Eleganz und Stille

Das Orchestre de Paris unter Paavo Järvi zu Gast in Berlin mit Sol Gabetta und Werken von Berlioz und Saint-Saëns

Von Sascha Krieger

Paris gilt als die Welthauptstadt der Mode, sie steht für Eleganz und makellose Schönheit. Ein Anspruch, dem sich auch das führende Orchester der Stadt, das Orchester de Paris verpflichtet fühlt. Atemberaubende Eleganz und bestechende Schönheit des Klangs atmen denn auch aus jeder Pore des Orchesters, wenn es im Rahmen seiner Europatournee unter Leitung des Chefdirigenten Paff Järvi in der Berliner Philharmonie Halt macht. Das zeigt sich schon beim musikalischen Appetizer, Hector Berlioz‘ Konzertouvertüre „Le Corsaire“. Das musikalische, auf Byron basierende, Piratenportrait überzeugt durch detailscharfe Figurenzeichnung, höchste Präzision und gezielt eingesetzte Kontraste, die große Spannung erzeugen, ohne je die Musik ihrer Leichtigkeit zu berauben. Vor allem aber verblüfft die Mischung aus höchster Transparenz und eleganter Klangfülle, die dem Werk Bewegtheit wie Glanz verleihen. Analytische Schärfe und perfekter Schönling gehen nicht nur hier Hand in Hand, sondern auch bei Berlioz‘ bekanntestem Werk, der Symphonie fantastique.

Paavo Järvi und das Orchestre de Paris (Foto: Frederic Desaphi)

Paavo Järvi und das Orchestre de Paris (Foto: Frederic Desaphi)

Jegliche Schwerkraft negierend schwebt der Beginn durch die alles andere als ausverkaufte Philharmonie, sorgt die samtige Klarheit der hohen Streicher für so manche Gänsehaut im Publikum. Der Traum von küntlerischer Erfüllung und erwiderter Liebe, der in diesem Werk in einen Albtraum umschlägt, er schwebt ein in unendlicher Zartheit und öffnet sich bald in glitzernder Vielgestaltigkeit, die stets ein perfekt harmonierendes Ganzes bildet. Der erste, hoffnungsvolle Satz strebt ins Weite, öffnet sich zu lebensbejahender Vielstimmigkeit, die zum Satzschschluss erneut ins schweben gerät. Samtige Geigen bestimmen die anschließende Ballszene, in der Järvi wiederholt Verzögerungen akzentuiert, die sich selbst zu hinterfragen scheinen. Der Walzerschwung steht neben zarter Lyrik, die Affirmation neben zweifelndem Zaudern. Schon hier traut der schöne Schein sich nicht, birgt der Oberflächenglanz ein bewegtes Innenleben. Aufgewühltheit und Entschleunigung prägen dann auch das ländliche Treiben des Mittelsatzes, in dem sich kraftvolle Verdichtung und Leerstellen produzierende Fragmentieren abwechseln. Hier entsteht nicht mehr nur das Ganze aus dem Einzelnen, Letzteres setzt auch Stacheln ins musikalische Fleisch, lässt die Stille ein, als Quelle und Bruch gleichermaßen.

Auch die düster grotesken Schlusssätze bleiben ambivalent. So erzeugt die Transparenz im dritten Satz immer wieder fast rebellisch erscheinende Einwürfe in die unerbittliche Strenge des Gangs zum Richtplatz, gewinnt der Satz wiederholt einen leicht tänzelnden Gestus, der dem düsteren treiben verstohlen die Nase zeigt. Ähnlich  der Hexensabbat im Finale: Er beginnt in fragendem Ton und einzelnen Stimmen, die nur schwer zusammenkommen wollen. Betont schrill das Meckern der Klarinette, natürlich die Zunahme der Unruhe, lebendig die Energieeruption des Schlusses. Hier ist das Ende ein Anfang, kann der Tod das Leben nicht unterdrücken, beißt der Spott auch in der Dunkelheit noch zu. Vielgestaltig und sich selbst widersprechend kommt dieses Symphonie fantastique daher, oberflächenglatt und vielfarbig brodelnd zugleich, so gegensätzlich wie das Leben, dass die Musik beschreibt, kondensiert, karikiert.

Zwischen den beiden energiereichen Berlioz-Werken steht wie ein Ruhepol Camille Saint-Saëns‘ sacht mäanderndes Cello-Konzert. Ganz vorsichtig und gemeinsam tasten sich Solistin Sol Gabetta und das Orchester hinein, gehen mit fragendem Blick auf die musikalische Reise. Das Orchester überzeugt mit zurückgenommenem, sehr subtilem und nuanciertem Spiel, der klang ist ebenso schlank wie durchsichtig, lässt viel Licht ein in das zarte und doch so komplexe musikalische Gewebe, in das sich Gabettas variables Spiel idealtypisch einfügt. Fragile, unerhört zarte Lyrik mit hellem, klarem Klang steht neben hartem, rauem Strich, nachdenkliche Reflexion neben schroffer Unruhe und ambivalenter Bewegtheit. Der Weg ist das Ziel, die Suchbewegung steht im Mittelpunkt dieser Interpretation. Mitunter schweben Gabettas Cello-Noten wie entkörperlicht durch den Raum, windet sich ihre sachte Gesanglichkeit um den hellwachen, lichtdurchfluteten Orchesterklang. Orchester und Solistin hören einander zu, stellen sich Fragen und tasten sich gemeinsam voran, eine perfekte Symbiose aus einsamen Suchern. Die Stille als Ursprungsort wie bedrohliche Sinnentleerung bildet die Mitte dieser Musik, ist strukturiendes Element wie Katalysator, ermöglicht die gemeinsame energische Kraftentfaltung von Soloinstrument und Orchester erst. Musik und Stille, lebendiger Klang und seine Negation bedingen einander, stoßen sich ab und erzeugen sich gegenseitig. Musik ist ohne die Drohung des Verstummen nicht zu haben wie das Leben nicht ohne den Tod. Dass dabei das Orchester auch noch Klangwelten zu erzeugen vermag, die den Zuhörer in einen Pariser Traum entführen, grenzt dann schon an ein kleines Wunder.

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