Wir sind die Leere

100 Sekunden (wofür leben), Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Ein bisschen irreführend ist der Titel des abends ja schon, zumindest der in Klammern stehende Teil. Darum, wofür es sich zu leben lohne, geht es weniger, das Thema ist eher, wofür man bereit ist zu sterben. Viel Zeit ist nicht, 100 Sekunden stehen zur Verfügung für die Geschichten von Menschen, die sich opfern und opfern lassen – für Religion, Politik, Freiheit, Liebe. Da steht die neunfache Mutter, die zur Selbstmordattentäterin wird, neben Mohamed Bouazizi, der sich aus Protest selbst verbrannte und damit den „Arabischen Frühling“ auslöste, hören wir vom sich zu Tode hungernden RAF-Terroristen Holger Meins und dem französischen Politiker Jean Moulin, der starb, bevor die Gestapo ein Geständnis erfolgen konnte, lernen wir den weißrussischen Atomkraft-Fan kennen, der mit seiner Familie nach Tschernobyl fährt und den syrischen Wissenschaftler, der für das Welterbe von Palmyra starb. Und dann ist da Magda Goebbels, die sich selbst und ihre sechs Kinder opferte, als ihre nationalsozialistische Welt unterging. Weit geht es zurück, zu Leonidas‘ aussichtslosem Kampf gegen die Perser, zu Johanna von Orléans und zu Abraham und Isaac. Eine stimme aus dem Off zählt die zeit herunter, sind die 100 Sekunden vorbei, ruft sie unerbittlich „Stop“, bis der Erzählende verstummt.

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Die Kammerspiele des Deutschen Theaters (Foto: Sascha Krieger)

Das geht nicht lange gut: Zunehmend wirkt die einsprechende irritierend auf die Gemaßregelten, bis sich einer – Michael Goldberg, der mit dem neokolonialen Blick eines westlichen Star-Reporters von seinem Versuch erzählt, einen 15-jährigen Pakistani vom Selbstmordattentat abzuhalten – durchsetzt und die stimme aufgibt. 100 Sekunden sind eben nicht genug, um von Märtyrien zu erzählen. Schließlich geht es um die Konstruktion von Sinn – jeder dieser Lion den Tod gehenden tut dies im Dienst einer höheren Bedeutung, sei diese nun Ehre, Vaterland oder Religion. Und der Sinn will erzählt, verstanden sein. Doch kaum ist die Stimme stumm, übernehmen die vier Darsteller*innen selbst die Rolle der Zensur, gegen die sie gerade angesprochen haben, wehren sie sich selbst gegen die Erhöhung des Selbstopfers, die immer auch eine Erniedrigung ist jener, denen der angebliche Mut fehlt, in den Tod zu gehen. Und dass es ein Akt westlicher Hybris ist, der die 100-Sekunden-Regel aufhebt, ist zweifellos eine ironische Brechung, die Regisseur Christopher Rüping will. Gerade wir, die wir so aufgeklärt erscheinen, sind seltsam fasziniert ob der Unerbittlichkeit des Märtyrertodes, stellen ihn medial erst auf das Podest, von dem aus er Macht über uns gewinnen kann.

Dieser erste Teil wirkt beliebig in seiner sachlichen, nur ansatzweise durch Andeutung spielerischer Elemente aufgebrochenen Aneinanderreihung unterschiedlichster Selbstopferungen. Doch je länger das dauert, desto irritierender wird das, desto mehr rückt die erschreckende Nähe der Moulins und Bouazizis zu den Goebbels und Meins ins Bewusstsein. Natürlich bewerten wir diese Tode unterschiedlich, aber warum eigentlich? Wo ist der Unterschied zwischen Mohamed Bouazizis Selbstverbrennung und Holger Meins‘ Hungertod? Sind nicht beide Tode letztlich sinnlos und schlimmer noch: Sind nicht beide totalitäre Gesten? 100 Sekunden fragt nach der Periodisierung von Martyrien, auch indem er ihre veränderliche Wertung vorführt. Etwa in der Geschichte der heiligen Katharina, die Rüping mit viel Theatralik Tamtam ins Lächerliche zieht. Wie überhaupt auch die mediale Vermittlung des Heldentums in den Fokus rückt. So besteht Camil Jamal darauf, die Geschichte Gandhis als jene Ben Kingsleys umzudeuten – ersetzt der Darsteller und damit die funktionale Erhöhung den wo auch immer zu verortenden „echten Menschen“.

Doch hier sind wir schon beim Hauptproblem des abends: Er traut sich selbst nicht über den Weg. Je mehr er vom Grundkonzept abrückt, je mehr er sich Spielerisches aufzwingt, ironisiert und lächerlich macht, desto mehr verwässert er sich selbst, desto mehr erlaubt er dem auf der Bühne platzierten Publikum, sich trotz der unbequemen Holzstühle zurückzulehnen. Dann öffnet sich auch noch der Vorhang zum eigentlichen Zuschauerraum, rückt das Geschehen aus unserer Mitte zurück hinter die vierte Wand. Da wird sich dann kostümiert, banale Lieder von der Schönheit des Lebens geträllert, lächerliche Selbstaufopferungen erzählt. Da hilft es kaum, wenn am Ende der ernst wiederkehrt, etwa in der Geschichte der Teenager aus Bangladesch, die für ihre liebe in den Tod gehen, oder jener des alten Mannes, der sich und seine todkranke Frau tötet, um nicht allein weiterleben zu müssen. Da ist längst schon Ermüdung eingekehrt, sehnt sich der Zuschauer nach dem Ende.

Doch Christopher Rüping zeigt noch einmal, warum er derzeit zu den gefragtesten Regisseuren des deutschsprachigen Theaters gezählt wird. Denn die Darsteller*innen durchbrechen die vierte Wand noch einmal und geleiten die Zuschauer auf deren eigentliche Plätze, wo sich gerade noch – unsichtbar – die Märtyrer versammelt hatten, deren Plätze wir einnehmen. Wo wir eben noch lebten, bleiben leere Stühle, auf welche die Schauspieler*innen Kerzen stellen in der Dunkelheit. Dann herrscht Stille, während wir, die nun in den Schuhen der „Märtyrer“ stehen, auf das starren, was deren Opfertod hinterlassen hat. Da ist kein Sinn, da ist keine Befreiung, da ist keine Erlösung, nur Leere und Tod. Es ist ein starkes, seltsam versöhnliches Ende eines Abends, der widersprüchlich bleibt, es vielleicht auch bleiben muss. Liest man den Beginn von seinem Ende her, erscheint die erste Hälfte um einiges stimmiger und stringenter, gerade weil sie mit der Beiläufigkeit spielt, weil sie sperrig ist und viel harmloser erscheint, als sie ist. In seinem zweiten Teil steht sich der Abend dann selbst im Weg, und – welch schöne Ironie – opfert sich der besseren Zugänglichkeit willen. Am Schluss ist er wieder ganz bei sich, weil er uns, das Publikum herausfordert, sich nicht nur ihm, sondern vor allem uns selbst zu stellen, unseren Illusionen und Zynismen, unserer Faszination mit dem selbstgewählten Tod, unserer Heldenverehrung und ihrer dunklen Kehrseite, uns, die wir Märtyrer zu brauchen scheinen und sie deshalb produzieren. Lange, sehr lange, sollten wir starren auf die Leere, die wir hinterlassen haben, die wir vielleicht selbst sind.

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