Krieg der Flaschen

Jugend.Erinnerung 1945/2015, Deutsches Theater/Box (Junges DT), Berlin (Regie: Uta Plate)

Von Sascha Krieger

Bei Jugend.Erinnerung 2015 ist der Weg das Ziel. 18 Jugendliche – je sechs aus Deutschland, Polen und Russland – haben sich gemeinsam auf die Suche gemacht nach ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart. Wie haben Gleichaltrige den vor 70 Jahren zu Ende gegangenen Krieg erlebt und was bedeutet das für uns heute? Mit diesen Ausgangsfragen hat man in der eigenen Familie recherchiert, Zeitzeugen befragt und ist gereist: nach Wolgograd, nach Krakau, nach Berlin. Man hat Orte der Geschichte besucht. Das Stalingrad-Denkmal. Die Bunker von Berlin. Auschwitz. Man hat sich ausgetauscht über den Umgang mit der Geschichte. In Russland, Polen, Deutschland. Und hat Unterschiede gefunden, etwa zwischen Polen und Russen, wenn es um die Einschätzung der russischen Rolle im Krieg und danach geht. Oder zwischen Deutschen und Russen, die mit Stalingrad ganz unterschiedliche Narrative verbinden. Und weil das Ganze als Theaterprojekt startete, musste dann auch noch etwas für die Bühne entwickelt werden. Dem Abend, der jetzt in Berlin Premiere hatte, merkt man die Schwierigkeit an, aus dem Erfahrenen und Erlebten etwas zu machen, was sich im Bühnenraum jenen vermitteln lässt, die diese Erfahrungen nicht teilen.

Ums Kennenlernen geht es, also werden die Besucher zunächst von den Jugendlichen freundlich begrüßt. Rituale des Trauerns und der Erinnerung hat man sich als strukturierendes Element herausgesucht. Eigene Rituale hätte man entwickelt – „und die zeigen wir jetzt“. Da wird „Past – Present – Future“ auf die Bühne gemalt. Jeder nimmt einen persönlichen Gegenstand und legt ihn auf passende Feld. Erinnerungsstücke der Großeltern, ein Foto mit den Freundinnen, ein Buch, das Perspektiven aufzeigt. Später wird der zweite Weltkrieg durchgespielt – auf einer großen Karte mit Wasserflaschen, die der zuvor gar nicht aufgefallenen subtilen Farbdramaturgie entsprechen, die auch die Kleidung der jungen, 15 bis 18 Jahre alten Spieler prägt. Blau steht für Deutschland, Grün für Russland, Grau bzw. farblos für Polen. Mit viel Fantasie wird das große Schlachten erzählt und bebildert, lässt man Unterschiede aufblitzen, entsteht Streit über die richtige Erinnerung und steht man doch gemeinsam dem sinnlosen Massensterben der Großelterngeneration gegenüber. Eindrucksvoll wird der propagandistische Wettlauf über die größte Opferrolle veranschaulicht, wenn sich Deutsche und Russen ein Duell im Wasser-in-einen-Eimer-gießen liefern. Ironisch die Darstellung der deutschen Kapitulation, wenn einer der Spieler die „deutsche“ Wasserflasche in einem Zug austrinkt.

Hier kommen Spiel und Erkenntnis, Veranschaulichung und Distanz, Spaß und bitterer Ernst zusammen in einer Analogie der vorherigen Annäherung der Jugendlichen aneinander und an die jeweilige kollektive und zuweilen ganz private Erinnerung. Anderes an diesem Abend bleibt Stückwerk, etwa die Dia-Vortrag-hafte Rekapitulation der gemeinsamen Reise, die eher als Soundeffekte eingestreuten Zeitzeugenfragmente oder die banalen Antworten auf die Frage „Was wäre, wenn jetzt Krieg wäre?“. Oder die Choreografien von Angst und Verzweiflung und Hoffnung und Tod. Das wirkt künstlich, aufgesetzt und vollkommen unnötig. Auch driftet der Abend zuweilen ab in die Nummernrevue, werden krampfhaft immer mehr Themen gesetzt – der polnische Antisemitismus, die Verfolgung Homosexueller – die wirken, als würde eine Checkliste abgearbeitet. Hektisch hetzt man durch die Themen, Erkenntnisgewinn nahe null.

