Vom Menschsein

Verdis Messa da Requiem mit Marek Janowski, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem Rundfunkchor Berlin

Von Sascha Krieger

Das ist es also: Marek Janowskis erstes Dirigat „seines“ Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, nachdem bekannt wurde, dass 76-Jährige seinen Posten als künstlerischer Leiter und Chefdirigent des RSB nicht erst zum Spielzeiten, sondern mit sofortiger Wirkung niederlegt, um, wie es in der Presseerklärung heißt, „einen zügigen und guten Übergang“ zu seinem designierten Nachfolger Vladimir Jurovski zu ermöglichen. Zumindest bis Ende 2016 wird er das Orchester jedoch wie geplant weiter dirigieren. Natürlich ist es ein interessanter Zufall, dass sein erstes Konzert nach der Mitteilung ein Werk des Abschieds ist, Giuseppe Verdis Messa da Requiem. Wenn der Abend etwas zeigt, dann, wie sehr das Berliner Publikum diesen wachen, analytisch scharfen und von Hingabe zur Musik erfüllten Geist am Dirigentenpult vermissen wird. Janowski hat einst seinen Namen als Opernspezialist gemacht und dirigiert Opern doch seit den 1990ern nur noch konzertant. Das große Drumherum interessiert ihn nicht, alle Dramatik, die er braucht, steckt in der Musik. Das hat er mit seinem gefeierten „Ring“-Zyklus bewiesen und das zeigt er auch hier, in der opernhaftesten aller Totenmessen.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski (Foto: Felix Broede)

Das ganze menschliche Universum von Hoffnung bis Trauer, von Freude bis Schmerz, die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen menschlicher Existenz durchmisst das 90-minütige Werk und alle erfüllen den leider längst nicht ausverkauften Saal der Berliner Philharmonie. Und das nicht obwohl, sondern weil Janowski auf die großen Gesten, auf jeglichen Versuch opernhafter Überwältigung verzichtet. Ganz im Gegenteil: Sein Orchester agiert von Beginn an zurückhaltend, reduziert, setzt auf Strenge, Klarheit und Transparenz und eröffnet genau dadurch ein Feld an menschlicher Weite, das seinesgleichen sucht. Weit ist der Weg von den tastenden, beinahe fahlen Celli des Beginns zur unerbittlichen, in seiner durch nichts bemäntelten sachlichen Klarheit erschütternden Härte des Dies irae und doch durchmisst das Orchester ihn mit der Selbstverständlichkeit, mit der größte Hoffnung und tiefste Verzweiflung in der menschlichen Existenz nebeneinander stehen. Exemplarisch der Schluss: Da wandelt das Orchester von lyrisch zartem Schweben zur strahlend strenger Kraftentfaltung, die nach innen zeigt und zugleich ins Weite drängt und am Ende zu einem erschütternd sachlichen stillen Ernst, der nichts Schmückendes mehr hat. Das monumentale Werk endet wie mitten im Gedanken, ganz unspektakulär, wie nebenbei.

Seiten ließen sich füllen darüber, wie Janowski Strenge und Sachlichkeit einsetzt, um eindringlichste emotionale Wirkungen zu erzeugen; wie er Kontraste nutzt, um Spannung zu erzeugen, ohne zu verleugnen, dass das Hell und Dunkel einander bedingen; wie es die unbedingte Hingabe zum noch so kleinen Detail, das Bestehen auf höchster Präzision in jedem tat sind, die es dem Werk ermöglichen, als stringentes Ganzes zu erscheinen. Und doch kann eine detaillierte Beschreibung und Analyse nicht im Ansatz erklären, was diese Interpretation mit dem Zuhörer macht, den sie auf Distanz hält und doch gerade dadurch unentrinnbar hineinzieht in diese Welt menschlichen Strampeln, der selbstverständlich auch der seine ist. Es ist die Reduktion, die Räume öffnet, den Blick auch durch engste Ritzen hindurch erlaubt und aus der Detailfülle in all ihrer Widersprüchlichkeit ein musikalisches Universum erschafft, das so heterogen ist, wie das, in dem wir Leben und das gleichzeitig, wenn man es als Ganzes betrachtet, Hoffnung gibt. Wie der Blick aus einem Raumschiff auf den blauen Planeten. Und es ist dieser Blick, der es dann erlaubt, wieder mitten hinein zu gehen, und diesen musikalischen Appell, der nie so innig und nie so persönlich klang, in die Welt zu senden.

Das alles kann nur gelingen, weil Janowski und das RSB über Mitstreiter verfügen, die ihresgleichen suchen. Da ist natürlich der Rundfunkchor Berlin zu nennen, der auch unter seinem neuen Leiter Gijs Leenaars nichts an technischer Brillanz und Ausdrucksspektrum eingebüßt hat. Ob er das Dies irre schneidend scharf in die Welt schmettert, in der finalen Fuge den musikalischen Raum mit höchster Präzision weit öffnet oder wie etwa im Agnus Dei zarteste Bekenntnislyrik  intoniert: Stets fließt ein voller, ungemein variabler Klang durch den Saal, der unerbittliche Kraft wie stillste Verzweiflung auszudrücken vermag.

Das Solistenquartett steht dem in nichts nach: Selten hat man vier Solisten so traumhaft harmonieren gehört, verschmelzen die einzelnen Klage- und Hoffnungstöne immer wieder zu kollektiven Appellen der Menschlichkeit. Keiner ragt heraus: Hulkar Sabirovas  Sopran beeindruckt mit seiner dunkel grundierten Kraft, die auch die leisteten Töne aufzuladen imstande ist, ebenso wie die Mezzosopranistin Marina Prudeskajas, die mit ihrem zurückgenommenen Gesang bewegend den emotionalen Weg dieser Lebensreise zu beschreiten vermag. Tenor Stefano Secco verfügt über ein mediterran warmes Timbre, dem das Schwelgerische nicht fremd ist und erschüttert doch vor allem mit der unendlichen Zartheit des Hostias. Last but not least Günther Groissböck: Der Bassist, mit dem Janowski schon mehrfach gearbeitet hat, verschmäht die große Geste: Seine warme Stimme brilliert hier vor allem in den Nuancen, den Zwischenräumen menschlicher Empfindung.

Marek Janowski, Chor, Orchester und Solisten dramatisieren nicht, sie reduzieren Verdis Musik auf ihren Kern: den musikalischen wie den emotionalen. Damit gelingt es ihnen, eine Interpretation zu schaffen, die berührt, erschüttert, nahe geht, die unmittelbar wirkt, weil sie das opernhafte Brimborium nicht braucht und auch nicht will. Es ist eine nicht, die das große Ganze sieht wie das kleinste Detail, die universal ist und zutiefst persönlich. Und in deren Mittelpunkt nur einer steht: der Mensch, nackt und ausgerüstet nur mit seiner ureigensten Sprache, der Musik.

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