Beethoven als Patchwork

Die Berliner Philharmoniker spielen die Neunte zum Abschluss des Beethoven-Zyklus

Von Sascha Krieger

Nicht einmal ein Jahr ist es her, da erklang Beethovens neunte Symphonie, dieses vielgeliebte, kaum genannte, viel zu oft abgetane Jahrtausendwerk, das Höhepunkt der Symphonie und ihr krachendes Scheitern in einem ist, an gleicher Stelle. Anlass war das 25. Jubiläum des Mauerbaus. Damals zimmerten Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker eine Neunte aufs Philharmonieparkett, die alles Heroische verweigerte, die dem ihr innewohnenden Pathos immer wieder in die Parade fuhr, Stachel ins Fleisch rammte, Brüche setzte. Eine fragende, zweifelnde, auch ratlose Neunte. Kaum ein Jahr später ist die Welt, in der wir leben, nicht übersichtlicher geworden. Doch diese Neunte findet kleine Haltung zu ihr, ja, nicht einmal zu sich selbst. Was vor einem Jahr noch der Arbeit mit der musikalischen und ideellen Substanz des Werks galt, ist nun nur noch plakative Behauptung. Dabei beginnt der Abend recht vielversprechend. Dem Kopfsatz gibt Rattle strukturelle Klarheit, er betont Zusammenhalt wie Brüchigkeit des komplexen Gebildes, erzeugt Spannung aus dem Wechsel von Ruhe und Aufgewühltheit, ein rastloses Dazwischen, das nur kurz zu sich kommt. Das Spiel ist rhythmisch grundiert, verknappt, streng, was dem Allegro zumindest nicht schadet. Hier ringen Gewissheit und Zweifel miteinander.

Schon anlässlich des 25. Mauerfalljubiläums im November 2014 dirigierte Sir Simon Rattle Beethovens Symphonie Nr. 9 (Foto: Monika Rittershaus)

Schon anlässlich des 25. Mauerfalljubiläums im November 2014 dirigierte Sir Simon Rattle Beethovens Symphonie Nr. 9 (Foto: Monika Rittershaus)

Die dann beide schnell verfliegen. Denn Rattle zieht die Zügel im Molto Vivace weiter an – und bringt den Satz dadurch an den Rand des Erstickens. So verlieren die hohen Tempi jeden voraneilenden Charakter, sondern sorgen für einen Eindruck aufgezwungener Hast. Überhaupt beginnen die formenden Elemente die Oberhand zu gewinnen. Das Spiel ist streng und scharfkantig, der Klang dicht und dunkel, und doch ist da wenig Kraft und keine Spannung. Erst gegen Satzende erlaubt Rattle so etwas wie eine organische Entwicklung, die dann ein wenig Energie zu erzeugen vermag. Ansonsten wächst der zweite Satz unter seinem viel zu engen Korsett. Dem Adagio ergeht es kaum besser. Hier ist nichts von Weite zu spüren, die Tempi sind sehr langsam, der Satz wirkt über weite Strecken viel zu behäbig. Vielleicht will Rattle hier jeglichen wohligen Fluss vermeiden, das Ergebnis ist jedoch spannungsarmer Stillstand. Da versucht man es mit künstlicher Überbetonung dynamischer Kontraste, die zusätzlich noch für Unruhe sorgen. Dieser Satz scheint mehr bestimmt vom Wissen, was Dirigent und Orchester nicht wollen, als von irgendeiner zu definierenden Richtung.

Keine guten Vorzeichen für das Finale, das sofort mit einer Unwucht beginnt. So überzeugend die Antwortpartien der Celli geraten, gerade weil sie sehr behutsam, fast ängstlich und gar nicht selbstgewiss daherkommen, so sehr hängen sie doch in der Luft, denn den „Fragen“ fehlt jegliche Klarheit oder Überzeugung. Immer wieder schleichen sich Undeutlichkeit ein, kippt der Klang ins Unentschiedene, fast Verwaschene. Auch dieser Satz hat kein Ziel, nicht zuletzt weil Rattle zu sehr im Detail sucht. Hier soll kein Sog entstehen, was zur Folge hat, dass zuweilen die gewollte Sperrigkeit beinahe groteske Formen annimmt. Viel zu stark ist der Fokus auf der Binnenrhythmik der einzelnen Themen, erfolgt der Kontrafagotteinsatz nach dem „Cherub“-Vers viel zu brachial, der Chorgesang wirkt streckenweise wie abgehackt, ein abrupt hingeworfenes „Brüder“ gegen Ende klingt fast wie gerappt. Wo Rattle vorkeimen Jahr gezielt Brüche setzte, wirken seine Strukturierungsversuche hier willkürlich und unangenehm plakativ. Das liegt nicht am Rundfunkchor Berlin, über dessen Ausdrucksreichtum wohl kein Wort mehr zu verlieren ist, auch nicht am gut harmonisierende Solistenquartett um den vollen, warmen und sachlich klaren Bassbariton Dmitry Ivashchenko. Nein, das Problem liegt darin, dass Rattle in den letzten elf Monaten vergessen zu haben scheint, wohin er mit der Neunten will. Das Ergebnis ist ein seltsames Patchwork, bei dem mit zunehmender Dauer immer weniger zusammenpasst und das im Finale vollends zerfällt. Der Höhepunkt eines Beethoven-Zyklus klingt anders.

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