Stets bemüht

Nach Aischylos und Elfriede Jelinek: In unserem Namen, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

Der Fisch ist also schuld, diese „Quasten-Fotze“. Er war damals, vor Millionen von Jahren der erste Flüchtling, als er aus dem Wasser stieg und sich breit machte, hier auf unserem Land. Verpissen soll er sich, brüllt Thomas Wodianka ihm entgegen, am Ende eines Wutmonologs, in dem er die deutsche Immigrationsgeschichte bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgt hat. Er wütet gegen die Römer mit ihrer effizienten Verwaltung, die Hugenotten mit ihrer Kultur, die Polen („Die kommen her und reparieren alles!“) und so weiter. „Brauchen wir alles nicht“, meint er und: „Ist zu voll hier!“ Verpissen sollen sie sich alle, wegbleiben „mit ihren … Ideen“. Begonnen hatte der Monolog mit Zitaten „besorgter Bürger“, deren „Argumente“ Wodianka nun konsequent weiterführt und so ad absurdum führt. Das ist wirkungsvoll, aber – zumindest für alle, die Wodiankas Suada in Small Town Boy noch im Ohr haben – eben doch ein wenig energiearm, wie mit angezogener Handbremse dargeboten. Das liegt natürlich daran, dass diese Wutrede eben im Gegensatz zur früheren ironisch verkehrt ist. Doch kann sie die Betriebstemperatur des Abends nur wenig erhöhen.

Foto: Oliver Feldhaus

Foto: Oliver Feldhaus

Der sich zuvor als Nummernrevue der Flüchtlingsdebatte präsentierte. Aischylos‘ Die Schutzflehenden und Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen dienen als Textvorlage und sind doch nur Steinbruch. In verschiedenen Sprachen werden sie gesprochen, mal gleichzeitig, mal nacheinander, meist einzeln, zuweilen im Chor. Das Publikum sitzt und steht auf Treppenstufen auf der Bühne oder im leergeräumten Saal und muss immer wieder die Positionen wechseln, weil die Spieler, die sich im Publikum verteilt haben, meistens da hin und da durch wollen, wo gerade jemand sitzt. Damit soll wohl die Erfahrung des Herumgeschubstwerdens der bestenfalls geduldeten und nirgendwo wirklich gewollten Flüchtlinge veranschaulicht werden. Sie sind in unserer Mitte, werden kaum wahrgenommen und sind doch Teil von uns (irgendwann wird eine Gemeinschaft von Zuschauern und Spielern gebildet. Wenn nicht gerade Aischylos oder Jelinek geboten werden, spielt man eine Sitzung des Bundestagsinnenausschusses zur Änderung des Aufenthaltsgesetzes durch, durchaus virtuos, aber gerade in dieser Virtuosität wirkungslos verpuffend.

Überhaupt ist der Abend eine Abfolge von Versatzstücken. Da werden Schlangen gebildet, wird im Kreis gelaufen und gegen Wände gerannt, Orit Nahmais darf wiederholt sarkastisch satirische Einwürfe setzen, die auch schnell verpuffen, es gibt Live-Video und ganz am Ende Einzelgruppen, in der jeder Darsteller einigen Zuschauern etwas erzählt – über den Flüchtlingsalltag, die deutsche Wirtschaft oder Persönliches. Frontalunterricht auch das. Der Abend erzählt nichts, was der wohlmeinende Theatergänger nicht schon wüsste, ist eher schlicht in seiner Gegenüberstellung guter Flüchtling – böser Deutscher, macht nichts aus dem vermeintlich zentralen Element der Sprachverwirrung. Er ist wie schon gesagt, eine Nummernrevue, uninspiriert, enthusiastisch dargeboten wie eine abzuarbeitende Checkliste. Der regt nie auf, aber eben auch nicht an, die Flüchtlingsproblematik, das Leid der Flüchtenden bleiben weit weg. Da hilft auch keine halbherzige Wutrede. Vielleicht wollten Sebastian Nübling und sein Ensemble nichts falsch machen bei diesem sensiblen Thema. So haben sie letztlich gar nichts gemacht. Der Abend ist so ärgerlich, weil er so vollends belanglos ist und das bei einem Thema, dass uns nicht kalt lassen darf. Bekäme In unserem Namen  (der Titel bezieht sich übrigens auf das „Wir-sind-das-Volk“-Geschrei von Pepita und Co.) ein Arbeitszeugnis, stände darin sicher der Satz „Er war stets bemüht“.

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