Geschichtenerzähler

Die Berliner Philharmoniker unter Andris Nelsons mit Werken von Schostakowitsch und Strauss

Von Sascha Krieger

Nach dem Zyklus ist vor dem Zyklus: Gerade haben die Berliner Philharmoniker zweimal alle Symphonien Ludwig van Beethovens gespielt, nächste Woche geht es dann damit auf Tour. Dazwischen ist schnell noch ein Jubiläum zu feiern: Vor 100 Jahren erlebte Richard Strauss‘ Eine Alpensinfonie in der alten Philharmonie ihre Uraufführung. Gleich drei Orchester spielten in dieser Woche das Werk in Hans Scharouns Nachfolgebau, darunter auch die Sächsische Staatskapelle, die (als Sächsische Hofkapelle) damals die Uraufführung absolvierte. Da dürfen natürlich auch die Berliner Philharmoniker nicht fehlen. Am Pult steht ein Mann, auf den sich im Frühjahr das Orchester nicht als Nachfolger Sir Simon Rattles als Chefdirigent einigen konnte. Von Wunden ist nichts zu spüren bei diesem ersten Wiedersehen mit Andreas Nelsons. Vielleicht weil beide Seiten viel zu sehr Profis sind, wahrscheinlich aber, weil sie etwas teilen, was persönliche Verletztheit schnell vergessen lässt: eine bedingungslose Liebe zur Musik. Bei Nelsons ist sie in jeder Bewegung spürbar, in den weit aufgerissenen Augen, dem neugierigen und begeisterten Gesicht. Hier herrscht Freude und das überträgt sich aufs Publikum.

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Andris Nelsons (Foto: Marco Borggreve)

Bei Strauss‘ malerischer Beschreibung einer Alpenwanderung gibt es keine Distanz. Nelsons führt uns mitten hinein ins Geschehen, nimmt uns bei der Hand, geht mit uns durch den Sonnenaufgang, entlang am glitzernden Bach, lässt uns den Gipfel genießen und den Sturm erdulden. Hier ist keine Abgeklärtheit, nur 50 Minuten musikalische Neugier und unmittelbares Erleben. Von strahlender Kraft der Sonnenaufgang, von ambivalentem Glanz die Gipfelvision, leise klagend die verloren suchenden Stimmen vor dem Sturm, aufgewühlt, unruhig und doch affirmativ lebendig das hier durchaus reinigende Gewitter. Alles ist organisches werden und Vergehen, der Lebenslust en miniature von Anfang bis Ende stringent, die bedrohende Kraft der Naturgewalten ebenso unausweichlich wie die Besinnung der Heimkehr. Nelsons sucht und findet die filmische Breite, die dichten Streicher und kraftvollen Bläser, ebenso wie die kammermusikalische Intimität etwa der Celli oder der Holzbläser.

Er fokussiert die Details: die kleinen und großen Stimmungswechsel, die Übergänge, die musikalischen Pinselstriche, mit denen Strauss sein Bild malt. Er fragmentiert und zerklüftet die Klanglandschaft, um sie am Ende wieder zusammenzuführen. Das Orchester brilliert mit höchster Präzision und atemberaubender Transparenz. Hier ist alles hörbar, jedes noch so schwache Stimmchen, ein vielstimmiger Chor widersprüchlicher Lebenserfahrung, in dem alles zusammenpasst, weil alles auseinanderstrebt. Und mittendrin wir, die Zuhörer, mal ratlos, mal ängstlich, oft fasziniert von diesem Klanggebirge, durch das wir wandern. Unter Andreas Nelsons‘ Dirigat wird aus der Salonmalerei Strauss‘ flirrender Impressionismus mit pointillistischen und expressionistischen Einschlägen. Und doch ist Caspar David Friedrich nie weit.

Ganz anders die Erfahrung vor der Pause: Dmitri Schostakowitschs Violinkonzert ist um einiges komplexer, sperriger, herausfordernder als Richard Strauss‘ musikalisches Ölgemälde. Schwebend hebt es an, wie zwischen den Welten hängend. Über die Fragen der tiefen Streicher legt sich Biba Skrides zögerlicher Gesang, so zart wie kraftvoll, so fragil wie affirmativ trotzig. Große Klarheit ist in ihrem Spiel und doch hinterfragt es sich stets selbst (am eindrucksvollsten wohl in der Zugabe, La Campanella von Johann Paul von Westhoff, flirrender Ambivalenz im Zwielicht). Große Ruhe herrscht im Kopfsatz und zugleich kaum erträgliche Spannung. Das Suchen wird zur stillen Klage, die leise entschwindet. Überhaupt die Stille: Aus ihr, im Widerstand gegen sie entsteht diese Musik, am deutlichsten in der Kadenz vor dem Finale: Lange Pausen deuten den Abgrund an, gegen die Skride anspielt. Dialogisch entfaltet sich der musikalische Diskurs zwischen hell und dunkel, lyrisch und hart, still und aufbrausend. Narrativ ist ihr Gestus, sie erzählt eine Geschichte, die gerade erst entsteht und deren Ende sie nicht kennt.

Das Orchester, schlank, transparent, sehr zurückgenommen und von sachter Nuanciertheit, bereitet den Boden, etwa mit seiner kantenscharfen Konzentration im zweiten Satz, über der sich die Solistin mit rhythmischer Prägnanz und thematischer Klarheit durch die schroffe, zuweilen ins groteske Kippende Klangwelt kämpft, ohne je in Kraftmeierei zu verfallen. Der stillen Klage des ersten Satzes folgt ein fratzenhafter Maskenball, der in seiner Sachlichkeit hier erschreckend real wirkt. Sehr dunkel ist das Orchester dann in der Passacaglia, wagt ein wenig Pathos zu Beginn und kontrastiert dadurch schmerzhaft mit der Innigkeit von Skrides Spiel. Die Fragen des Kopfsatzes sind nicht beantwortet, sondern stellen sich nur noch stärker. Der Schlusssatz ist dann Verweigerung der Antwort. Von großer Lebendigkeit steigert er sich fast rauschhaft, jetzt im engen Zusammenwirken von Soloinstrument und Orchester, die gemeinsam die Dämonen auszutreiben suchen und sie dadurch erst beschwören. Rhythmische Schärfe, Transparenz und Farbenreichtum haben hier keinen versöhnlichen Effekt. Ganz im Gegenteil: Sie akzentuieren die Umgelöstheit einer Existenz, die stets am Abgrund steht. Das lässt sich biographisch lesen und scheint doch von unserer derzeitigen Welterfahrung nicht weit entfernt. Große Musik hinterlässt Spuren, regt an und auf, lässt den Zuhörer nicht unverändert zurück. Dies ist ein großer Abend.

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