Marx im Tiefschlaf

Fabian Hinrichs & Schorsch Kamerun: Ich habe um Hilfe gerufen. Es kamen Tierschreie zurück. Hebel am Ufer/HAU1 (Regie: Fabian Hinrichs, Schorsch Kamerun)

Von Sascha Krieger

„Marx‘ Gespenster“ steht da auf dem Plakat. Aha. Es ist der Titel eines kleinen Festivals am HAU, in dessen Rahmen jetzt eine erst einmal spannend erscheinende Zusammenarbeit entstanden ist. Auf der einen Seite ist das Fabian Hinrichs, Schauspieler, Tatort-Kommissar, vor allem aber das Aushängeschild des Diskurstheaters, Pollesch-erfahren und immer für einen assoziationsstarken 90-Minuten-Monolog durch post-postmoderne Befindlichkeiten gut. Auf der anderen Seite Schorsch Kamerun: Punk-Urgestein, Kopf der „Goldenen Zitronen“, längst auch Theatermacher, ein satirisch-anarchistisch innovativer grenzüberschreitender Querkopf. Wenn die beiden auf die Suche nach Marx‘ Gespenstern gehen in einer Welt, die diese längst vertrieben zu haben glaubte, kann das nur spannend werden, oder? Nichts da, schließlich sind Hinrichs und Kamerun vor allem in einem gut: Erwartungen zu unterlaufen. Das zumindest gelingt ihnen eindrucksvoll in diesen 80 Minuten, denen in Sachen Belanglosigkeit derzeit wenig im deutschsprachigen Theater das Wasser reichen kann (was an sich schon an ein Wunder grenzt). Dass der Abend durchaus kurzweilig und unterhaltsam daherkommt, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil.

Schauplatz des Berliner Gastspiels von Platonov: das Hebel am Ufer/HAU1 (Foto: Sascha Krieger)

Foto: Sascha Krieger

Zumal es eigentlich zwei Abende sind, eine Zusammenarbeit der beiden Köpfe findet nur in sofern statt, dass Hinrichs bei Kameruns Liedern Bass und Gitarre spielt. Die erste Hälfte ist eine Mischung aus Bandprobe und Konzert. Die Bühne ist verwaist; davor haben sich Kamerun, Hinrichs und der exzellente Musiker PC Nackt versammelt und geben ein paar Lieder über die Illusion des selbstbestimmten Lebens in einer duschökonomisierten und – das ist in dieser ein wenig schlich geratenen Weltsicht das gleiche – technisierten Welt zum besten. Natürlich schwanken die Texte schön zwischen Ironie und Dada, geben sich ein wenig anarchisch und doch ist das alles schön zahm und harmlos. Das ist musikalisch nicht uninteressant in seiner Mischung aus Postpunk und Elektro und ein wenig Blues und seiner Dramaturgie aus klanglichem Anschwellen, Auflösung und ruppigem Hinüberstolpern in die nächste  Nummer, die alle Songs auszeichnet. Demonstrativ betonen die Protagonisten die vermeintliche Spontaneität der Aktion, wohl als Seitenhieb auf die Authentizitätsheuchelei der totalkapitalistischen Musikbranche, deren Teil zumindest Kamerun natürlich auch ist. Eine Dreiviertel Stunde Liederreigen ist für diese Aussage denn aber doch eine Menge.

Und es wird nicht besser. Die Musiker gehen ab – und kommen nur wieder für einen vollkommen unmotivierten Auftritt einer zweifellos talentierten Tanzgruppe aus Minsk, auch dies womöglich ein augenzwinkernder Verweigerungsakt gegenüber der Ziel- und Profitorientierung eines kommerzialisierten Kunstbetriebs. So lässt sich auch der lange Monolog Hinrichs‘ im Taucheranzug interpretieren, der nach Pollesch klingt, aber nie Pollesch nahekommt. Ein wilder Assoziationsreigen über Selbstverwirklichung, Kapitalismus, die Architektur des Hebbeltheaters und das verlorene post-irgendwas Individuum folgt, bei dem Hinrichs immer mal wieder und meist nicht inhaltlich motiviert die Stimme hebt, sich Plauderton und betont hohles Pathos abwechseln. Natürlich ist das Sinnverweigerung und soll es sein, offenbart das Zeichen stets die Tatsache, dass es nichts mehr bezeichnet. Nicht nur Sprache und Inhalt klaffen auseinander, auch der Inhalt selbst hat sich längst von sich selbst, also jeglicher Bedeutungsbehauptung emanzipiert. Daraus ließe sich etwas machen, der Bogen schlagen zu einem in allen Lebensbereichen die Effizienz feiernden Kapitalismus, der vor aller Effizienz vergessen hat, diese mit irgendeinem Sinn zu füllen. Aber nein, das Schwadronieren des Manns im Taucheranzug auf der mit Wandteppichen, die aus reich verzierten Quadraten bestehen, zwei chinesischen Vasen und ein paar Grünpflanzen ausgestellt sinnlos gefüllten Bühne (Katja Eichbaum) ist ein nettes Geplätscher, das einschläfert statt an- oder gar aufzuregen, das nachtragend bleibt, weil es die Sinnverweigerung zelebriert und zugleich angenehm unterhaltsam sein will und keinerlei gedanklichen Bogen zu schlagen versucht.

Wenigstens endet der Abend in einer hübschen Schlusspointe: Der Applaus ist vorbei, das Publikum will sich erheben, da hebt aus dem off eine Diskussion an zwischen Kamerun und Hinrichs über geliehenes Geld, die schnell in persönliche und gesellschaftliche Nebenkriegsschauplätze ausfasert, nur um doch immer wiederum schönen Mammon zurückkehrt. Die Zuschauer sind verwirrt, setzen sich wieder, PC Nackt und Kamerun beginnen, ihre Instrumente abzubauen, letzterer erzählt freundlich, das ginge noch eineinhalb Stunden so weiter. Hier, da er schon vorbei ist, entfaltet der Abend plötzlich eine anarchische, verunsichernde Kraft, in der das Kichern des Zuschauers sich selbst nicht geheuer ist, und sich der Kapitalismus – sollte es nicht um Marx gehen? – in seiner von Kumpelhaftigkeit bemäntelten eindimensionalen Brutalität zeigt. Vielleicht sollte er sich auf diese (angeblich) eineinhalb Stunden beschränken. Dann wacht Marx‘ Gespenst, dessen Schnarchen man zuweilen zu hören meint, womöglich sogar wieder auf.

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