Die Tastatur des Lebens

Aboud Saeed: Der klügste Mensch im Facebook, Ballhaus Naunynstraße, Berlin (Regie: Karim Chérif)

Von Sascha Krieger

Er sei, sagt er, „der klügste Mensch im Facebook“. Aboud Saeed war Mitte zwanzig, als er 2009 ein Profil in dem sozialen Netzwerk eröffnete. Der Schweißer und Wirtschaftsstudent lebte in der syrischen Provinz Aleppo, einer der ersten Regionen des Landers, in denen das ausbrach, was wir so gern euphemistisch den „syrischen Bürgerkrieg“ nennen. Fortan waren seine Posts Seismograph eines Lebens zwischen Ausnahme- und Normalzustand, Krieg und Alltag, ständiger Todeserwartung und Banalitäten. Saeed schrieb über Bombardements und Exekutionen, aber auch über Mädchen, die Mutter, seine Träume und diese seltsame Scheinwelt des Internets. Seine Statusmeldungen waren ironisch, fielen sich selbst in den Rücken, spielten mit Rollenzuschreibungen – gesellschaftlichen wie selbstgewählten. Arrogante Selbstsicherheit ging Hand in Hand mit existenzieller Angst, Selbstironie und ein scharfer Blick stand neben spätpubertärem Gehabe. Immer wieder ging es um den Widerstreit von Realität und Schein, um die Wirklichkeit des Internets und seine Notwendigkeit, wenn es darum ging, nicht verrückt zu werden, es ging um Wahrheit und Lüge, mit denen Saeed ein virtuoses Spiel betrieb und wiederholt auf die Ambivalenz des benutzten Mediums zurückkam. Eine Ambivalenz, die mit dem Schwebezustand seiner Wirklichkeit auf seltsame weise korrespondierte.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Der Schauspieler Karim Chérif hat in seiner zweiten Regiearbeit versucht, Saeeds Lebenszeichen, die 2013 als Buch erschienen, auf die Bühne zu bringen. Diese (Markus Pötter) besteht aus zwei weißen, sich in der Mitte des Bühnenrandes im rechten Winkel begegnenden weißen Laufbahnen inmitten undurchdringlicher Schwärze. Zwei zu beschreibende (digitale) Papierbahnen, die der Dunkelheit einen Lebensraum abgewinnen. Ich poste, also bin ich, Facebook als Sauerstoffspender in einer Welt der Leere. Links eine Treppe, das Reich des von Chérif gespielten Saeed, rechts ein Podest mit allerlei Instrumenten, auf dem die Schauspielerin und Musikerin Bärbel Schwarz residiert. Das Wort ist die Realität, die Musik die Flucht in den Traum. Zunächst stehen sie nebeneinander, streng getrennt, sich abwechselnd in einer etwas zähen Nummernabfolge. Später finden sie immer stärker zusammen, bilden Symbiosen, bedingen einander, am schönsten ausgedrückt in einem gemeinsamen Lied über die Brüchigkeit von Realität und die Gleichgültigkeit der Welt uns gegenüber („Ich bin keinen Pfennig wert“). Die Realität kann nicht ohne einen Fluchtpunkt, die Flucht benötigt etwas, auf das sie sich beziehen kann. Sie bleibt temporär und dient dazu, die Realität nicht nur ertragen, sondern auch reflektieren, verarbeiten zu können.

Bärbel Schwarz kommt eine zunächst kaum bemerkte Schlüsselrolle zu. Wo sich Chérif durch das Dickicht digital-analogen Erlebens kämpft, ist sie die Außenwelt, zuweilen eine verinnerlichte. Sie gibt die Mutter und Saeeds Vorstellung von ihr, sie gibt die realen und imaginierten Geliebten, die Facebook-Freunde und den eigenen, inneren Resonanzraum. Das Netzwerk erscheint als Möglichkeitsraum, indem gedacht und imaginiert werden kann, was die „Realität“ verbietet. Und doch ist es auch ein brüchiger Freiheitsraum, dem schwer zu trauen ist. Wie real ist, er, wie wahr das, was hier geschieht? Was macht man etwa, wenn sich der eigene Bruder anmeldet? Was darf man dann noch schreiben und was lieber nicht? Stark das Umkippen der Rollen: Wo Schwarz gerade noch als mit süßer Stimme antwortende Projektion einer idealisierten Außenwelt agierte, zerschmettert sie im nächsten Moment Saeeds Rollenvorstellungen, bringt das Illusionsgebäude krachend zum Einsturz.

In dem auch wir wohnen: „Ihr liebt es doch, wenn man euch von unserem Krieg erzählt“, sagt Chérif einmal ganz leise. Und entlarvt uns als Voyeure, die ungeduldig die privaten Erzählungen aussitzen, weil sie vom Horror des vermeintlich so weit weg erscheinenden Schreckens hören wollen. davon gibt es nur Schnipsel, kurze Posts, die mal gesprochen, mal projiziert werden, auch dies eine der vielen Realitätsabspaltungen des Abends, die ihren Höhepunkt finden, wenn der echte Aboud Saeed auftritt, durch seine Anwesenheit eine zusätzliche Realitätsebene einzieht und mit einem launigen, mit vermeintlicher Unwissenheit kokettierende Vortrag über das Theater den Realitätsverarbeitungsraum, in dem wie sitzen, auf die Bühne holt.

Hier türmen sich bald die Wirklichkeits- und Illusions- und Reflexionsebenen, die der Abend versucht zu jonglieren. Das gelingt ihm mal besser und mal schlechter (das Ende mit minutenlangen Videoaufnahmen des zerstörten Aleppo etwa ist sehr plakativ geraten), zuweilen gleicht das Ganze einer sehr gewollten Nummernrevue, hat das Ensemble vor allem am Anfang große Mühe, aus Facebook-Posts Theater zu machen. Doch je mehr schichten Chérif auf die Bühne bringt, desto lebendiger wird das, desto mehr treten Musik und Wort, Geschriebenes und Gesagtes, schwarz und Weiß, Realität und Netz, Krieg und Alltag, Theater und Test in Dialoge, die sich in den besten Momenten dieser Versuchsanordnung überlagern, mehrdimensionale Konstrukte bilden, in denen Disparates miteinander reagiert, sich die Ebenen vermischen und dieses seltsam undefinierbare Etwas namens Leben in all seiner Ungreifbarkeit auftaucht, sich von unterschiedlichsten Seiten beleuchten lässt, sich selbst in den Rücken fällt und doch in seiner unendlichen Widersprüchlichkeit so viel Fülle bietet, dass ein paar Bomben und ein bisschen Terror ihm nichts anzuhaben vermögen. Der klügste Mensch im Facebook ist ein Abend über das ich in der Welt und in sich selbst, der die anfängliche Angst zu scheitern bald ablegt und dieses Scheitern am Ende als seine Bestimmung annimmt. Es geht nicht darum, nicht zu scheitern, sondern es willentlich, bewusst und wachen Auges zu tun.

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