Gefangene des schönen Scheins

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner: Eisler on the Beach, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner)

Von Sascha Krieger

„Wir, so gut es gelang, haben das Unsere getan.“ Hölderlin. Vertont von Hanns Eisler. Die deutsche Geschichte der letzten 250 Jahre in Kurzform. Immer uns immer wieder singt Ole Lagerpusch, in blassblauem Anzug und mit Eisler-Brille, diese Zeile, mal resigniert, mal mit ausgestellter Melancholie, am Ende immer verzweifelt aggressiver. Wie eine Selbstvergewisserung klingt das, seiner selbst, seiner Kunst, wie eine verzweifelt trotzige Sinnbehauptung. Und siehe da: Sie funktioniert. Es sind die letzten Minuten von Jürgen Kuttner und Tom Kühlen neuem Abend, in denen dieser zu sich findet. Wenn die Reden, die Anklagen und Rechtfertigungen verstummt sind und nur noch Eisler Lieder erklingen, intoniert von verlassenen Gestalten auf langsam rotierender Drehbühne, im Limbo ihrer eigenen kaum verstandenen Sünden gefangen und um sich kreisend, aus der durch lebenslanges Lügen und Anpassen und Taktieren hart erkauften Leere Lieder schälend, die nichts mehr mit der aggressiven Selbstgewissheit von Eismeers kommunistischen Kampfliedern zu tun hat. Stille Töne sind es, voller Sehnsucht und Selbstzweifel. Hilfeschreie, die keiner mehr hört und die vielleicht doch so etwas bringen wie Befreiung, wenn auch nur für einen sehr, sehr kurzen Moment.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

In Schwarz und Rot ist Jo Schramms Bühnenbild gehalten, irgendwo zwischen Bauhaus, Varietébühne und Ozeandampfer. Ideologische Selbstgewissheit in der Farbgebung, die Kunst als Unterhaltung mit klarem Ziel, eine Geschichte der Flucht, Emigration, Unbehaustheit, all das liegt darin. Und erhält doch bald ein Gegengewicht, wenn Schramm die Darsteller in Edward Hoppes kalt-solnnige Einsamkeitslandschaften setzt: Da ist das berühmt nächtliche Diner, das karge Zimmer, in das die Sonne scheint, eine melancholische Holzhausfassade im Dämmerlicht. Ein Gefühl von lang verdrängter Trauer liegt im Raum, wenn Kühnel und Kuttner eine Familiengeschichte erzählt. Die nämlich der Eisler: Da ist Ruth oder auch Elfriede, die KPD-Führerin, die zur glühenden Anti-Stalinistin wird und die später eine Kampagne führen wird gegen ihre Brüder – den KPD- und späteren SED-Funktionär Gerhart und den begnadeten Komponisten Hanns, der seine Kunst in den Dienst der jeweils zahlenden Macht stellt, heißt diese nun Hollywood oder DDR.

Kühnel und Kuttner nähern sich dieser als exemplarisch empfundenen Geschichte auf multiple weisen: Da ist zunächst der Versuch einer Familienaufstellung. Kuttner gibt den Therapeuten in Hawaiihemd und Sonnenbrille, launisch wie immer und doch seltsam gehemmt. So unwohl sich die aufgestellten Familienkampfhähne fühlen, so ähnlich scheint es auch Kuttner zu gehen, der an diesem Abend Fremdkörper bleibt. Erscheint er, sinkt die Temperatur, fällt die Spannung ab. Seine ironische Distanzierung, sein spöttischer Blick, er wirkt nicht an diesem Abend. Es braucht ihn auch nicht, zieht die Inszenierung doch ausreichend Distanz- und Ironieebenen ein. Da ist der nostalgische Look in Bühne, Licht und Kostümen, die visuelle Künstlichkeit der Hopper-Tableaux, die Dopplung der Figuren – jeder der drei Protagonisten hat eine ältere und eine jüngere Version. Das wird noch verstärkt durch eine immer weiter geschraubte Figuren-Aufsplittung: Wenn wir aus der familiären Situation weitergehen in die Verhöre und Anhörungen der McCarthy-Tribunale übernehmen die Darsteller mal ihre eigentliche Rolle, dann wieder die der Ankläger. Ganz besonders wirksam ist das, wenn eine Version einer Figur die andere verhört. Da wird dann aus der externen Verfolgung eine Selbstbefragung, verlegen sich die Grundkonflikte zwischen Kunst und Welt, Ehrlichkeit und Überleben, Moral und Ideologie in die Figuren selbst.

Ähnlich funktioniert eine andere spannende Regieidee: die Verpflanzung der Verhöre in alltägliche Situationen: Thesengespräche im Diner, eine Begegnung am Ferienhaus oder ein Pärchenstreit auf dem Bett. Wenn Daniel Hoevels und Maren Eggert ein hartes Verhör als Beziehungsgespräch samt Flehen und Tränen inszenieren, ist das eine Verfremdung, die mehrfach wirkt: Zum einen exponiert sie die Lächerlichkeit der Vorwürfe, indem sie sie in eine banale Alltagssituation verlegt, zum anderen deutet sie aber auch an, wie sehr ein Klima der Paranoia, der geschürten angst und des gezielten Hasses alle Lebensbereiche durchdringt, das Individuum lähmt und ihm letztlich keinen Freiraum, keinen Port, an dem er frei wäre davon lässt. Letztere deutet der Abend leider nur an, zu Karikaturen ist sein Grundton, zu schön und zuweilen selbstverliebt seine Bilder, zu unentschlossen und mitunter unausgereift Probefahrt vor allem sein erstes Drittel.

Es dauert lange, bis der Abend seinen Ton findet. Wenn er ihn hat, ergötzt er sich schnell an seinem eigenen Glanz, wird zur Nummernrevue schöner Bilder und netter Einfälle. Das Geflecht aus Schuld und Opportunismus, aus Moral und Selbstgerechtigkeit, der Druck von außen und innen, die Paranoia einer an sich selbst zweifelnden Gesellschaft und der selbstlos des Individuums: Kühnel und Kuttner finden dafür großartige Bilder und Konstellationen und opfern sie viel zu schnell wieder auf dem Altar der guten Laune und der denkfaulen Ironiemaschinerie. Was ist hier alles drin in diesem Abend, was könnte er alles erzählen über die lächerliche Tragik des Versuchs zu überleben, was erzählt er alles, wenn man genau hinschaut? Und ist am Ende doch viel zu selbstverliebt, mitunter auch ratlos, will seinen ausgelegten Fährten nicht folgen, bleibt immer wieder auf halbem Wege stehen, wie ein bockiges Kind, das keine Lust mehr hat zu laufen. Und so überdecken am Ende die wunderschönen Bilder die dunkleren Erkenntnisse, die der Abend viel zu oft nur andeutet. Doch vielleicht will der Abend genau das: die in ihren Narrativen und Rechtfertigungskaskaden sich Einschließenden zu zeigen als Gefangene eines schönen Scheins, der wie in den Bildern Edward Hoppes die Leere doch nur verstärkt, und uns, den Zuschauer trotz alledem in seinen Bann zieht. Womöglich sind es doch Tom Kühnel und Jörgen Kuttner, die zuletzt lachen.

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Ein Gedanke zu „Gefangene des schönen Scheins

  1. […] der sich so radikal jeglicher Aussage zu der Welt, in der wir leben, verweigert, knallt einen Eisler-Abend auf die Bühnenbretter, der so konsequent die Vergangenheit bewohnt, dass sich beide um den […]

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