Besser die dynamischen Choreografie von Zusammenkommen und Aufspaltung, mal ernst, mal ironisch, immer aber mit der Ambivalenz aus Gemeinsamkeit und Aufrechterhaltung unterschiedlicher, ja entgegengesetzter Narrative spielend. Stark auch die im Trio gegen- und nebeneinander gesetzten Tagebucherinnerung: das flammend patriotische, wenn auch ein wenig skeptische deutsche Mädchen, die den Hungertod ihrer Mutter miterlebende Leningraderin und die im Ghetto eingepferchte jüdische Polin. In den Worten, still auf abgedunkelter Bühne vorgetragen, findet sich alles, was wichtig ist: Menschliches Leiden, abgrundtiefe Angst, nicht ersterben wollende Hoffnung, der Drang nach Leben. So unterschiedlich sind diese Geschichten und doch so ähnlich. Menschliche Stimmen, die alle nach dem Gleichen flehen: zu leben. Ein markerschütternder Schrei lässt den Saal erbeben, ein Schrei des Entsetzens darüber, dass Menschen, Kinder, Jugendliche sich mit diesen Fragen auseinandersetzen müssen, bis heute und vielleicht heute erst recht. In Paris, in Beirut, in Syrien, in Russland. Und hier, in einem Berliner Theater.

Jugend.Erinnerung 1945/2015 ist mehr als ein Theaterabend, ja, er ist nicht einmal in erster Linie einer. Es ist ein Projekt des Zusammenkommens, des einander und sich selbst Hinterfragens, des Infragestellens eigener Überzeugungen und des Findens von Gemeinsamem jenseits über Generationen verhärteter, meist konfrontativer Narrative. Es ist eine Reise, metaphorisch und im Wortsinn. Eine Reise zum Kern von Menschsein, von Jugend, von Leben. Ein daraus resultierender Theaterabend kann nur Versuch bleiben, Stückwerk sein, er muss an der Nichtvermittelbarkeit der gemeinsamen Erfahrung scheitert. Dieser macht es sich mitunter ein wenig zu leicht, bleibt oft ratlos und vermittelt doch eine, dennoch meist schwache, Ahnung dessen, was diese Jugendlichen gemeinsam erlebt haben und wie sich Erinnerung lebendig halten kann, selbst wenn jene, die sich erinnern könnten, längst tot sind. Vor allem aber deutet er an, warum die Erinnerung so wichtig ist und wohin es führen könnte, sich dieser gemeinsam zu stellen. Eine Idee, die gerade im heutigen Europa etwas mehr Beachtung verdient.

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Ein Gedanke zu „Krieg der Flaschen

  1. mira sagt:

    Hi, ich habe gerade deinen Artikel zu dem Theaterstück gelesen und ich möchte dazu zwei Punkte äußern: Zum einen finde ich, dass es nur schwer klar wird, was du mit dem Artikel eigentlich erreichen möchtest. Aus meiner Sicht, stellt der Text keine klare Kritik dar, ob sie nun positiv oder negativ ist, sondern ist eher eine fragmentarische Wiedergabe des Stückes, mit vereinzelten Hinweisen auf die Schwächen und die Notwendigkeit solcher Projekte. Aber was deine Quintessenz ist, wird leider nicht ganz deutlich.
    Zum anderen muss ich persönlich loswerden, dass es schon schwer beleidigend ist, dass sich jemand, der so viele Rechtschreibfehler im Text hat, ganz zu schweigen von den ungeheuren stilistischen Schwächen, anmaßt, die Arbeit anderer zu beurteilen. Ich meine, du beurteilst, was du siehst und scheinst selbst nicht darauf zu achten, was andere auf deiner Seite lesen.
    Ich möchte ich dir hiermit ans Herz legen, dich selbst, deine Meinung, deinen Schreibstil und vor allem deine Rechtschreibung kritischer zu hinterfragen, bevor du den nächsten Artikel schreibst.

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