übersetzen. Die Messe Nr. 2 e-Moll WAB 27 ist ein gutes Beispiel. Hier gehört die Zwiesprache mit Gott ganz der menschlichen Stimme. Ein achtstimmiger Chor dominiert das werk, die ihm zur Seite gestellten Bläser haben vor allem unterstützende Funktion. So auch beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung Marek Janowskis. Das Orchester nimmt sich zurück und webt einen zarten, feinen Klangteppich, auf dem sich das Flehen und Jubeln und Trauern des Chors zu entfalten vermag. Hier wird der Konzertsaal zur Kathedrale, schwebt der Gesang immer wieder zwischen Erde und Himmel, ist jegliches Anschwellen organisch entwickelt, von der dramatischen Schwere, die Bruckners Symphonie oft auszeichnet, ist hier nichts zu spüren.

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Stattdessen flutet der MDR Rundfunkchor Leipzig die Berliner Philharmonie mit einem Licht, das man wohl für ein göttliches halten könnte. Behutsam breitet sich der helle, ungemein klare und stets trotz der acht Stimmen das Gemeinsame betonende Gesang in Hans Scharouns epochemachendem Saal aus, bereitet die Strenge des Orchesters den Boden für musikalische Bekenntnishaftigkeit, die ihre Wurzeln, etwa in der Renaissance eines Palestrina oder dem Frühbarock von Heinrich Schütz nie verleugnet und doch gerade in diesem Moment zu entstehen scheint. Denn so schlicht der Gestus von Chor und Orchester erscheint, so komplex ist diese Musik – und Marek Janowski sowie Florian Benfer, der den Chor einstudierte, legen großen Wert auf Detailschärfe, ohne je das große Ganze aus dem Auge zu lassen. Der Ansatz ist analytisch, die Wirkung hochemotional. Nackt und unverfälscht sprechen hier das menschliche Leiden und Sehnen, singen der Schmerz und die Hoffnung. Am Ende entschwebt diese Musik, zart glänzend im selbstgeschaffenen Licht. Diese 40 Minuten gehören zum Bewegendsten, was in diesem Saal seit langer Zeit zu hören war.

Ganz anders die zweite Ecksäule des Programms, Benjamin Brittens Les Illuminations, Vertonungen von einigen der berühmten Prosagedichte Arthur Rimbauds. Rätselhafte Wesen, denen Britten jeweils ihre ganz eigene musikalische Welt schenkt. Mal rattert das moderne Leben mit rhythmischer Schärfe, mal schweben fragile Kläger im Zwielicht, mal ergießt sich romantische Weite, nur um in anderen Fällen deutliche Anklänge an atonale Kompositionsweisen zu liefern. Die amerikanische Sopranistin Jacquelyn Wagner beherrscht mit ihrer vollen, voluminösen und leicht dunkel gefärbten Stimmen die gesamte Bandbreite von Brittens Vignetten: mal dramatisch, mal lyrisch, mal zart, mal kraftvoll, mal fließend, mal narrativ. Das Orchester ist ihr ein kongenialer Begleiter, sehr schlank und überaus klar schält es die unterschiedlichen Charaktere der neun Teile heraus, bleibt stets durchsichtig und tritt in den besten Momenten mit der Solistin in einen überaus spannenden Dialog. Wo sie mehr auf Kraft und Emotion setzt, stehen beim RSB analytische Klarheit und sachliche strenge im Fokus. Im Zusammenspiel ergibt sich eine faszinierend funkelnde Vielgestalt, welche die Rätsel der Illuminations nicht löst, aber etwas von ihrer Magie vermittelt.

Bei so viel Licht, kann ein wenig Schatten kaum stören. Den liefert das mittlere Werk des abends, Johann Sebastian Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3. Hier haben es die Musiker sehr eilig. Der Interpretation fehlt die analytische Schärfe der anderen beiden Werke des Abends, zu sehr setzt Janowski auf musikalisches Miteinander und verwischt so die durchaus zwischen den Instrumentengruppen wetteifernde Struktur des Konzert, was in einigen klanglichen Unschärfen, vor allem im ersten Satz, resultiert. Der Schlusssatz dagegen überzeugt etwas mehr, auch weil hier die Transparenz größer ist. Das Voraneilen der Gigue umzudeuten in eine – dem Tanzcharakter des Satzes durchaus angemessene – Kreisbewegung ist eine spannende Nuance, die aber nicht verhindern kann, dass das Werk hier weitgehend zum lebhaft angenehmen Zwischenspiel reduziert ist. Das kann man bedauern, doch wäre dies Jammern auf sehr hohem Niveau. Der intimen Erschütterung, die Bruckners Messe auslöst, tut das ohnehin keinen Abbruch.

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