Kein Licht ohne Dunkel

Das Deutsche Symphonie-Orchester unter Tugan Sokhiev mit Werken von Beethoven, Brahms und Mendelssohn-Bartholdy

Von Sascha Krieger

Ein bisschen Wehmut ist schon dabei, wenn Tagung Sokhiev das deutsche Symphonie-Orchester Berlin dirigiert. Es ist die letzte Spielzeit des Russen als Chefdirigent, bevor er sich nach nur vier Jahren in Berlin auf seine Aufgaben als künstlerischer Leiter des Moskauer Bloch-Theaters konzentrieren wird. Es war eine kurze Amtszeit, aber eine, die Spuren hinterlassen wird. Unter Sokhievs Leitung hat die Klangkultur des Orchesters ungeahnte Höhen erreicht. Auch wenn Sokhiev als Spezialist für Russisches und Französisches gilt: Es ist nicht zuletzt das deutsche Kernrepertoire des Orchesters, in dem seine Amtszeit das Orchester spürbar vorangebracht hat. Mit diesem gehen sie jetzt gemeinsam auf Asien-Tournee, doch zuvor kommt das Berliner Publikum an zwei Abenden noch einmal in den Genuss ihres Tourneeprogramms. Der erste steht ganz im Zeichen der großen Namen deutscher Musiktradition: Beethoven, Mendelssohn, Brahms. Los geht es mit Felix Mendelssohn-Bartholdys Ouvertüre „Die Hebriden“. Da entzückt zu nächst der exquisite Streicherklang: Der Glanz der Geigen und die Wärme der Celli bilden eine berückende Symbiose. Gesanglich interpretiert Sokhiev das romantische Klanggemälde. Sorgfältig arbeitet er die verschiedenen Ausdrucksmodi heraus, lässt den Farbenreichtum in faszinierender Vielgestaltigkeit glitzern, verknüpft Leichtigkeit und Festigkeit zu einem Gesamtkunstwerk, dessen Teile klar zutage treten, das stete Unruhe antreibt und das doch nie in seine Komponenten zerfällt.

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

Tugan Sokhiev, Chefdirigent des DSO (Foto: Patrice Nin)

Diese Mischung aus Detailtreue und dem Blick aufs große Ganze zeigt sich auch in Johannes Brahms‘ erster Symphonie. Streng, kraftvoll und von hoher Klangdichte kommt der Kopfsatz daher, der Zugriff ist energisch, der Grundton dunkel und tragisch. Hier herrscht großer Ernst, der nie droht ins Pathos zu kippen. Die musikalische Entwicklung ist organisch und bruchfrei, der Klangeindruck von großer Klarheit und Detailschärfe. Dabei trumpft hier nichts auf, die Kraft liegt in der Verdichtung, nicht in der großen Dichte. So wirkt der Satz druckvoll und zugleich zurückgenommen. Sehr streng das Adagio, dem die klangliche Dichte nie die Luft abschnürt. Unter der massiven Streicherdecke ist Platz für unzählige Nuancen, unter der tragischen Oberfläche pulsiert das (musikalische Leben). Freundlicher hebt der dritte Satz an, das Spiel der hellen Streicher und der lichtdurchfluteten Holzbläser hätte Schönling-Liebhaber vom Schlage eines Karajan begeistert. Behutsam verdichtet sich die musikalische Substanz, schöpft sie Kraft und Energie aus ihrem werden. Da dürfen die Streicherbögen auch mal etwas weiter werden, dem Eindruck höchster Konzentration tut das keinen Abbruch.

Ist der Grund erst einmal so bereitet, darf man sich im Finale eine gehörige Merklüftung der musikalischen Landschaft erlauben. Dessen Beginn ist voller Kontraste, Sokhiev gibt ihm einen fragmentarischen Eindruck des wiederholten Versuchen und Abbrechens. Hier ist klar der Schlusssatz von Beethovens neunter Symphonie Vorbild, an deren Freudenthema ja auch das Hauptthema von Brahms‘ Finale angelehnt ist. Doch auch hier fehlen die abrupten Brüche: Der anschließend durch die Instrumentengruppen wandernde Hornruf signalisiert einen Umschwung, ohne das Vorangegangene zu negieren. Die Versuche waren nötig, um am Ende den weg zu finden. Und so ist das Hauptthema hier nie schwelgerisch, bleiben die Zügel fest in der Hand. Treibendes Moment ist die Rhythmik, der Ton eher dunkel, der bestimmte Fluss symbolisiert Hoffnung und hat doch den tragischen Schicksalskampf nicht vergessen. Kein Licht ohne Dunkelheit – das könnte auch das Motto dieser ersten sein, die sich Brahms über zwanzig Jahre hinweg abgerungen hat, im Kampf mit seinen Zweifeln und dem als übermächtig empfundenen schatten Beethovens und Schuberts. Wenn er ihn gewonnen hat, dann in mühevoller Kleinarbeit – wie eben auch Sokhiev das Detail in den Mittelpunkt seiner interpretatorischen Arbeit stellt. Erst aus ihm kann das Ganze entstehen, in all seinem Glanz und all seiner Härte, die einander bis zum Ende zu bedingen scheinen.

À propos Beethoven: dessen drittes Klavierkonzert erklingt vor der Pause. In der in Georgien geborenen und seit einigen Jahrzehnten in Wien lebenden Elisabeth Leonskaja hat Sokhiev eine kongeniale Mitstreiterin gefunden. Dunkel, schlank und dicht ist das orchestrale Fundament, das Sokhiev und das DSO bauen, die strenge Form der Rahmen, in dem der Farbenreichtum Beethoven aufblühen kann. In Leonskajas Spiel findet dies seine perfekte Entsprechung. Ihr Anschlag ist energisch, hart, kantenscharf, rhythmisch prägnant, ihr Ton dunkel, zuweilen metallisch und doch entfaltet ihr Spiel vor allem Gesanglichkeit, die jedoch nie zerfließt oder sich in romantisierendem Schwelgen vergisst. Auch für sie ist die formale Strenge der Grund, auf dem sich die Musik entfalten kann, braucht die melodische Schönheit den rauen Ton, wie er sich beispielsweise in der Kadenz des Kopfsatzes findet, bedingt das Licht die Dunkelheit, die klanglich Orchester wie Solistin auszeichnet.

Das vermeintlich Gegensätzliche wird hier eins. So ist Leonskajas Spiel im Largo affirmativ und fragend zugleich, energisch voranschreitend und innehaltend, beschleunigend und verzögernd. Ihr Ausdrucksspektrum ist riesig, auch die ganz leisen Töne sind glasklar und kommen festen Schrittes daher. Es ist ein tastender, suchender zweiter Satz, der sich im Suchen findet, in dem das Orchester immer wieder Zwischenräume lässt, Möglichkeiten, die angedeutet, probiert, verworfen werden. Den nachdenklichen Gestus verliert vor allem die Solistin auch im Finale nicht, obwohl dieses sehr energisch und mit viel Zug gespielt ist. Auch hier ist das Fundament fest und von hoher klanglicher Dichte, auch hier ermöglicht die strenge Form erst den zarten Zauber der Lyrik. Von großer Kraft der Schluss, der nichts löst, weil hier alles schon Lösung ist. Der Weg scheint das Ziel, ein Weg, der durch Dunkelheit muss und bei dem nicht sicher ist, dass er im Licht endet. Es ist die Offenheit dieser Interpretation, die ob ihrer klaren und strengen Struktur am meisten überrascht. Die klangliche Meisterschaft, die das Orchester erreicht, tut dies nicht mehr.

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