Die uns die Clownsase drehen

Nach Johann Wolfgang Goethe: Clavigo, Deutsches Theater, Berlin / Salzburger Festspiele (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Bei Stephan Kimmig ist Clavigo, der Höfling mit dichterischen Ambitionen, der die Frau, welcher er die Ehe versprach, für die Karriere sitzen lässt, eine Frau, Marie, die Verstoßene, ein Mann. Auch die anderen Männerrollen sind mit Frauen besetzt, mit Ausnahme von Carlos, den Moritz Grove spielt. Was sagt uns das? Dass heute, gut 200 Jahre nach dem Entstehen von Goethes Stück, das Kimmig hier mehr zitiert als inszeniert, auch Frauen Karriere machen und zuweilen in der Lage sind, Männer auszunutzen, dass sie die patriarchalische Grausamkeit der Macht ebenso verinnerlicht haben wie jene, von denen sie lernten? Es ist trotz seiner knapp zwei Stunden Dauer viel Zeit an diesem Abend, der tieferen Bedeutung des Geschlechtertauschs nachzugrübeln. Nur leider führt das nicht weit. Jenseits des „Wenn es um Macht und Karriere geht, ist das Geschlecht einerlei“, ist da nichts. Nun gut.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Nehmen wir die zweite Ebene: das Spiel der Rollen und das Performative. Hier wird durchgehend performt, dass performt wird. Es wird ins Mikro gesprochen, mit der Live-Video.Kamera geflirtet, sich in Pose gerückt, wenn das Licht angeht, von der Rampe ins Publikum gesprochen. Hier ist alles Show und (Selbst-)Inszenierung. Und wenn man gerade nicht selbst Regie führen will oder kann, hilft einem der zynische Manager Carlos nach oder zwingt die ihre eigene Agenda verfolgende Bruderschwester der/des Verlassenen den Protagonisten eine von ihr/ihm bestimmte Rolle zu spielen. Wie eine Puppe erscheint Susanne Wolff als Clavigo auf der Bühne und auch wenn sie sich zuweilen ihrer Rolle nicht recht sicher ist, sucht sie doch stets das Rampenlicht. Der Künstler wird hier zum Star, das schöpferische zum Image. Ohne dieses ist der Künstlerstar nichts und damit auch der Mensch, den die Gesellschaft, das Publikum, also wir, ohne die Rolle nicht wahrzunehmen bereit sind. Maries Problem ist, dass sie das Spiel nicht zu spielen vermag. Linkisch steht Marcel Kohler am Bühnenrand, der Körperverkrampft, das Sprechen abgehackt, die Augen panisch weit aufgerissen, stammelt er sich durch den Text. Nein, mit diesem Performanzverweigerer ist keine Karriere zu machen.

Kimmig bevorzugt an diesem Abend das Künstliche, setzt auf penetrant abstrakte Elektrobeats, fährt das übliche regietheaterarsenal auf, samt Live- und Flashbackvideo – die Lebensgeschichte Clavigos und Marie als rasant geschnittener Videoclip – die Kostüme (Johanna Pfau) schwanken zwischen Klischee-Barock und Parka-Lässigkeit, ein zunächst liegender dann aufgeregter Ballon bestimmt das Bühnenbild (Eva-Maria Bauer) und symbolisiert natürlich die Wiederherstellung des schönen Scheins. Da darf Marie nicht sterben. stattdessen steht sie am Ende mit Clavigo im Korb des nicht abhebenden Ballons, während skurrile Clowns mit verzerrten Grinsgrimassen um sie herumspringen. Während Susanne Wolff immerhin in ihrer grotesken Überzeichnung und Moritz Grove in seinem ausgestellten praktischen Zynismus ein paar Glanzlichter setzen können und Marcel Kohler die Schmerzensmannpose überzeugend präsentiert, bleiben die schauspielerischen Fähigkeiten der unglaublich blass wirkenden Kathleen Morgeneyer und der nicht minder unterforderten Franziska Machens ungenutzt.

Stephan Kimmig wirft man mitunter vor, er produziere gediegenes Kunsthandwerk. Danach kann sich der Zuschauer an diesem pseudo-wilde, grellbunten und doch so blutleeren Abend nur sehnen.  Dieser Clavigo ist so sehr auf Äußerlichkeiten fixiert wie seine imagebesessenen Protagonisten, er tanzt wie in seiner Schlussszene in roten Clownsnasen um eine leere herum, die er versucht, hinter allerhand Regiebrimborium zu verstecken. Und doch kann er nicht verhehlen, wie denkfaul, wie effekthascherisch und wie ideenarm diese Goethe-Collage ist. Hinter der ausgestellten Künstlichkeit verbirgt sich eben keine „Wahrheit“, sondern nur gähnende Leere. Frauen müssen sich Männer-Regeln unterwerfen, wenn sie vorankommen wollen und der moderne Kunstbetrieb ist eine künstliche Imagemaschine. Wunderbar. Es gibt Folgen von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, die mehr Erkenntnisgewinn bieten. Und man kann sie abschalten.

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Ein Gedanke zu „Die uns die Clownsase drehen

  1. […] ist manchmal ein Kreuz mit dem Deutschen Theater. Da produziert es zuletzt einen Clavigo, der sich so radikal jeglicher Aussage zu der Welt, in der wir leben, verweigert, knallt einen […]

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