Am Boden geblieben

Iván Fischer und das Konzerthausorchester Berlin mit Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe

Von Sascha Krieger

Es war 1818, 16 Jahre vor der Uraufführung des kompletten Werks in der Berliner Singakademie, da nannte der Schweizer Musikhistoriker Hans-Georg Nägeli Johann Sebastian Bachs Messe i-Moll BWV 232 „das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“. Das Programmheft der Aufführung durch das Berliner Konzerthausorchester enthält das Zitat mehrfach. Das ist auch bitter nötig, denn das, was Chefdirigent Iván Fischer mit dem Werk anstellt, lässt diesen Schluss nicht zu. Da ist es nur fair, darauf hinzuweisen, dass das beileibe nicht am Komponisten liegt. Bachs Musik strebt – auch da, wo sie vermeintlich nur sich selbst genügt – immer nach Höherem. Sie ist Feier der Welt, Stimme des menschlichen Loses und Huldigung eines höheren Schöpfers. Das gilt nirgendwo mehr als in der h-Moll-Messe, ein Werk, das alle Dimensionen liturgischer Musik sprengt, das asketisch klar ist und allumfassend zugleich, innig und pathetisch, das Universum umarmend und in der Einsamkeit der menschlichen Seele wohnend. Bachs Musik will immer nach oben, am meisten wohl hier. Doch wenn Iván Fischer den in diesem Fall imaginären Taktstock hebt, bleibt sie fest am Boden. Und rührt sich nicht von der Stelle.

Iván Fischer (Foto: Marco Borggreve)

Iván Fischer (Foto: Marco Borggreve)

Kantig und schwer ist das Orchesterspiel von Beginn an, opak der Klang, minimal die Nuancierungen in Dynamik, Tempi oder Ausdruck. Nur selten versucht Fischer das Spektrum des Bauchigen Universums auszuloten, etwas beim Übergang vom „crucifixus“ zum „et resurrexit“. Und scheitert dort auf ganzer Linie: Plakativ schleppend kommt Erster daher, umso brutaler der viel zu jubelnde Beginn des Letzteren. An dem Fischer übrigens schnell das Interesse verliert: Es dauert nicht lange, da hat sich der behäbige und eintönige Trott wieder breitgemacht, der das ganze Werk durchzieht. Da ist es egal, ob das menschliche leiden beklagt oder die Herrlichkeit Gottes gefeiert wird. Das kantige, nicht selten regelrecht abgehackt wirkende Spiel des Orchesters unterbindet jeden Höhenflug im Keime, wie es auch wirkliche Innigkeit verhindert. Wie es keine Momente ungehemmten Jubels gibt, fehlen auch solche der stille und Einkehr. Fischer treibt die protestantische Strenge Bachs ins Extreme. So weit, dass alle musikalische Energie verpufft. Das Ergebnis ist eine unendlich lange zweistündige Fehlzündung.

Wenn da wenigstens Chor und/oder Solisten die Belanglosigkeit ein wenig mildern könnten. Aber nein: Das Vokalconsort Berlin, spezialisiert auf die Musik des Frühbarock und Barock, wirkt seltsam blutleer, entwickelt nur selten Klangfülle – opernhafte Opulenz ist von einem Barockensemble natürlich ohnehin nicht zu erwarten – und klingt zuweilen fast dünn. Am besten gelingen die stilleren und dunkleren Passagen, in denen der Chor einen passend fahlen Klang entwickelt. Ansonsten ist das Ausdrucksspektrum sehr begrenzt, bleibt auch der Chor in der Mitte, ohne die Pole des Bauchigen Musikkosmos auch nur in dem Blick zu nehmen. Wichtiger erscheinen da die multiplen Positionswechsel nach der Pause, wenn sich der Chor mal zusammenfindet, mal auseinanderstrebt und am Ende gar vor dem Orchester steht. Es ist ein Abend, an dem solche Äußerlichkeiten wichtiger erscheinen als die Musik.

Ambivalent ist auch der Eindruck der Solist*innen: Die Sopranistinnen Agnes Kovacs und Johanna Winkel bleiben blass, was zum Teil sicher auch daran liegt, dass beide kurzfristig für erkrankte Kolleginnen einspringen mussten. Der eigentlich exzellente Bassist Hanno Müller-Brachmann dagegen nimmt seine Partien mit einem dramatischen Gestus, der weder zum Werk noch zu Fischers Interpretation desselben passen will. Einzig Tenor und Altistin überzeugen: Werner Güras warme und nuancenreiche lyrische Stimme deutet als einzige so etwas an wie Bekenntnis und Zerrissenheit, während Wiebke Lehmkuhl erdige Klangfülle dem Menschlichen in Bachs Weltsicht Klang verleiht. Kurze Lichtblicke in einem Meer von Grau.

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