Karotten gegen die Angst

Falk Richter: FEAR, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Seltsames tut sich in Deutschland im Jahr 2015: Allwöchentlich versammeln sich hunderte, mittlerweile wieder tausende Menschen, die nur von einem getrieben zu sein vorgeben: Angst. Die Angst vor der Vernichtung der eigenen Kultur, vor der „Überfremdung“, der feindlichen Übernahme durch den „Islam“, wie sich sich montags in Dresden oder mittwochs in Erfurt äußert. Oder jene vor der „Sexualisierung“ der Kinder, der „Verschulung“ der Gesellschaft und der Vernichtung der Familie, wie sie in Stuttgart und anderswo ihr Unwesen treibt. Deutschland im Jahr 2015, ein Land der Angst. Wo kommt die her und was will sie hier? Falk Richter hat sich an der Berliner Schaubühne hineinbegeben ins Land der „Islamkritiker“ und „besorgten Bürger“, der „Familienverteidiger“ und „Heimatschützer“, ins Land von Frauke Petri und Beatrix von Storch und Birgit Kelle und Gabriele Kuby, hinein in den heiligen Krieg gegen „Islamisierung“ und „Genderwahn“. Über Jahrzehnte gehörte die Straße vor allem dem linken Protest, plötzlich sammelt sich dort eine rechte Brühe, von der wir viel zu lange annahmen, es gäbe sie nur noch in kaum lebensfähigen Restmengen.

Foto: Arno Declair

Foto: Arno Declair

Bei Richter kommt sie zu Wort: in collagenhaft zusammengetragenen O-Tönen „besorgter Bürger“, gern kombiniert mit Film- und Bilderschnipseln klischeedeutscher Postkartenidylle, in den Worten besagter Damen und in Tiraden, in denen die Monologe der Darsteller gern enden. So gleich am Anfang, wenn Bernardo Arias Porras vom Wunsch nach Ruhe über die düster pessimistische Fernsehserie True Detective in eine diffuse Flut nicht zu definierender Ängste kippt, oder später, wenn aus Kay Bartholomäus Schulzes nüchterner Bestandsaufnahme weiter Teile der ehemaligen DDR als Verwahrort der Zurückgelassenen und Nichtgebrauchten ein Umsichschlagen in blinder Wut und ziellosem Hass auf alles Andere, alles Lebende wird. Es sind die stärksten Momente des zweistündigen Abends, in denen Richter vorführt, wie aus herablassender bürgerlicher Toleranz, aus wohlwollender Selbstisolation und vernünftiger Weltsicht Ressentiments hervorschießen, wie aus der „Mitte der Gesellschaft“ die längst vergessene Saat aufgeht, wie sich die Möchtegerntäter als Opfer gerieren und dem eigenen Märchen gar glauben (am eindringlichsten vielleicht, wenn Schulzes geifernder Wut-Ossi die sich benachteiligt fühlenden Landsleute mit den Aborigines Australiens vergleicht, unterdrückte, der Vernichtung übergebene Eingeborene).

In denen, die da „protestieren“, sieht Richter Zombies, untote Widergänger des Ewiggestrigen, und zieht eine direkte Linie vom aufkommenden Nationalsozialismus zu den menschenverachteten, auf einer Hierarchie von Kulturen, Religionen und letztlich „Rassen“ aufgebauten Parolen ihrer Nachfolger. Zombiefilmfragmente geistern über die Bühnenrückwand, Hassbilder verkleben Bühne und Pappkameraden mit den Gesichtern der Protagonistinnen. Tänzer winden sich, werden durchgeschüttelt und herumgeworfen in zielloser dumpfer Panik, stumme, hilflose Angstwesen, die sich nur zu gern befüllen lassen mit der beruhigenden Droge Hass. Richter serviert eine wilde Nummernrevue aus Hass und Ressentiment, lässt den Geist des Nazi-Großvaters in einer wahnwitzigen Hexensabbatszene in Frau von Storch fahren, Lise Risom Olsen als Europa über Kultur und Genozid schwadronieren und am Ende in Hilflosigkeit verstummen, lässt die weite Welt der Phobien aufzählen zieht irrwitzige Parallelen zwischen Ausländerhass und Gentrifizierung und kommt immer wieder zurück zum Bild des – meist ostdeutschen – Zukurzgekommenen, der sich seinen Opferstatus nicht nehmen lassen will und den – meist weiblichen – Predigerinnen des Hasses, des Zurück in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, in der alles noch in Ordnung war.

Überhaupt strebt hier alles nach Ruhe und Ordnung, auch jene verantwortungsvollen Großstadtbewohner, die von ihrem Öko-Lift-Glaskasten aus die Bühne zum Urban-Gardening-Paradies umgestalten, die sich lustig machen über die beschränkten Krakeeler und doch nur allzu gern die Welt aussperren wollen, denen das kleine überschau- und kontrollierbare Idyll genug und die Welt viel zu kompliziert und problembelastet ist. Die Verunsicherung und Verwirrung, die Haltlosigkeit, die Europa und die demonstrierenden „Kulturbewahrer“ ergriffen hat – sie ist auch in diesem Berlin-Mitte-Öko-Milieu die bestimmende Kraft. Wo andere Flüchtlingsheime anzünden, pflanzen diese Karotten. Wo dort blinder Hass regiert, herrscht hier positiv verbrämter Eskapismus. Die Seiten scheinen diametral entgegengesetzt, die Medaille ist die gleiche, wie Schulze und Arias Porras zeigen. Gutgelaunt singt man Lieder, probiert satirische Szenen aus und lässt den Abend in freundlicher Beiläufigkeit ausklingen. Und überlässt doch den Zombies das Feld.

Die Stärke von FEAR ist auch seine Schwäche: So präzise der Abend die Gleichgültigkeit der gesellschaftlichen „Mitte“, die Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, die freundliche Toleranz der Vernünftigen als den fruchtbaren Boden entlarvt, auf dem das dunkle Deutschland zu gedeihen vermag, so sehr macht er sich deren Sicht zu eigen, tut die menschliche Hasslawine als Zombies ab, kichert über ihre Lächerlichkeit, verortet sie bei Ossis und Frauen und freut sich über die Bereitschaft der Selbstentlarvung jener, die sich um ihr Land sorgen und nichts gegen Flüchtlinge haben, aber. Mit fortschreitender Dauer zieht sich Falk Richters Abend zurück in den Glaskasten, weit weg von der hässlichen Realität, unfähig oder unwillig zur Reflexion, sich labend an der eigenen Überheblichkeit, von der er doch weiß, dass sie die Wurzel des beschriebenen Übels ist. Zu sehr gefällt sich FEAR in der wissenden Selbstgerechtigkeit derer, die sich auf der richtigen Seite wähnen. Da braucht es keine Reflexionen, kein vertieftes Nachdenken über Ursachen und Folgen, darüber, woher das kommt, was sich da im Lande breit macht, und wohin das zu führen versucht. Da ist es leichter, über Zombies und dumme Parolennachplapperer zu lachen. Am Ende bleibt ein Abend, der mit wacher Neugier beginnt und sich viel zu schnell auf die bequeme Kuchendecke moralischer Überlegenheit zurückzieht. Und sich damit als so hilflos erweist wie die Gesellschaft, deren Gegenwehr er doch eigentlich einfordern will.

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