Die Leere unterm Weihnachtsbaum

Roland Schimmelpfennig: Wintersonnenwende, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Jan Bosse)

Von Sascha Krieger

Das geht ja gut los: Ein Mann, eine Frau, ein Esstisch. Es ist der Tag vor Weihnachten, die Mutter der Frau ist gerade eingetroffen und man streitet sich. Er beschwert sich, dass sie sich immer verzöge, wenn die Mutter eintrifft, sie hält ihn für einen Schlappschwanz. Klingt bekannt? Zu Beginn seines neuen Stücks wirft uns Roland Schimmelpfennig mitten hinein in die bewährte Welt des Wohnzimmerdramas. Zwei Stunden spitze Bemerkungen, Verletzungen, Beleidigungen, ein verbaler Machtkampf, der an die Substanz geht und die sorgsam gepflegten Fassaden einreißt – von Albee bis Reza war das ein Erfolgsrezept und ist es bis heute. Doch Schimmelpfennig reicht das nicht: Kaum hat er den modus operandi definiert, durchbricht er ihn schon. Denn die realistische Ebene des Konversationsdrama ist nur die eine Ebene. Die zweite ist das innere Drama der Figuren, die sich selbst, die anderen und das Geschehen kommentieren, die ihre äußerliche Persona konterkarieren mit ihren Selbstzweifeln und Verletzungen und Frustrationen. Und dann ist da noch Ebene drei: Beschreibungen von Figuren und Szenerie in Form eines Autoren-Ich, mal in Form von Regieanweisungen, mal in der von Kommentaren und Bewertungen.

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

Das Deutsche Theater Berlin (Foto: Sascha Krieger)

In Jan Bosses deutscher Erstaufführung sind die ebenen klar getrennt und verschwimmen zu bleib. Der Ausdrucksmodus der Darsteller ist scharf differenziert, je nachdem, in welcher Rolle sie gerade stecken. Zugleich sind die Übergänge fließend, wechselt man mitten in der Szene mehrfach die Perspektiven, nähert man sich zuweilen einer gefühlten Gleichzeitigkeit an. Innen und außen sind nicht zu trennen – und doch liegen Welten zwischen ihnen. Das Spiel zwischen Oberfläche und (vermeintlichem) Kern, das Schimmelpfennig schreibt, wird bei Bosse zum Knäuel sich beschleunigender Perspektivwechsel. Wo hier die Wahrheit ist, ist kaum zu definieren: Sicher nicht in der Fassade: des sensiblen Intellektuellen Albert, den Felix Greser mit nervöser Angespanntheit gibt, seiner Filmemacherinnengattin Bettina (Judith Hofmann), die aggressiv dagegenhält, der Mutter (Jutta Wachowiak), die zwischen vulgärer Abneigung und pubertärer Verknalltest schwankt oder des an sich selbst zweifelnden Künstlers Konrad (Edgar Eckart). Aber auch wohl kaum in den Grübeleien, Selbstkasteiungen und Rechtfertigungen des „inneren Ichs“.

Der schlichte Quader aus schwarzen Streifenvorhängen (Bühne: Stéphane Laimé), in dem dies spielt, kontrastiert mit der nur behaupteten Geborgenheit eines großbürgerlichen Ambiente, das nur in Worten existiert. Der dunkle Käfig behauptet keinen Ausweg, wie auch die Figuren ihn nicht zulassen. Egomanen sind sie alle, und wissen doch nicht so recht, was dieses Ich, das sie feiern, eigentlich sein soll. Denn so sehr sie nach außen ihren Status verteidigen, so wenig erkennen sie ihn doch eigentlich an. Selbsterniedrigung führt dann wieder zur Aggression – gegen sich selbst, vor allem aber gegen die anderen. Bosse wählt einen komödiantischen Tonfall, streut Slapstickelemente ein, legt die Lächerlichkeiten der dünnen Ego-Mäntelchen, in welche die Figuren gehüllt sind, auf. Das vergrößert die Distanz – nicht so sehr des Publikums zum Geschehen, sondern mehr noch das der Figuren zu sich selbst. Künstlichkeit und Realismus gehen Hand in Hand, fahren sich gegenseitig in die Parade und tanzen um einander in bitterer Ironie.

So weit, so eindrucksvoll, doch hat Schimmelpfennig noch einen Dreh im Köcher: Denn da ist noch Rudolf, die charismatisch dauerlächelnde Zugbekanntschaft der Mutter, die mit vernünftig erscheinender Weltanalyse beginnt und in der bezwingend perfiden Logik faschistischer Reinigungs- und Selektionsrhetorik enden. Am Ende sitzen sie um den Tisch, die aufgeklärten Künstler und Akademiker, das Licht, das den ganzen Abend über Rudolfs Phrasen über Licht und Dunkelheit in virtuosen Kombinationskaskaden variiert, illustriert und ironisch bricht, scheint nun aus dem Inneren zu kommen und illuminiert eine Perversion des Abendmahls. Nur Albert wehrt sich noch, während die anderen längst im Banne des Demagogen sind, den vermeintlich einfachen Ausweg aus der dselbstgemachten Leere nur zu gern annehmen. Doch sein Widerstand bleibt ein imaginierter, auch er hat längst verlernt zu handeln, sein Ich ist zu schwach, als dass es sich entgegenstellen könnte.

Und so wird aus der altbekannten – wenn auch virtuos über mehrere Ebenen variierten – Selbstzerlegung bürgerlicher Oberflächen ein in Zeiten von AfD, Pepita und bayerischen Stammtischministerpräsidenten erschreckend scharfes Porträt einer bürgerlichen Mitte, die sich in unendlichen Selbstoptimierungs- und -definitionsorgien längst selbst fragmentiert und Eltern hat, der bei aller Sinnliche der Sinn erst abhanden gekommen ist. Rudolf bietet eine allzu einfache Füllung des Vakuums an, die sie nur zu gern akzeptieren. Roland Schimmelpfennig, der zuletzt oft arg plakativ daherkam, verpackt seine beunruhigende Botschaft in vielfarbig schimmerndes Glitzerpaper, das so lange blendet, bis man das, was es enthält, nicht mehr sieht – auch weil man es nicht sehen will. Jan Bosse macht daraus ein eindrucksvoll unterhaltsamen Tableau der Eitelkeiten, das zugleich messerscharfe Analyse der Faszination totalitärer Heilsversprechen ist. Ein komischer, verstörender, bitterböser Abend, von dem zu hoffen ist, dass er möglichst lange nachwirke.

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